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Erster Nachweis in Europa: Mensch ging mit Neandertaler fremd

Von Johann Grolle

Mensch-Neandertaler: Techtelmechtel im Pleistozän Fotos
DPA/ Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology/ Svante Pääbo

Vor 40.000 Jahren lebten Neandertaler und moderne Menschen zugleich in Europa. Beide hatten gelegentlich auch Sex miteinander, wie Funde aus Rumänien belegen. Dies ist der erste Nachweis dafür in Europa.

Nach menschlichem Maß sind 5000 Jahre eine Unendlichkeit, in der Geschichte des irdischen Lebens dagegen nur ein bloßer Wimpernschlag. Maximal 5000 Jahre lang, möglicherweise sogar noch deutlich kürzer, lebten moderne Menschen und Neandertaler gemeinsam in Europa. Danach, vor etwa 40.000 Jahren, war der letzte der stämmigen Menschenvettern verschwunden.

Wie reagierten die beiden Urmenschtypen, wenn sie aufeinandertrafen? Schlugen sie sich wechselseitig die Köpfe ein? Machten sie sich die Nahrung streitig? Über diese Fragen werden die Urmenschenforscher wohl noch eine Weile rätseln. Eines aber ist jetzt gewiss: Beide hatten, zumindest gelegentlich, Sex miteinander.

In der Zeitschrift "Nature" berichten Leipziger Max-Planck-Forscher, dass sie modernen Mensch und Neandertaler beim artübergreifenden Seitensprung gleichsam in flagranti erwischt haben. Im Erbgut eines gut 40.000 Jahre alten Urmensch-Fossils aus Rumänien fanden sie verblüffend frische Beimischungen. Vier oder maximal sechs Generationen seien diese alt, so errechneten die Wissenschaftler. Einer der Ururgroßeltern dieses Steinzeitmenschen dürfte demnach ein Neandertaler gewesen sein.

Chimäre aus rumänischer Höhle

Die Gruppe um Genforscher Svante Pääbo hatte nach DNA-Resten im Unterkiefer eines Urmenschen gesucht, der in einer Höhle der Karpaten gefunden worden war. Ein zweites Fundstück aus der Höhle, einen fast vollständig erhaltenen Schädel, hatten die Forscher nicht angetastet. "Der ist zu schön, um ihn zu beschädigen", sagt Pääbo.

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Blass, blond, blauäugig: Der Neandertaler, ein Proto-Europäer
Die rumänischen Funde hatten gleich nach ihrer Entdeckung im Jahre 2002 das Interesse der Paläoanthropologen geweckt - nicht nur weil sie zu den ältesten Überbleibseln moderner Menschen in Europa zählen, sondern auch weil der Schädel einige eigenartige Merkmale hat. Zwar weisen ihn das prägnante Kinn und die hohe runde Schädeldecke unverkennbar als modernen Menschen aus. Die mächtigen Knochenplatten hinter den Ohren und die großen Zähne dagegen erinnern an den Neandertaler. War es möglich, dass es sich hier um eine Art Chimäre handelte?

Pääbo war schon im Jahre 2009 nach Bukarest gereist, um eine Probe zu entnehmen. Doch sein erster Versuch, die Abstammung der rumänischen Höhlenmenschen zu bestimmen, scheiterte - zu wenig Erbmaterial fand sich in dem Knochen.

DNA des Neandertalers

Seither jedoch haben er und sein Team enorme Fortschritte gemacht. Im Jahre 2010 veröffentlichten sie die vollständige Genom-Sequenz des Neandertalers, im Jahr darauf diejenige eines weiteren Urmensch-Typen, der inzwischen unter dem Namen "Denisovaner" bekannt ist. Im Zuge dessen haben die Leipziger Forscher ihre Technik, DNA aus Steinzeitfossilien zu gewinnen, erheblich verfeinert. Deshalb durchforsteten sie ihren Keller nach Knochenpulver, das von früheren Untersuchungen noch übrig war. Auch dasjenige aus Rumänien war darunter.

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Umdenkprozess: Die Kunst der Neandertaler
Diesmal funktionierte es. Zwar stammten weit mehr als 99 Prozent des Erbguts in den Knochen von Bakterien und Pilzen. Doch die verbesserte Methode erlaubte es, in dem winzigen Rest menschlichen Erbmaterials gezielt nach aufschlussreichen Chromosomenabschnitten zu fahnden. So bestätigte sich der Verdacht, dass es sich bei dem Karpaten-Menschen um eine Art Mischwesen handelte: In seinen Adern floss auch Neandertaler-Blut.

