Ethik-Dilemma Stammzell-Forscher feiern Erfolg - und fürchten politischen Missbrauch

Eizellen-Recycling, möglicherweise Stammzellen aus Bindehaut: Zwei Forschungsteams melden bemerkenswerte Erfolge in der Biomedizin. Sie könnten Auswege aus dem Ethik-Dilemma der Stammzellforschung eröffnen - doch die Wissenschaftler fürchten, dass ihre Ergebnisse in der politischen Debatte missbraucht werden.

Von Stefan Schmitt


Der Weg aus dem Labor in die Politik ist manchmal kürzer, als es Wissenschaftlern lieb ist. Kaum ein anderes Thema zeigt das deutlicher als die Bioethik. Heute veröffentlicht die Zeitschrift "Nature" drei Fachaufsätze über Stammzell-Experimente.

Es wird nicht lange dauern, bis diese - verknappt und je nach Weltsicht - als Argumente in Laien-Diskussionen herhalten müssen. Er sorge sich nun, dass seine Forschungsergebnisse "politisch missbraucht" werden könnten, sagte der Stammzellforscher Rudolf Jaenisch der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Jaenisch, deutschstämmiger Forscher in den USA und Stammzell-Pionier vom Whitehead Institute for Biomedical Research in Cambridge im Bundesstaat Massachusetts, ist ein Trick geglückt: Normale Zellen aus der Haut von Mäusen konnte er so verändern, dass sich ihre Eigenschaften von denen embryonaler Stammzellen kaum noch unterscheiden. Vier Gene mussten verändert werden, dann wiesen die reprogrammierten Hautzellen die heiß begehrte Pluripotenz auf - das bedeutet: Sie haben die Fähigkeit, sich in nahezu beliebige Gewebearten zu entwickeln.

Diese Wandlungsfähigkeit ist es, die Mediziner auf zukünftige Stammzelltherapien für Diabetes- oder Parkinsonkranke hoffen lässt - jedenfalls später einmal. "Niemand würde auf die Idee kommen, Zuchtgewebe aus solchen Zellen einem Menschen einzuspritzen", sagte Jaenisch der "FAZ". Denn wie groß der Unterschied zwischen Nagetieren und Primaten bei Zellteilung und Gewebedifferenzierung zuweilen ist, beginnen Forscher erst herauszufinden.

Recycling befruchteter Eizellen

Paradox dabei ist: In vielen Staaten gilt die Arbeit mit bestimmtem menschlichem Gewebe - insbesondere mit Ei- und embryonalen Stammzellen - als ethisch bedenklich. Weil aber das Tiermodell kein exaktes Abbild des Menschen wiedergibt, folgen auf jede Entdeckung bei Versuchstieren zwei Fragen:

  • Erstens: Ist das Ergebnis übertragbar?
  • Zweitens: Verspricht es vielleicht in der Anwendung am Menschen einen Ersatz für die umstrittenen Zellen?

Ein zweiter "Nature"-Aufsatz, verfasst von einer Forschergruppe um Kevin Eggan vom Stem Cell Institute der Harvard University, verspricht genau so etwas: eine ethische Entlastung bei der Herstellung von embryonalen Stammzellen, die für die spezifischen Bedürfnisse eines Kranken gezüchtet werden.

Um diese zu gewinnen, benötigte man bisher eine unbefruchtete menschliche Eizelle. Ihr wurde der Zellkern entnommen - und durch das Erbgut der zu klonenden Zelle ersetzt. Frische Eizellen sind teuer und schwierig zu bekommen.

An Mäusen zeigten Eggan und seine Kollegen jetzt: Auch scheinbar fehlerhafte Eizellen taugen - wenn man den Vorgang der Befruchtung rechtzeitig anhält - zum Klonen. "Das räumt eines der größten ethischen Hindernisse aus dem Weg", urteilen die Biomediziner Alan Colman und Justine Burley aus Singapur in einem Begleitartikel zu Eggans Studie. "Es könnte durchaus die humane Stammzellforschung revolutionieren."

Das klingt komisch, erscheint es doch zunächst egal, aus welcher Sorte Eizellen Mäuseklone entstehen - sollte man meinen. Das letzte Experiment der Eggan-Gruppe aber beweist das Gegenteil. Als Ausgangsmaterial nahmen sie eine Eizelle, die fälschlicherweise gleich von zwei Spermien befruchtet worden war. In der Natur hat ein so entstandener Embryo niemals die Chance, sich normal zu entwickeln. Als Hülle für künstlich eingefügtes Erbmaterial taugte die Eizelle im Experiment aber durchaus.



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