Ethischer Konsum Wir reichen Sünder

Fast jede Konsumentscheidung hat ethische Konsequenzen. Fairer Kaffee, vegane Ernährung, Rad statt Auto - können wir die Welt mit unserem individuellen Verhalten retten? Oder ist das eine Illusion?

Gefüllte Regale im Supermarkt
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Gefüllte Regale im Supermarkt

Eine Kolumne von


Kurz, nachdem wir uns unsere erste Katze zugelegt hatten, habe ich erfahren, dass das eine Sünde ist, aus einer Wissenschaftssendung mit Harald Lesch. Deutsche Hauskatzen machen im Jahr 30 Millionen Singvögeln den Garaus, tragen also zum Artensterben bei. Nicht so viel wie die Landwirtschaft, aber doch sehr kräftig.

Eine Katze im Haus zu halten, ist aber ethisch auch wieder inakzeptabel. Manche behaupten, Katzen, die von Anfang an nur drinnen lebten, seien zufriedene Tiere, aber ich bin da skeptisch.

Als unsere Katze dann überfahren wurde, waren wir trotzdem alle sehr traurig. Sie war ohnehin nie besonders gut im Vögelfangen gewesen, nur eine Maus brachte sie ab und zu zur Strecke. Jetzt, mit einem brandneuen schlechten Detailgewissen ausgestattet, hätten wir auf die Anschaffung einer neuen Katze verzichten können. Das Wohlbefinden unserer trauernden Kinder und die Zuneigung zur Katze an sich waren dann aber doch stärker.

An Ihrem Handy klebt Blut

Das ethische Dilemma mit der Katze ist nur eins von Hunderten in meinem - und Ihrem - Leben. Mit nahezu jeder Konsumentscheidung - und ja, auch der Kauf einer Katze ist eine - sind weitreichende Folgen verbunden. Ständig muss man sich fragen, ob man sich nicht schuldig macht. Die Sünde ist wieder da, nur ist sie jetzt viel stärker ausdifferenziert als zu Zeiten von Moses.

Ist der Kaffee fair gehandelt? Die Schokolade? Kommt das T-Shirt aus einer baufälligen Fabrik in Bangladesch, oder haben es gar Kinder in irgendeinem illegalen Sweatshop zusammengenäht?

Katze und Vogel
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Katze und Vogel

Das sind die alten, lang bekannten Fragen des fairen oder eben unfairen Konsums. Und schon die sind manchmal weniger eindeutig zu beantworten, als es zunächst scheint: Vielleicht wäre die Näherin in Bangladesch gar nicht begeistert, wenn wir entscheiden, ihrer Hände Arbeit aus grundsätzlichen Erwägungen nicht mehr haben zu wollen.

Autoreifen = Mikroplastik

Es geht aber um weit mehr als Kaffee und Turnschuhe. Vom sogenannten Fairphone, dem meines Wissens einzigen Handy, bei dem man davon ausgehen kann, dass keine seltenen Erden aus Konflikt- und Ausbeutungsregionen darin verbaut sind, wurden nach den derzeit verfügbaren Zahlen keine 150.000 Stück verkauft. Es gibt weltweit aber Milliarden von Smartphones, alle unfair.

Auch an ihrem Handy klebt vermutlich Blut. Oder der Schweiß von in Minen schuftenden Kindern. Und natürlich der von chinesischen Fließbandarbeitern.

Wann haben Sie das letzte Mal getankt? Haben Sie dabei daran gedacht, dass Frauen in Saudi-Arabien immer noch weitgehend rechtlos sind? Und übrigens: Ihre Autoreifen sind rollende Produzenten von Mikroplastik. Selbst beim Ökostrom kann man sich nicht sicher sein.

Ein einziges Steak enthält womöglich Sünden gegen Umwelt, Klima, Menschen

Essen Sie noch Fleisch? Wenn ja - über das Thema Massentierhaltung muss hier wohl nicht mehr viel gesagt werden. Das ist Ihnen egal, sagen Sie? Wie ist es mit Hühnerbrust? Wissen Sie, dass mit dem Rest des Hühnchens der lokale Markt für Geflügel in afrikanischen Ländern plattgemacht wird?

