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Essay zum Gen-Zeitalter: Mein Haus, mein Auto, meine DNA

Die Entzifferung des Erbguts wird die menschliche Gesellschaft stark verändern, glauben die Forscher Helga Nowotny und Giuseppe Testa. Mit der Neudefinition der Gene werden auch Individuum und Gemeinschaften neu definiert, schreiben sie in einem edition-unseld-Essay.

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DNA-Analyse (Archivbild): Interdependenzen auf der molekularen Ebene finden ihre Entsprechung in Interdependenzen zwischen Individuen und Gemeinschaft

Während neue wissenschaftliche und biotechnologische Durchbrüche die bestehende soziale Ordnung herausfordern, tragen Humantechniken zur Stabilisierung der neu entstehenden Konfigurationen von natürlicher und sozialer Ordnung bei. In pluralistischen Gesellschaften vermischen sich die neuen Formen des Lebens mit neuen Formen des sozialen Zusammenlebens. Die dabei entstehenden Arrangements zwischen biotechnologischen und sozialen Innovationen zeigen die Richtung auf, in die sich sowohl die Wissenschaft als auch die sie begleitenden demokratischen Experimente bewegen.

Die Möglichkeiten, Dinge und Vorgänge im Inneren des Körpers sichtbar zu machen, übersteigen alles bisher Dagewesene. Statt der Organe, durchdringt der molekulare Blick heute die Gene. Doch die Dinge und ihre Zusammenhänge werden dadurch nicht einfacher. Im Gegenteil. Unter der Vorherrschaft des molekularen Blicks ist Wissen zum Handeln geworden. Heute gilt: das Leben zu erkennen, heißt das Leben zu verändern.

Trotz des weitverbreiteten Gefühls, an der Schwelle eines neuen Zeitalters zu stehen, geht das Neue mit dem Alten im Alltagsleben andere, noch unerprobte Konfigurationen ein. Was heute im Brennpunkt öffentlicher Kontroversen steht, wurde vorgedacht, in Mythen erträumt oder durch eine lange gemeinsame Geschichte der Domestizierung von Pflanzen und Tieren vorweggenommen. Dies gilt insbesondere für zwei Bereiche, in denen sowohl die neuerlangte Sichtbarkeit der Gene als auch das Kontinuum in der scheinbaren, durch das Neue geschaffenen Diskontinuität eine große Rolle spielen: in den assistierten Reproduktionstechnologien (ART) und dem Streben nach Leistungssteigerung mit ihrem kontroversen, doch zukunftsweisenden Potential.

Je mehr wir über unsere eigene Biologie wissen, desto weniger sind wir fähig, dieses Wissen in ein kohärentes Ganzes einzupassen. Im Prozeß der molekularen Reduktion des Funktionierens als Person nehmen die dabei gewonnenen Erkenntnisse eine essentialistische Gestalt an. Was beim Herauslösen der "epistemischen Dinge" aus ihrem Kontext verlorengeht, sind die gesellschaftlichen Zusammenhänge, in die sowohl die Fortpflanzung als auch das Streben nach human enhancement eingebettet sind. Die neue Sichtbarkeit der Gene verleitet dazu, den neu geschaffenen Lebensformen einen eigenen, essentialistischen Status zuzuschreiben. Sie werden - fälschlicherweise - als Agenten angesehen, die selbst handeln können.

Veränderter Blick auf Doping

Das uralte Streben nach Glück und nach Verbesserung der menschlichen Leistungsfähigkeit läßt sich nun bald auch auf genetischem Wege erreichen. Dadurch werden erneut Diskontinuitäten heraufbeschworen, die vor allem im Bereich des Sports eine hohe Brisanz erlangen. Paradigmatisch für das Streben nach Leistungssteigerung, das unser gegenwärtiges Leben prägt, vermischt sich hier in einer schwer auseinanderzuhaltenden Weise das Natürliche, von innen Kommende, mit einem von außen kommenden Künstlichen.

