Ethik-Debatte Renommierter Rechtsprofessor will Ärzte zu Suizidhelfern machen

Die Politik streitet noch, inwieweit das Selbstbestimmungsrecht von Patienten respektiert werden muss, da bricht der Medizinrechtler Jochen Taupitz ein Tabu. Ärzte sollten Suizidhelfer werden, fordert er im SPIEGEL-Gespräch - er sehe da keine juristischen Probleme.

Von Caroline Schmidt


Medikamente: Ärzte als Experten für die richtige Dosierung
DDP

Medikamente: Ärzte als Experten für die richtige Dosierung

Mannheim - Der Vorschlag ist so verwirrend wie pragmatisch: In der emotionalen Debatte um Sterbehilfe fordert jetzt der renommierte Mannheimer Medizinrechtler Jochen Taupitz in einem SPIEGEL-Gespräch die Ärzte auf, als Suizidhelfer zu arbeiten. "Ein Arzt darf helfen", sagt das Mitglied des Deutschen Ethikrates.

Medizinrechtler Taupitz: "Unmenschlich, einen Patienten allein zu lassen"
DDP

Medizinrechtler Taupitz: "Unmenschlich, einen Patienten allein zu lassen"

Kranke, die schwere körperliche Leiden ertragen müssten, hätten gute Gründe, aus dem Leben zu scheiden, so Taupitz: "Ich finde es unmenschlich, einen Patienten dann alleine zu lassen."

Mit dem Vorstoß kommt zwei Wochen, nachdem der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch das Ende seiner Karriere als Sterbehelfer verkündet hat, neue Bewegung in die Debatte. Taupitz begründet seine Position damit, dass Ärzte für diese Aufgabe besonders gut qualifiziert seien - weil sie am ehesten wissen, wie man prüft, ob ein Mensch aus freiem Willen aus dem Leben scheiden will, und wie man die entsprechenden Medikamente richtig dosiert. "Nichts ist schlimmer als ein misslungener Suizid", sagt Taupitz.

Aus juristischer Sicht könnten die Ärzte sogar gleich mit dieser neuen Tätigkeit beginnen: "Suizid und Beihilfe zum Suizid sind nicht strafbar", sagt der Jurist. Auch im Berufsrecht gebe es "keine Regel, die den Ärzten die Suizidhilfe verbietet". In den Standesrichtlinien heiße es lediglich, dass Suizidhilfe unethisch sei - darüber könne sich aber jeder Arzt problemlos hinwegsetzen.

Damit stellt sich Taupitz gegen die Auffassung der Bundesärztekammer. Deren Präsident Jörg-Dietrich Hoppe warnt seit Jahren vor der Praxis eines assistierten Suizids: Es könne ein Druck auf alte und kranke Menschen entstehen, früher zu sterben.

Taupitz argumentiert demgegenüber, gerade dann sei es wichtig, dass eine fachkundige Person herausfindet, ob es "wirklich die freie Patientenentscheidung ist oder die der Erben". Am besten geeignet für ein solches Gespräch sei der Hausarzt, der den Sterbewilligen seit Jahren kennt.

Aktive Sterbehilfe will Taupitz den Ärzten aber - wie Hoppe - auf keinen Fall erlauben. "Ich finde, der Patient muss unbedingt die Tatherrschaft ausüben", sagt der Rechtsprofessor. Der Selbsterhaltungstrieb sei eine große Hürde, die man nicht so einfach überwinde. "Das ist anders, wenn ein Außenstehender die Spritze setzt." Außerdem sei die Missbrauchsgefahr zu groß; in den Niederlanden komme es immer wieder zu Tötungen, ohne dass der Betroffene explizit darum gebeten habe.

Beim Thema Patientenverfügung plädiert Taupitz für eine pragmatische Lösung. Die Behandlungswünsche sollten nach ärztlicher Beratung schriftlich niedergelegt werden und dann für alle beschriebenen Situationen gelten - auch wenn das bedeutete, dass der Patient dann weit vor seiner Zeit stirbt.

Dies wäre ein Kompromiss aus den verschiedenen Positionen, die im Bundestag vertreten werden. Die Parlamentarier debattieren seit sechs Jahren über diese Fragen. Dennoch gilt es als unwahrscheinlich, dass sie in dieser Legislaturperiode zu einer Lösung kommen.