Fahren Sie Fahrrad? Ja? Gut! Und wann sind sie zum letzten Mal mit dem Flugzeug im Urlaub oder auf Geschäftsreise gewesen? Benutzen Sie noch Wegwerftrinkhalme? Kaufen Sie Kaffee in Pappbechern? Und ihre Energiesparlampen - kommen die in den Sondermüll? Benutzen Sie noch Einwegbatterien? Trennen Sie Ihren Müll korrekt? Und selbst wenn - wissen Sie, wo der am Ende landet?

Wie gesagt: Nahezu jede Konsumentscheidung hat Auswirkungen auf das Leben von Menschen in fernen Ländern, auf Tiere, das Klima, die Umwelt oder alles zusammen. Ein einziges südamerikanisches Rindersteak enthält womöglich Sünden gegen Klima, Umwelt (Methan, internationaler Transport, abgeholzter Regenwald) Menschen (vertriebene Ureinwohner) und Tiere.

Wähle deinen Ablass, Sünderlein

Weil wir im globalen Vergleich so furchtbar reich sind und weil wir diesen Reichtum Jahrhunderten von Ungerechtigkeit und Unterdrückung verdanken, machen wir uns heute ständig schuldig, ob wir wollen oder nicht. Wir reichen Sünder leben auch deshalb so komfortabel.

Die meisten spüren das irgendwie und reagieren mit persönlichen Ablasshandlungen. Wirklich sündenfrei zu leben, gelingt aber vermutlich nur Eremiten in Selbstversorgerwaldhütten.

Das Wählen des eigenen Ablasses ist selbst zu einer Form der Konsumverfeinerung geworden. Er ist sogar identitätsstiftend. Stringenz oder gar Vollständigkeit erwartet dabei niemand wirklich. Jedenfalls nicht von sich selbst. Höchstens von denen, die die falschen Ablasshandlungen gewählt haben.

Lasst mich zufrieden, vegane Kokser

Es gibt Menschen, die sich vegan ernähren und gelegentlich Kokain konsumieren. Gut für die Tierwelt, eher nicht so gut für die Tausenden von Menschen, die Drogenkartellen jedes Jahr zum Opfer fallen. Manche haben ein Niedrigenergiehaus, fliegen aber jedes Jahr auf die Malediven, andere fahren mit dem Porsche los, um sich eben einen fair gehandelten Latte Macchiato zu besorgen. Und alle, oder wenigstens fast alle haben ganz und gar unfaire Smartphones in der Tasche und Kleidung aus fragwürdigen Quellen am Leib.

Man kann leicht in Zynismus verfallen, wenn man sich das erst einmal bewusst gemacht hat.

Es gibt völlig unterschiedliche Varianten, auf diese Situation zu reagieren. Die einfachste ist, die eigenen Schuldgefühle zu ignorieren oder sie gleich in Aggression umzuwandeln. Das kann man bei den Fans des Begriffs "linksgrün versifft" sehr unverfälscht beobachten. Ich habe sogar den Verdacht, dass die Reaktionen mancher auf das Thema Migration auch mit diesem unterschwelligen Schuldgefühl zu tun haben: Auf einmal wollen Leute aus den Ländern, deren Wirtschaft wir mit unserem Konsumverhalten ruinieren helfen, persönlich bei uns vorbeikommen. Wie unangenehm. Wer "Fluchtursachen" bekämpft, bekämpft dabei gleich Schuldgefühle mit.

Es ist aber auch durchaus möglich, den eigenen Konsum kritischer zu betrachten und bestimmte Dinge wegzulassen oder anders zu machen, zumindest für Angehörige der Mittelschicht. Bio-Eier sind nicht so viel teurer als solche aus Käfighaltung, Fleischkonsum lässt sich reduzieren und so weiter. Ein bisschen kann der einzelne Konsument den Markt vielleicht doch beeinflussen mit seinen Kaufentscheidungen.

