EU-Rangliste Miese Noten für Gesundheit der Deutschen

Gesund und fit alt werden? In Deutschland ist das schwierig, wie eine aktuelle Studie nahelegt: Wer hierzulande 50 Jahre alt ist, hat im Durchschnitt nur noch rund 13 gesunde Jahre vor sich. In der EU liegt Deutschland damit im unteren Mittelfeld - noch hinter einigen osteuropäischen Staaten.


London - Deutschland gibt viel für seine Gesundheit aus, doch dafür ist sein Gesundheitssystem trotz einiger Probleme relativ gut - so die landläufige Meinung. Eine aktuelle Studie aber, erschienen im renommierten britischen Medizin-Fachblatt "The Lancet", zeichnet ein anderes Bild.

Jogger: Deutsche über 50 sind im EU-Vergleich nicht eben die Gesündesten
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Jogger: Deutsche über 50 sind im EU-Vergleich nicht eben die Gesündesten

Wer in Deutschland 50 Jahre alt ist, kann sich statistisch gesehen auf nur noch 13,5 gesunde und beschwerdefreie Jahre freuen, schreibt das internationale Team um Carol Jagger von der University of Leicester. Beim Spitzenreiter Dänemark sind es dagegen fast 24 Jahre. Auf Platz zwei folgt überraschend das weniger wohlhabende Malta mit mehr als 22 Jahren. Estland schnitt in der Studie mit weniger als zehn Jahren erwartbarer gesunder Jahre am schlechtesten ab. "Ein riesiger Unterschied", stellen die Forscher verblüfft fest.

Diese Zahlen bedeuten auch: Deutschland ist dem unteren Ende der Tabelle viel näher als dem oberen. Im direkten Vergleich mit den großen und bevölkerungsreichen EU-Staaten Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien schneidet Deutschland bei den sogenannten gesunden Lebensjahren über 50 (GLJ) sogar am schlechtesten ab. Die einzige halbwegs erfreuliche Nachricht: Wenigstens die Geschlechtergleichheit ist auf diesem Gebiet schon Realität. Die GLJ-Werte deutscher Frauen und Männern sind nahezu identisch, während in anderen EU-Staaten Unterschiede von bis zu zwei Jahren klaffen (siehe Tabelle). Im Durchschnitt der 25 EU-Länder konnten 50-jährige europäische Männer und Frauen erwarten, bis zu einem Alter von 67,6 beziehungsweise 69,1 Jahren ohne körperliche Einschränkung gesund zu leben.

Land Männer
LE*

GLJ**
Frauen
LE*

GLJ**
Altenpflege-
Ausgaben***
Pro-Kopf-
BIP
Österreich 29,08 14,53 33,70 15,66 1,03 128,9
Belgien 28,67 18,42 33,39 18,66 0,05 121,3
Zypern 29,52 15,92 32,86 13,71 0,01 92,7
Tschechien 25,61 14,77 30,72 16,26 0,34 76,7
Dänemark 28,30 23,64 31,94 24,12 1,78 126,8
Estland 22,42 9,05 30,52 10,42 0,09 63,0
Finnland 28,48 12,86 34,15 13,87 0,71 115,3
Frankreich 29,57 18,01 35,37 19,74 0,32 112,1
Deutschland 28,96 13,56 33,41 13,55 0,34 115,3
Griechenland 29,43 19,78 33,02 20,81 0,09 96,3
Ungarn 22,72 10,78 29,40 11,39 0,38 64,3
Irland 29,50 18,91 33,24 20,17 0,23 143,9
Italien 30,37 20,63 35,31 20,86 0,12 105,3
Lettland 21,31 11,02 29,32 12,74 0,14 50
Litauen 21,74 11,49 29,90 11,86 0,13 53,2
Luxemburg 28,78 17,99 33,60 18,16 - 264,6
Malta 29,07 21,68 32,74 22,58 0,56 77,5
Niederlande 29,14 20,21 33,28 20,40 0,87 131,3
Polen 24,62 16,48 31,23 20,16 0,32 51,3
Portugal 28,12 14,90 32,92 12,67 0,25 75,5
Slowakei 23,68 12,28 29,96 13,07 0,22 60,6
Slowenien 26,81 15,34 32,44 17,25 0,20 87
Spanien 29,48 19,16 35,02 18,62 0,32 103,1
Schweden 30,28 20,22 34,05 20,31 2,57 123,9
Vereinigtes Königreich 29,46 19,74 32,69 20,78 0,99 119,4

