Natürlich will ich mit alldem nicht sagen, dass wir den Begriff der Würde ein für alle Mal aus unserem Vokabular streichen sollten. Noch viel weniger will ich behaupten, dass wir ihn aus unserer Verfassung eliminieren müssen. Wie wir alle wissen, ist der Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" als Reaktion auf die unvergleichlichen Gräueltaten des Nationalsozialismus in unser Grundgesetz aufgenommen worden, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass Menschen mit ihresgleichen nicht nach Belieben umgehen dürfen. Und hier erweist sich der Appell an die Würde des Menschen auch als das, was er in Wirklichkeit ist, nämlich eine bloße Deklaration.
In der bioethischen Diskussion, und darum geht es mir hier, hat der Begriff der Menschenwürde jedoch nichts verloren. Hier dient er fast ausnahmslos als ideologische Waffe, mit der man seine Gegner mundtot machen will. In Ermangelung eines Arguments zieht man das Schlagwort der Menschenwürde aus dem Ärmel, um die Diskussion zu beenden. Wer will schließlich auch weiterdiskutieren, sobald eine biomedizinische Technologie einmal als eine grobe Verletzung der Menschenwürde entlarvt worden ist?
Um zu verdeutlichen, dass uns der Rekurs auf die Menschenwürde keinen Schritt weiterbringt, möchte ich auf die eingangs erwähnten Technologien des Neurodopings sowie der Chimärenbildung zurückkommen. Unter Enhancement versteht man generell die Verbesserung menschlicher Fähigkeiten. Mit Hilfe des so genannten Neuro-Enhancements mögen wir vielleicht eines Tages unsere kognitiven und emotionalen Fähigkeiten verbessern. So genannte Smart Pills könnten unsere Konzentrationsfähigkeit und unser Erinnerungsvermögen erhöhen; Happy Pills könnten Befinden und Antrieb steigern.
Unter Chimären versteht man Lebewesen, die Zellen verschiedener Spezies enthalten.
Sofern solche Präparate sicher, zuverlässig und nebenwirkungsarm wären, spräche eigentlich nichts gegen ihre Einnahme. Dennoch sehen Bedenkenträger auch hier wieder die Würde des Menschen in Gefahr. Doch inwieweit verletzt jemand, der seine Stimmung mit einer Glückspille aufhellt, seine Würde? Nicht einmal Kant würde etwas dagegen einzuwenden haben. Seiner Meinung nach ist es gerade die Menschenwürde, die es uns verbietet, ihm vorzuschreiben, wie er sein Leben zu leben hat: "Niemand kann mich zwingen auf seine Art glücklich zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der Freiheit anderer nicht Abbruch tut."
Unter Chimären versteht man Lebewesen, die Zellen verschiedener Spezies enthalten. Wenn wir einem menschlichen Embryo tierische Zellen hinzufügen, würde er also zu einer Chimäre heranwachsen. Wie nicht anders zu erwarten, ist selbstverständlich auch die Bildung von Chimären als ein Angriff auf die Würde des Menschen diffamiert worden. Doch wer so spricht, weiß in aller Regel gar nicht, wozu diese Art von Forschung überhaupt betrieben wird. Es geht nicht darum, irgendwelche Monster zu schaffen, sondern uns von einigen Geißeln der Menschheit zu befreien.
Ein Beispiel: Wie weithin bekannt, gibt es eine Vielzahl von Tieren, die gegenüber dem HI-Virus resistent sind. Sollte diese Immunität auf einem speziellen Gen beruhen, ist es denkbar, dieses Gen zu isolieren und in das Genom der Menschen einzuschleusen. Auf diese Weise würden unsere Kinder und Kindeskinder schon bald vor Aids gefeit sein. Ähnliches versucht man mit Genen, die uns vor bestimmten Arten von Krebs bewahren sollen.
Was also könnte dagegen sprechen, künftige Generationen vor Aids und Krebs zu schützen? Wie beim Enhancement, so kommt es auch bei der Bildung von Chimären auf das Risiko an, das mit diesem Eingriff verbunden ist. Sofern die Eingriffe sicher sind, spricht nichts, aber auch gar nichts dagegen. Wer sich dennoch vor Chimären ekelt, sei daran erinnert, dass wir streng genommen alle Chimären sind. Denn jeder von uns enthält tierische Zellen in seinen Gedärmen, nämlich Bakterien. Hat sich deswegen jemals einer in seiner Würde verletzt gefühlt?
Lasst uns also die Konsequenzen ziehen und den Einwand der Verletzung der Menschenwürde ein für alle Mal aus der bioethischen Diskussion verbannen.
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