Was man dabei vermeiden sollte: Auf die anderen, die mit den anderen Ablassstrategien herabzublicken. Das ist im Zweifel auch nur Heuchelei. Lasst mich zufrieden, vegane Kokser.

Kollektive Willensanstrengungen gehen nur mit Gesetzen

Vor allem aber wird die Welt im Ganzen nicht allein durch individuelle Entscheidungen besser, gerechter, weniger grausam. Das hat in der Geschichte selten bis nie geklappt. Wir sind einfach zu schwach.

Wir Menschen schaffen es aber gelegentlich in großen Gruppen, in einer Art kollektiver Bewusstwerdung unsere eigene Trägheit zu überwinden und ein für alle Mal festzulegen, dass bestimmte Dinge einfach gar nicht gehen. Sklaverei zum Beispiel. Diskriminierung. Fluorchlorkohlenwasserstoffe. Prügelstrafe. Verbleites Benzin. Das individuelle Schuldempfinden ist oft der erste Schritt zu solchen kollektiven Entscheidungen.

Dann aber muss der neue Konsens in Regeln gegossen werden, die einzuhalten dem einzelnen dann im Zweifel wesentlich leichter fällt, als jedes Mal aus eigener Kraft das Richtige zu tun. Das schaffen wir ja oft nicht einmal dann, wenn es um unser eigenes Leben geht, siehe Gurtpflicht fürs Auto. Erst ein Gesetz und Strafen brachten deutsche Autofahrer zur Vernunft. So bitter das ist.

Oft hat solche Regulierung dann den angenehmen Nebeneffekt, dass sie das Leben für alle schöner macht. Gurtpflicht - weniger Verkehrstote. Katalysatorpflicht - kein Waldsterben mehr. FCKW-freie Produkte: Das Ozonloch schrumpft. Frankreich hat Wegwerfprodukte aus Plastik schon verboten, meines Wissens existiert das Land trotzdem noch. Manchmal ist Regulierung gar nicht so schlimm.

Nur vom Thema Katze möge der Gesetzgeber bitte auch in Zukunft die Finger lassen.