* Lebenserwartung
** Erwartung gesunder Lebensjahre (GLJ) ab 50 Jahren
*** in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP)
Quelle: The Lancet

Die Wissenschaftler trugen in ihrer Arbeit Bevölkerungs- und Gesundheitsstatistiken sowie wirtschaftliche Kenndaten wie Bruttoinlandsprodukt, Gesundheitsausgaben, Arbeitslosigkeit und Bildungsstand aus den 25 EU-Staaten aus dem Jahr 2005 zusammen. Erwartungsgemäß schnitten die Menschen in den 15 Alt-EU-Ländern im Schnitt besser ab als Einwohner der Beitrittsländer. Allerdings überlappten sich die Ergebnisse: Polnische Männer und Frauen haben zwar eine geringere Lebenserwartung als die Deutschen, sie können sich aber über mehr gesunde Jahre über 50 freuen als ihre westlichen Nachbarn.

Lebenserwartung ist nicht gleich Gesundheit

Deutschland rangiert in der Studie zwar bezüglich der Lebenserwartung im oberen Mittelfeld: Männer werden demnach knapp 79 und Frauen gut 83 Jahre alt. Die Gesundheitsprognose liegt jedoch - insbesondere für Frauen - kaum oberhalb der neuen EU-Mitglieder. Am ältesten werden Männer im Schnitt mit gut 80 Jahren in Italien und Schweden, Frauen dagegen erreichen in Frankreich, Italien und Spanien im Mittel ein Alter von mindestens 85 Jahren.

Als wesentliche Einflussgrößen auf die gesunden Jahre über 50 machten die Forscher das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und anteilig daran die Ausgaben für Gesundheit und Pflege im Alter aus. So kann die Spanne der glücklichen Jahre um ein Jahr erhöht werden, wenn der Anteil der Gesundheits- und Pflegeausgaben für Ältere am Bruttoinlandsprodukt um einen Prozentpunkt ansteigt.

Doch auch das stimmt nicht immer. Finnland etwa gibt 0,78 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Altenpflege aus - ein mehr als doppelt so hoher Anteil wie in Deutschland (0,34 Prozent). Dennoch liegt Finnland sowohl bei den gesunden Lebensjahren über 50 als auch bei der Lebenserwartung in etwa gleichauf mit Deutschland.

Hohes Pflegefall-Risiko in Deutschland

Passend dazu gab es am Montag eine weitere Nachricht, die wenig erfreulich ist für die ältere Generation in Deutschland: Das Risiko, zum Pflegefall zu werden, ist offenbar erheblich höher als allgemein angenommen. Jeder Zweite der 2007 in Deutschland Gestorbenen war im Todesjahr ein Pflegefall, heißt es im "Pflegereport" der Gmünder Ersatzkasse (GEK). Bei den Männern lag der Anteil der Pflegebedürftigen bei 41 Prozent, bei den Frauen bei knapp 51 Prozent. Im Durchschnitt lag das Pflegefallrisiko bei 44,1 Prozent.

Dies zeige, dass Pflegebedürftigkeit "kein Restrisiko", sondern ein zunehmendes "Allgemeinrisiko" sei, sagte Heinz Rothgang von der Universität Bremen, der Autor des Reports. Derzeit erhalten rund zwei Millionen Menschen Leistungen aus der Pflegeversicherung. Seit 1996 - ein Jahr nach deren Start - hat sich die Zahl der Pflegebedürftigen um gut 25 Prozent erhöht. Die mittlere Pflegedauer beträgt für Männer 15,8 Monate, für Frauen 40,3 Monate und damit mehr als drei Jahre.

mbe/ddp/AP/dpa



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