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Essay: Die unreflektierte Sprache der Hirnforschung

Der Debatte um die Hirnforschung mangelt es an einer umfassenden Sprachkritik, meint der Marburger Philosoph Peter Janich. Ohne diese seien viele der diskutierten Fragen aber nicht zu klären. Die Erforschung der Denkvorgänge werde nicht zu einem neuen Menschenbild führen.

Hirnschrittmacher des Forschungszentrums Jülich (2006): Durch falsche Reihenfolgen des Fragens entstandenes Scheinproblem Zur Großansicht
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Hirnschrittmacher des Forschungszentrums Jülich (2006): Durch falsche Reihenfolgen des Fragens entstandenes Scheinproblem

Die gegenwärtige Debatte um die Hirnforschung und ihre Folgen für unser Menschenbild, für Gesetzgebung, Rechtsprechung, Erziehungsstile und Geschichtsverständnis spielt sich in einer wenig reflektierten Sprache ab. Von medizinischer Fachterminologie bis zur populären Rede über Erkenntnis, Willensfreiheit und Selbstbewußtsein, von der wissenschaftstheoretischen Diskussion über Erfahrung, Experiment, Beweisen und Widerlegen bis zu weltanschaulichen Anrufungen von Werten reicht die Bandbreite sprachlicher Mittel.

Polemische Schärfe und begriffliche Oberflächlichkeit sind die komplementären Züge eines Aufeinander-Einredens und Aneinander-Vorbeiredens der Kontrahenten. Ihnen ist philosophisch mit Sprachkritik zu begegnen. Zwar sind die diskutierten Fragen keine reinen Sprachprobleme. Aber ohne Klärung der sprachlichen Verhältnisse sind sie sicher überhaupt nicht zu lösen.

Kritik ist dabei nicht im Sinne der Alltagssprache zu verstehen, sondern im Sinne ursprünglicher Wortbedeutung als methodisch nachvollziehbares Unterscheiden und Beurteilen. Mit Sprachkritik bleibt die Philosophie bei ihrer seit der Antike angestammten zentralen Aufgabe gegenüber den Wissenschaften.

Aus der Philosophie des Methodischen Konstruktivismus und Kulturalismus stammt der Ansatz, unklaren Sprachgebräuchen mit einer Rekonstruktion zu begegnen. Statt vorgefundenen, üblichen Sprechweisen Klarheit und Verläßlichkeit zu unterstellen oder dem subjektiven Sprachgefühl von Sprechern und Hörern zu überlassen, werden sie aufgenommen und auf ausdrückliche, also ausgeführte Verwendungsregeln gebracht. Der Anspruch dieser Rekonstruktion ist ein doppelter: einerseits soll das Nachkonstruieren des Sprachgebrauchs diesem etwas hinzufügen und dadurch Klarheit und Wahrheit gewinnen, andererseits muss es dem kritisierten Sprechen inhaltlich angemessen sein. Deshalb ist hier weder die gehobene Bildungssprache noch die wissenschaftliche Fachterminologie, weder die in ihren geschichtlichen Belastungen undurchschaute Alltagssprache noch die sprachliche Vorliebe irgendwelcher Philosophien als selbstverständlich genommen. Sogar die empirischen oder die sogenannten "exakten" Wissenschaften verdienen immer den kritischen Blick auf ihre begrifflichen Mittel, weil sie häufig eher unbedachten Redegewohnheiten der Experten als der ausdrücklich gegebenen und damit intersubjektiv nachvollziehbaren Definition verpflichtet sind.

Die derzeitige Hirndebatte lässt sich drei Sprachebenen beziehen: die Objektsprache, die Parasprache und die Metasprache.

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Zur Person
Peter Janich, geboren 1942, ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Marburg. Im Suhrkamp Verlag erschienen unter anderem "Kultur und Methode" (2005), "Was ist Information?" (2006).
DDP
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Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz


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