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insgesamt 118 Beiträge
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Seite 1
mmengi 17.06.2018
1.
Natürlich hat jede Handlung Konsequenzen - eine Binsenweisheit und in der Konsumgesellschaft sind die Konsumentscheidungen, so kleine sie auch sein sollten äußerst wirkungsvoll!
08mitdenker15 17.06.2018
2. Vegane Kokser???
Wie kommen Sie denn bitte auf so eine schwachsinnige, verallgemeinernde Diffamierung von Veganern? Wenn Sie Veganer nicht mögen sollten Sie vermeiden einen Kommentar zu ethischen Themen abzugeben. Und nein, ich bin kein Veganer... Unfassbar!
Patrik74 17.06.2018
3. Keine Chance
Solange sich unser Wirtschaftssystem nicht ändert, ist die individuelle Entscheidung nebensächlich; vergleichbar einem Waldbrand in Kalifornien und ein einzelner Eigenheimbesitzer, der verzweifelt probiert, mit seinem Gartenschlauch gegen das Flammenmeer anzukämpfen. Und nein, auch wenn alle Eigenheimbesitzer mit allen ihren Gartenschläuchen gleichzeitig in die Flammen spritze, würde das irgendeinen nennenswerten Unterschied machen. Das System Waldbrand folgt seiner eigenen Logik und kommt erst zum Erliege, wenn es nichts mehr findet, dass es verschlingen kann. Insofern hat es sehr viel mit dem Kapitalismus zu tun, in dem auf Kosten von Umwelt und Gesellschaft, den soziopathischen Neigungen einiger weniger Vorrang vor dem Allgemeinwohl gegeben wird. Ghadi sagte: ---Zitat von Ghadli--- Die Welt ist groß genug für die Bedürfnisse aller, aber zu klein für die Gier Einzelner. ---Zitatende--- Leider sind wir der Ansicht, dass wir im Namen der sog. Freiheit die Gier der Einzelnen nicht einschränken dürfen, weil die "irgendwie" am Ende gut für alle wäre - nunja, das dicke Ende kommt erst noch... Es ist ja löblich, wenn sich einzelne bemühen, systemisch zu denken und in ihrem Umfeld das zu beeinflussen, was in ihrem unmittelbaren Umfeld passiert, aber das wird nicht viel ändern, solange wir uns pyromanisch an den Flammenmeer des Waldrandes ergötzen.
Frequent Traveller 17.06.2018
4. Menschheit auf der Rolltreppe
Wir befinden uns alle auf einer grossen Rolltreppe die unaufhaltsam nach unen faehrt. Ob wir ab und zu mal noch eine Stufe nach oben steigen, indem wir fairtraidemaessig, muelltrennerisch, radfahrend, katzenlos sind, ist wirklich unerheblich. Frueher oder spaeter kommt die Menscheit am unteren Ende der Rolltreppe an. Wahrscheinlich eher frueher als spaeter. Welche Stufen jeder fuer sich nach oben kettert haengt vom persoenlichen (ethischen) Dafuerhalten ab. Katze hin oder her. Rad oder Auto, egal. Ich fahre mit dem Rad zur Arbeit nicht weil ich die Welt retten will, sonder weil es mir viel Spass macht. Und ich habe kein Smartphone. Nicht weil ich kein Blut am Ohr haben will, sondern weil ich kein's brauche. Jeder soll machen was er will (tut er eh) und das wie auch immer rechtfertigen. Es ist nur falsch zu glauben wir koennten mit unserem Verhalten etwas bezwecken und damit die Fahrtrichtung der Rolltreppe umkehren.
wiesenflitzer 17.06.2018
5. Den Menschen wird das nicht gelingen.
Der Mensch an sich und im Allgemeinen und im Speziellen und überhaupt, ist einfach viel zu träge, um sich „richtig“ zu verhalten. Wie Sie ja bereits geschrieben haben, ist ein „richtiges“ Verhalten auch kaum möglich, da nahezu jede Entscheidung, also täglich hunderte, entscheidend für irgendetwas ist. Manchmal kommt man selbst durch nachdenken nicht drauf, welche Folgen denn die soeben getroffene Entscheidung mit sich bringt/nach sich zieht. Es gäbe, meiner Meinung nach, nur eine eine einzige Chance für alle, das „richtige“ zu tun. Dazu müsste man dem Menschen als solchen aber seinen Egoismus aus den Genen entfernen. Es geht ja primär nicht um z. B. das iPhone (auf welchem ich übrigens grad diese Zeilen schreibe), es geht darum, dass der Gründer der Firma, der Hersteller, der Transporteur, der Händler... jeder will maximalen Profit haben, weshalb jede Ressource, die Umwelt, die Menschen als Arbeiter ausgebeutet werden. Das Handy, das Auto, egal welches Produkt auch immer könnte fair angebaut werden, fair gehandelt werden. Das klappt aber nicht. In keinem modernen Industrieland der Welt, in keiner Diktatur, in keinem noch so entlegenen „Busch“ dieser Welt. Diesem homo sapiens sapiens wird das nicht gelingen, dazu müsste die Evolution jetzt mal ganz schnell „in die Pötte kommen“ und den nächsten Menschengenerationen ein grundlegend anderes Verhalten und andere Gedanken in die Köpfe pflanzen. Ein Leben lang müssten diese Menschen sich Gedanken machen wie: Ist mein Verhalten richtig? Schade ich damit vielleicht jemanden? Bin ich fair? Ist das gut für die Allgemeinheit? Jede Tätigkeit müsste sich im Grunde an Kants kategorischem Imperativ ausrichten, also dem grundsätzlichen Prinzip der Ethik. DAS wird, denke ich, nicht rechtzeitig gelingen. Vorher werden wir diesen Planeten zerstört haben.
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