Forum - Ärzte als Suizidhelfer - Ihre Meinung?
insgesamt 823 Beiträge
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Seite 1
forumgehts? 08.03.2009
1.
Zitat von sysopDie Bundestagsabgeordneten streiten noch, wie weit das Selbstbestimmungsrecht eines Patienten respektiert werden muss - da bricht der renommierte Mannheimer Medizinrechtler Jochen Taupitz überraschend ein Tabu. Er will Ärzte in Deutschland zu Suizidhelfern machen. Was denken Sie - soll dies erlaubt werden?
Was heisst hier erlaubt? Durch die Gesundheitsreform werden Ärzte und Krankenhäuser unfreiwillig zu Sterbehelfern. Weg mit der Heuchelei - gebt Sterbehilfe zu und lasst Suizidhilfe zu.
Haio Forler 08.03.2009
2.
Zitat von sysopDie Bundestagsabgeordneten streiten noch, wie weit das Selbstbestimmungsrecht eines Patienten respektiert werden muss - da bricht der renommierte Mannheimer Medizinrechtler Jochen Taupitz überraschend ein Tabu. Er will Ärzte in Deutschland zu Suizidhelfern machen. Was denken Sie - soll dies erlaubt werden?
Da sind wir doch endlich da, wo wir lange hin solten. Und da werden wir auch hinkommen. Unheilbar Kranken, die zuvor einen Sterbewunsch für diesen Fall hinterlegt haben, ein würdiges Sterben zu ermöglichen - durch eine Begutachtung von Verwandten und mehreren Fachärzten. Ich bin jetzt mal weg, bevor ich hier die religiösen Märchenerzähler anrücken und wieder über Patienten entscheiden wollen.
girelle 08.03.2009
3. Ärzte als Suizidhelfer
So würde dem schwierigen Problem Suizidbeihilfe endlich alles Anrüchige genommen werden. Es klingt auf einmal alles so vernünftig und - ja, ich würde sogar sagen - normal. Was mich selbst betrifft, so konnte ich noch nie einsehen, dass mein Leben, über das ich seit dem Erwachsenwerden selbst bestimmen muss, das ich hegen und pflegen oder aber ruinieren kann, ohne dass mir jemand darüber Vorschriften machen darf, plötzlich, wenn es um das Allerwichtigste geht, nicht mehr in meiner Verfügungsgewalt sein soll. Ich sehe Fortschritte in der Behandlung des Themas.
jgb 08.03.2009
4. Bezeichnend
Es ist bis auf wenige Einzelfälle möglich jemand mit Medikamenten schmerzfrei zu halten. Das dagegensprechende Argument, der Abhängigkeit, ist vollkommen absurd. Den meisten alten Menschen die sterben wollen, fehlt oft nur die Zuwendung. In manchen Altersheimen herrschen diesbezüglich katastrophale Zustände, wobei man hier nicht alle über einen Kamm scheren darf. Manchmal werden die alten Menschen allerdings nur mit Medikamenten stillgelegt. Der nächste Schritt wird sein dass man die Menschen die an Demenz leiden, aus Kostengründen, tötet. Wir leben in einer Gesellschaft in der der materielle Wohlstand im Vergleich zur "Dritten Welt" schon wehtut, die Unmenschlichkeit bei dem Umgang mit Alten und Kranken allerdings auch. Ich Persönlich will leben bis zum Schluss ohne Druck mich aus Kostengründen umbringen zu sollen.
seine_unermesslichkeit 08.03.2009
5.
Weiss doch jeder, dass die Lobbyisten der Bundesärztekammer und der Pharmaindustrie nur eines wollen: Die sterbewilligen Alten möglichst lange am Leben zu erhalten, um sie so lange es irgend geht, zu schröpfen. Die Abgeordneten und Heuchler des Bundestages spielen da natürlich voll mit. Ich könnte wetten, dass nicht ein einziger "Parlamentarier" sich auch nur eine Stunde mal in einem Hospiz aufgehalten hat. Das muss er auch nicht, denn er weiss auch so, dass sich mit seiner "ethischen Heuchelei" gut Volksnähe demonstrieren lässt!
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