Dieser Befund ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil es bisher keinen Beleg für eine Vermischung der beiden Arten in Europa gab. Zwar ist inzwischen unstrittig, dass es zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt in der Levante zu sexuellen Kontakten beider Menschentypen gekommen ist - und auch in Sibirien. Davon zeugen bis heute Schnipsel des Neandertaler-Genoms, die sich verstreut im Erbgut aller nicht-afrikanischen Menschen finden. Für einen späteren Beitrag in Europa jedoch fehlt jede Spur.

Frühes Techtelmechtel

Dies spricht dafür, dass das Schäferstündchen in den Karpaten ohne Folgen für die weitere Geschichte Europas blieb. Pääbo vermutet, dass in der rumänischen Höhle eine erste Gruppe von Einwanderern hauste, die freizügigeren Umgang mit den angestammten Neandertalern pflegte. Doch seien diese dann von einer zweiten Welle von Zuwanderern verdrängt worden, die, aggressiver und womöglich besser bewaffnet, den Neandertalern den Garaus machten.

Noch ist dies nicht mehr als eine Hypothese. Und auch Pääbo weiß, dass es nicht einfach sein wird, ein solch detailliertes Szenario allein anhand des Erbguts zu rekonstruieren. Die Erfolge der letzten Jahre jedoch stimmen ihn optimistisch. "Wir sind voller Hoffnung, dass wir in den nächsten Jahren noch viel lernen werden", sagt er.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
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1. Svante Pääbo's fixe Idee - das wird nix
Fred Widmer 22.06.2015
---Zitat--- Zwar stammten weit mehr als 99 Prozent des Erbguts in den Knochen von Bakterien und Pilzen. Doch die verbesserte Methode erlaubte es, in dem winzigen Rest menschlichen Erbmaterials gezielt nach aufschlussreichen Chromosomenabschnitten zu fahnden ---Zitatende--- Seit Jahren versucht Pääbo, so eine Kreuzung nachzuweisen, er hat es immer wieder behauptet aber konnte es am Ende nie schlüssig belegen. Jedesmal gab es irgend eine Schlagzeile. So wird es auch diesmal sein. Wunschdenken und überinterpretierte Resultate.
2.
moerre 22.06.2015
Da Menschen - siehe Woody Allen (und Gene Wilder) und einige bekannte Lieder, Witze und natürlich auch so einige Schlagzeilen aus aller Welt - mit so ziemlich allem Sex haben, ist diese Schlagzeile nicht wegen "es gab Sex" interessant, sondern wegen der Art des Nachweises.
3. Nachweis
cindy2009 22.06.2015
Beim Lesen wird man stutzig und dann kommt doch der entscheidende Satz mit" Hypothese" . Nix mit Nachweis, eher ein Hinweis.
4. Vermutung?
Loddarithmus 22.06.2015
Zitat: ... eine erste Gruppe von Einwanderern hauste, die freizügigeren Umgang mit den angestammten Neandertalern pflegte. Doch seien diese dann von einer zweiten Welle von Zuwanderern verdrängt worden, die, aggressiver und womöglich besser bewaffnet, den Neandertalern den Garaus machten. Zitat Ende. Vielleicht hatten die der zweiten Welle inzwischen die Religion erfunden?
5. Sehe ich am laufenden Meter
WOLF in USA 22.06.2015
dass Menschen mit Neandertalern fremdgehen ...
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Verräterische Kratzspuren: Waren Neandertaler Kannibalen?

Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Denisova-Mensch (50.000 Jahre)
In der Denisova-Höhle in Russland wurden Anfang des Jahrtausends ein Fingerknochen, ein Zahn und ein Zehenknochen gefunden, die offenbar zu keiner bislang bekannten Art gehören. Diese lebte zu Zeiten des Homo neanderthalensis und des Homo sapiens. Noch wurde der Art kein eigener Name verliehen.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo naledi (Alter unbekannt)
In der Rising-Star-Höhle in Südafrika entdeckten Forscher über 1500 Fossilien, die sie 15 Individuen zuordneten. Sie gehören zu einer bislang unbekannten Art, dem Homo naledi. Dessen Alter ist noch unbekannt und damit auch seine Einordnung in den Stammbaum der Menschheit. Die Fundstelle bei Johannesburg könnte die älteste Grabstätte der Geschichte sein.


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