Die Aufgabe, die durch die Angebote der Lebenswissenschaften aus den Fugen geratende soziale Ordnung zu stabilisieren, übernehmen einander ergänzende und unterstützende Humantechniken. Die neu erzeugten Lebensformen und andere biologische Entitäten sind so in die Gesellschaft zu integrieren, daß eine akzeptable Koexistenz zwischen den Menschen und den von ihnen geschaffenen Artefakten möglich wird. Humantechniken verfügen für diese Aufgabenstellung über geeignete Mechanismen und Verfahren; sie müssen freilich an den jeweiligen Kontext angepaßt werden.
Im gesellschaftlichen Zusammenleben funktionieren Humantechniken ähnlich wie materielle Techniken: sind sie einmal etabliert, ersetzen sie die Notwendigkeit, den Konsens immer wieder neu herstellen zu müssen. Sie schaffen Standards, die als Referenz und Maßstab für ansonsten nicht vergleichbare Situationen, für den Einsatz verschiedener Mittel und angemessenes Verhalten dienen.
Die älteste und bewährteste Humantechnik ist das Recht, das sich angesichts der Einführung neuer Technologien laufend mit großen Herausforderungen konfrontiert sieht. Seit der Industrialisierung geht es darum, die Technik an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen und nicht umgekehrt: es geht um ihre Humanisierung. Das relativ junge Instrument der Governance ist eine weitere Humantechnik, die dazu dient, die unterschiedlichsten und oft unvereinbaren Interessen einer wachsenden Anzahl von Akteuren in politische Optionen zu übersetzen und die daraus resultierenden Interdependenzen zu managen. Als dritte, für die Lebenswissenschaften unverzichtbar gewordene Humantechnik hat sich die Bioethik etabliert. Sie ist inzwischen hochprofessionalisiert und hat sich als allgemeingültige Währung einer globalen moralischen Ökonomie etabliert. Liberal-demokratische Gesellschaften setzen diese Humantechniken mit unterschiedlichem Erfolg ein, wenn es darum geht, ihre umstrittene Zukunft pluralistisch zu gestalten.
Neuordnung des Lebens
Das effiziente Arrangement von Standards, die sich auf die Messung und Vereinheitlichung des molekularen Lebens stützen, findet sein Korrelat in Standards, die das richtige soziale, politisch wie ethisch verantwortliche Verhalten beinhalten. Diese Konvergenz öffnet den Blick auf eine Zukunft, in der die Standardisierung des Lebens ausdrücklich in diesem doppelten Sinne vorangetrieben wird. Eines der gegenwärtig aktuellsten Forschungsgebiete, die synthetische Biologie, hat sich eine Neuanordnung des Lebens durch das Design seiner Bestandteile zum Ziel gesetzt. Dazu müssen diese jedoch zunächst standardisierbar gemacht werden. Die synthetische Biologie entwickelt sich über den ad hoc-Einsatz technischer Verfahren hinaus zu einem systematisch betriebenen Unternehmen.
Ein Beispiel dafür ist die vollständige Sequenzierung der mikrobischen Vielfalt des Ozeans. Ausgehend von den auf diese Weise gewonnenen Teilstücken sollen künstlich Fertigteile hergestellt werden, die sich für bestimmte Funktionen neu zusammenfügen lassen. Dabei spielen Standards und verfügbare Standardregister eine entscheidende Rolle. An einem frappierenden Beispiel wird eines der charakteristischen Merkmale der synthetischen Biologie erläutert: die Koppelung von biologischen mit sozialen Standards, im konkreten Fall mit moralischen Werten. Das Design wird zum Leitprinzip der Synthetisierung der Zukunft. Dabei handelt es sich einerseits um eine folgerichtige Weiterentwicklung der Ingenieurwissenschaften und ihres Ideals des Entwerfens. Andererseits wird dadurch deutlich, daß das Design von Standards weitaus mehr ist als eine Frage der Technik.
Der wissenschaftliche Superorganismus
Die Überzeugung, vor einem epochalen Durchbruch mit 'revolutionären' Möglichkeiten zu stehen, ist nicht neu, begleitet sie doch jede Technovision. Angesichts der Faszination, die das Neue an sich hat, und seiner vermeintlichen Diskontinuität darf jedoch die Beharrungskraft und der 'Schock des Alten' nicht aus den Augen verloren werden. Die Kontinuität gesellschaftlicher Entwicklungen ist nicht zu unterschätzen.
Drei Bezugspunkte, die in einem engen Verhältnis stehen, geben den Blick frei auf eine mögliche Gestaltung der Zukunft. Der erste ist eine zunehmend global agierende Wissenschaft, deren Organisationsform sich rapide verändert. Ein wissenschaftlicher Superorganismus ist im Entstehen, dessen dezentralisierte Teile untereinander vernetzt sind.
Was bedeutet es für die Individuen, sich in freiwilligen wie unfreiwilligen Zusammenschlüssen auf der molekularen Ebene wiederzufinden? Ihre Identität und (multiple) Zugehörigkeit wird genetisch und sozial neu bestimmt. Die Individuen und ihre Erfahrungen bilden den zweiten Bezugspunkt.
Im dritten Bezugspunkt befinden sich die Institutionen. Ihre Aufgabe ist es, soziale Praktiken, deren offizieller Status noch umstritten oder nicht festgelegt ist, so zu stabilisieren, daß ein pluralistisches Zusammenleben möglich wird. Das Experimentieren mit neuen Formen des Lebens und Zusammenlebens braucht legitimierte Spielräume. Im Zusammenwirken dieser drei Bezugspunkte wird der Primat des Politischen sichtbar, der die Optionen der Gesellschaft und ihrer Individuen, 'jenseits des arbiträren Polytheismus sozialer Werte und individueller Meinungen und Präferenzen' (Thévenot) neu definiert.
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