EU-Satellitenzentrum Europas Augen

Iranische Atomanlagen, Piraten vor Somalia, Ölpest im Mittelmeer: Wenn europäische Politiker und Militärs präzise Orientierung brauchen, hilft das EU-Satellitenzentrum im spanischen Torrejón. SPIEGEL-Korrespondent Stefan Simons hat den streng gesicherten Komplex besucht.


Keine Handys, keine Aufnahmegeräte, keine Kameras, Zutritt nur nach Personalkontrolle und Metalldetektor: Nach den strikten Prüfungen an der Sicherheitsschleuse wirkt der Operationsraum des EU-Satellitenzentrums (EUSC) verblüffend schlicht. Jeweils drei, vier mächtige Flachbildschirme gruppieren sich an dem guten Dutzend halbrunder Arbeitsplätze, die Wände zieren Radarbilder oder Luftaufnahmen. Außerdem schmückt noch eine Europa-Fahne den einfachen Büroraum.

Im schlichten Ambiente verbergen sich jedoch modernste Elektronik und einzigartiges Know-how: Der Betonquader auf der Luftwaffenbasis Torrejón vor den Toren von Spaniens Hauptstadt Madrid ist das Kernstück der militärisch-zivilen Aufklärung der EU - und zugleich Symbol und Werkzeug der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP). Mit einem Budget von nur 11,5 Millionen Euro und einem Stab von knapp 100 Mitarbeitern sorgt das Zentrum für realistische und aktuelle Lagebilder aus den Krisenregionen der Welt. "Das EUSC ist eine der wenigen operativen Agenturen der Europäischen Union", sagt der Chef des Zentrums Frank Asbeck, 58, nicht ohne Stolz: "Wir sind die Augen Europas."

Der Deutsche, gelernter Physiker und langjähriger Experte in Sicherheitsfragen mit Karriere zwischen EU-Kommission und Kanzleramt, führt die Organisation seit vier Jahren. "Unsere Aufgabe besteht darin, den Politikern und Militärs in Brüssel und den europäischen Hauptstädten Produkte zu liefern, die es ihnen ermöglichen, frühzeitig und umfassend informiert ihre Entscheidungen zu treffen."

Die Hauptquelle bei dieser Aufklärung spielen Satellitenbilder. Zu mehr als 80 Prozent stammen sie von kommerziellen Anbietern aus Israel oder den USA, daneben werden aber auch Daten aus Europa und aus EU-Regierungsprojekten eingespeist: Hélios II, COSMO SkyMed - die Namen stehen für unterschiedliche Länder, zivile wie militärische Satellitenprojekte und verschiedene Abbildungstechniken. Auch die Deutschen wollen demnächst ihre Daten aus dem SAR-Lupe-Programm zur Verfügung stellen. "Damit wird das EUSC zu einem wirklichen Akteur", freute sich der GASP-Beauftragte Javier Solana nach dem jüngst unterzeichneten Kooperationsabkommen.

Tatsächlich entsteht in Torrejón aus der elektronischen Informationsflut - gestützt auf optische Sensoren, Infrarot und Techniken wie Multispektral- und Hyperspektralradar – ein komplexes Produkt: hochauflösende Bilder, dreidimensionale Ansichten wie in einem Simulator oder indiskrete Blicke unter Tarnnetze oder hinter die ballonähnlichen Schutzhüllen von Antennenanlagen. Damit verfügt das Zentrum über ein wachsendes Überwachungssystem, das den kartografischen Blick auf entfernte Regionen der Erde erlaubt – auch unabhängig vom Wetter.

Doch so wichtig die Qualität der Fotos aus großer Höhe auch ist, erst die Auswertung der Aufnahmen, Einspeisung von Indizien aus der Fernerkennung, die Hilfe von Videoaufnahmen und die Verknüpfung mit vor Ort gewonnenen Details machen aus den digitalen Datenströmen wirklich nutzbare Informationen: "Geospatial Intelligence" – "Geoint" im Jargon der Satellitenexperten.

Zu den gerade mal 25 Spezialisten, die in Torrejón Umweltsünder an Hand der Ölteppiche identifizieren, die versteckten Häfen der somalischen Piraten orten oder russische Stellungen im georgischen Hinterland aus ihren Bildern herauslesen, gehört Hans-Jürgen Krause. Der ehemalige Bundeswehroffizier interpretiert die Pixelflut an seinem PC wie ein Facharzt das Röntgenbild. "In Europa etwa sind Bauten klar erkennbar, weil hier mit Backstein und Beton gearbeitet wird – das schafft gut erkennbare Konturen. In Afrika hingegen bildet Lehm den häufigsten Baustoff, die Objekte sind gerundet, der Boden weich. Da muss man die Angaben richtig zu deuten wissen", so der grauhaarige Luftbildauswerter.

Seit die Europäische Union die Hilfstruppe Eufor in die Krisenregion Darfur entsandte, haben die EUSC-Fachleute nicht nur mit Kartenmaterial den Einsatz der Truppe vorbereitet; erstmals sind die Auswerter auch direkt am operativen Einsatz der Soldaten beteiligt: Drei Aufklärer sitzen im Pariser Hauptquartier und beliefern den Eufor-Generalstab und die Kommandeure vor Ort mit zeitnahen Informationen. Die sind nötig, weil Karten fehlten und Straßen oder Brücken etwa zur Regenzeit unpassierbar werden.

"Hier sehen wir unsere Aufgabe der Zukunft", erläutert Franck Asbeck und zeigt auf die transportablen Empfangsanlagen, mit denen die Aufklärungsdaten gleich am Einsatzort heruntergeladen und bearbeitet werden können. Vorerst muss sich der EUSC-Direktor freilich mit handfesteren Problemen herumschlagen: Seine chronisch unterbesetzte Mannschaft aus Analysten musste im vergangenen Jahr rund 30 Prozent mehr Anfragen aus EU-Staaten bewältigen. Doch trotz der gestiegenen Aufträge sitzt bei den Mitgliedstaaten das Geld nicht locker für die Satellitenzentrale in Spanien. Über die Zukunft wird Mitte Dezember abgestimmt; dann beraten die zuständigen EU-Minister über den Haushalt des Satellitenzentrums in Torrejón.

"Für multinationale Einsätze der EU, jenseits der traditionellen Einsatzorte, bieten wir die nötige Aufklärung", wirbt Asbeck und plädiert angesichts der Wirtschaftskrise und leerer Kassen für eine maßvolle Erhöhung seines Budgets. "Wir sehen uns ja nicht als Konkurrenten zu den nationalen Instanzen wie Geheimdienste oder militärische Aufklärung, sondern als sinnfällige Ergänzung."



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