Ein Beispiel ist das Sportdoping, an dem sich zeigt, wie im Namen einer fiktiven Natürlichkeit sowie einer fiktiven Gleichheit eine letzten Endes illusionäre Säuberung des (natürlichen) Lebens angestrebt wird. Ausschlaggebend dafür sind nicht zuletzt die Errungenschaften der Molekulargenetik der letzten zwei Jahrzehnte, die zur kritischen Überprüfung und Revidierung des Begriffs und der Funktion von Genen geführt haben. Diese werden heute zunehmend als Epigene verstanden, d. h. als Vererbungsmechanismen, die nicht von der DNA-Sequenz abhängen. Die Entwicklungen im Sport sind deshalb so interessant, weil sie beispielhaft offenkundig machen, daß sich eine rigide Grenzziehung zwischen künstlich/technisch und natürlich nicht aufrechterhalten läßt.

Meine Gene gehören mir

Was und wer zu wem gehört, sind Fragen über Identität, Eigentum und Zugehörigkeit, die sich quer durch alle Begegnungen mit der Biotechnologie ziehen. Sie verdeutlichen die Bruchlinien, entlang derer die vielfältigen und umstrittenen Zukunftsentwürfe in der öffentlichen Debatte imaginiert, artikuliert und entschieden werden. Die Prozesse auf der molekularen Ebene führen auf der gesellschaftlichen Ebene zu Zugehörigkeiten, die ebenso umstritten wie klärungsbedürftig sind. Interdependenzen auf der molekularen Ebene finden ihre Entsprechung in Interdependenzen zwischen Individuen und Gemeinschaft.

Die Macht der Bilder

Für die Gesellschaft stellt sich die Frage, in welcher Weise die molekular erzeugten Lebensformen in die bestehende soziale Ordnung zu integrieren sind. Was aus der Fülle des wissenschaftlich-technischen Potentials soll, was kann verwirklicht werden? Drei Diskurse liefern darauf partielle und widersprüchliche Antworten: der Innovationsdiskurs, der Risikodiskurs und der Wertediskurs. Vor allem letzterer wird von einer wahren Flut von Bildern und Assoziationen geprägt, die - von niemandem kontrollierbar - mit den neuen Lebensformen unvorhersehbare Verbindungen eingehen und die Imagination wie die Alltagserfahrung der Menschen prägen.

Viele dieser Bilder verändern die Wahrnehmung der Natur als der unwandelbaren, moralischen Autorität, die sie über Jahrhunderte hinweg war. Sie wird zur Materie reduziert, die manipuliert und patentiert werden kann.

Doch gerade diese Sichtweise ruft Gegenkräfte auf den Plan, die am Bild einer unwandelbaren Natur festhalten wollen. In dieser zerklüfteten moralischen Landschaft trifft die genetische Sichtbarkeit des Lebens auf die Sichtbarkeit von (wiedererstarkten) Werten. Doch in einer pluralistischen Gesellschaft sind und bleiben Werte heterogen. Sie verändern sich und stehen in Widerspruch zueinander. Das Ringen um die Gestaltung der Zukunft hat eingesetzt, doch diese muß, wie offen und ungewiß sie auch sein mag, das Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft ermöglichen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
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1. Also doch: Ewiges Leben in Sicht...
e.schw 20.10.2009
Zitat von sysopDie Entzifferung des Erbguts wird die menschliche Gesellschaft stark verändern, glauben die Forscher Helga Nowotny und Guiseppe Tesla. Mit der Neudefinition der Gene werden auch Individuum und Gemeinschaften neu definiert, schreiben sie in einem edition-unseld-Essay. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,654621,00.html
Zitat Spiegel Online: “Für die Gesellschaft stellt sich die Frage, in welcher Weise die molekular erzeugten Lebensformen...” und “Die neu erzeugten Lebensformen...” Habe ich da etwas verpasst? Ich rege an, diesen Heilsbringern im Vorgriff auf die in Kürze zu erwartende Rezeptur für das ewige Leben den Nobelpreis zu verleihen. Der Eintritt des Erfolgs ist fast so sicher wie der Weltfriede nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an den amerikanischen Präsidenten.
2. ...
Celegorm 20.10.2009
Zitat von e.schwZitat Spiegel Online: “Für die Gesellschaft stellt sich die Frage, in welcher Weise die molekular erzeugten Lebensformen...” und “Die neu erzeugten Lebensformen...” Habe ich da etwas verpasst? Ich rege an, diesen Heilsbringern im Vorgriff auf die in Kürze zu erwartende Rezeptur für das ewige Leben den Nobelpreis zu verleihen. Der Eintritt des Erfolgs ist fast so sicher wie der Weltfriede nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an den amerikanischen Präsidenten.
Was hat das mit "ewigem Leben" zu tun? Es geht dabei doch wohl offensichtlich um "künstlich" erzeugte Organismen. Allerdings ist beim ganzen Text relativ schwer nachvollziehbar, was die Autoren eigentlich genau sagen möchten. Oder weniger freundlich ausgedrückt, der Schwurbelgehalt des Artikels ist definitiv jenseits der Schmerzgrenze..
3. Zwar älter, aber nicht alt werden...
e.schw 20.10.2009
Zitat von CelegormWas hat das mit "ewigem Leben" zu tun? Es geht dabei doch wohl offensichtlich um "künstlich" erzeugte Organismen. Allerdings ist beim ganzen Text relativ schwer nachvollziehbar, was die Autoren eigentlich genau sagen möchten. Oder weniger freundlich ausgedrückt, der Schwurbelgehalt des Artikels ist definitiv jenseits der Schmerzgrenze..
Habe ich auch so verstanden. Ich habe allerdings den allseits erhofften nächsten Schritt vorweggenommen und den Kandidaten als Anreiz gleich mal den Nobelpreis in Aussicht gestellt - der dem mit Sicherheit winken würde, der den Menschen vom lästigen Altern befreit.
4. Beängstigende Rolle der Institutionen
Norbert Jansen 20.10.2009
Wenn die Werte oder Theologismen als Basis des sozialen mehr und mehr "arbiträr" und damit ja unverbindlich werden, dann ist es schon logisch, dass die Institutionen eine vermittelnde, sprich ordnende Rolle einnehmen müssten. Aber wo das hinführt, ist sehr leicht abzusehen. Seltsam, dass die Einzelnen alle durchaus über Werte noch verfügen, der Verlust des großen einheitlichen Wertesystems aber beklagt wird.
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Zur Person
Helga Nowotny ist Vizepräsidentin des Europäischen Forschungsrates und emeritierte Professorin der ETH Zürich. Sie gilt als die Grande Dame der Wissenschaftsforschung in Europa. Ihre Kenntnisse der aktuellen Dynamik der Wissensproduktion und die Klarheit ihrer Analysen haben ihr international hohes Ansehen weit über die Fachgemeinschaft hinaus eingetragen.

Giuseppe Testa leitet das Labor für Stammzell-Epigenetik am Europäischen Institut für Onkologie (IEO) in Mailand. Seine Ausbildung erhielt er in Medizin, Molekularbiologie und Bioethik. Er hat zahlreiche Arbeiten über Gentechnologie und Bioethik publiziert. Testa ist Mitglied des Ethikrates der Internationalen Gesellschaft für Stammzellforschung und Mitbegründer des ersten integrierten PhD Programms in Biowissenschaften, Ethik und Epistemologie an der Europäischen Hochschule für Molekulare Medizin (SEMM) in Mailand.
DDP
Die Naturwissenschaft prägt das Weltbild in den westlichen Staaten. Hat Gott ausgedient? Kommt die Wissensgesellschaft vom Weg ab? Wie findet das Individuum seinen Platz in einer immer schnelleren und komplexeren Welt? In der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags definieren Forscher und Schriftsteller das Verhältnis zwischen Mensch und Forschung. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE haben die Autoren ihre Bände, die im Buchhandel erhältlich sind, zu Essays verdichtet.

Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz


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