Evolution 3.0: Wie Maschinen uns eines Tages versklaven könnten
Früher streuten wir nur Gene - dann begannen menschliche Gehirne, Meme zu verbreiten: Ideen, Gedanken, Wörter. Die Evolutionstheoretikerin Susan Blackmore glaubt, dass wir mit Computern und Internet eine neue Evolution in Gang gesetzt haben, die wir eines Tages bereuen könnten.
Überall um uns herum vermehren sich Techno- Meme und bereiten sich darauf vor, die Kontrolle zu übernehmen. Sie selbst wissen es nicht, denn sie sind einfach egoistische Replikatoren, und sie tun, was alle egoistischen Replikatoren tun: Sie lassen sich kopieren, wo immer und wann immer es geht, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.
Intelligenter Film-Roboter "Terminator": Haben wir ungewollt einen dritten Replikator freigesetzt, der auf menschlichen Memen huckepack reitet?
Ich stelle mir unseren Planeten gerne als einen unter einer Million oder einer Billion möglicher Planeten vor, auf denen die Evolution anfängt. Notwendig ist dazu etwas (ein Replikator), das sich mit gewissen Variationen kopieren lässt, sowie ein Selektionsvorgang. Darwin hat erkannt, dass, wenn mehr Kopien erstellt werden als überleben können, die Überlebenden diejenigen Merkmale an die nächste zu kopierende Generation weitergeben werden, dank derer sie durchgekommen sind. So entstehen alle Gebilde im gesamten Universum.
Worüber weniger nachgedacht wird, ist, dass ein Replikator auf einem anderen huckepack reiten kann, indem er dessen Vehikel selbst als Kopiermaschine verwendet. Dies ist bei uns auf der Erde geschehen. Der erste große Replikator (und für die längste Zeit der Erdgeschichte der einzige und heute noch der am weitesten verbreitete) ist das Gen. Pflanzen und Tiere sind Gen-Maschinen – physikalische Vehikel, die genetische Informationen herumtransportieren und miteinander konkurrieren, um diese zu schützen und zu vermehren. Hier auf der Erde ist jedoch etwas geschehen, wodurch sich alles verändert hat. Eines dieser Gen-Vehikel, ein aufrecht gehender Affe, entwickelte die Fähigkeit der Nachahmung.
Wir wissen nicht, ob es irgendwo draußen im Universum weitere Planeten mit zwei Replikatoren gibt, denn deren Bewohner könnten uns das gar nicht mitteilen. Was wir jedoch wissen, ist, dass unser Planet zurzeit die Geburtsstunde eines dritten Replikators erlebt – ein Schritt, der eine interplanetarische Kommunikation ermöglichen würde.
Der Vorgang hat langsam begonnen und wurde dann, wie bei evolutionären Prozessen so oft der Fall, immer schneller. In Lehm gekratzte Zeichen hielten verbale Meme fest und ermöglichten es mehr Menschen, sie zu sehen und zu kopieren. Die Drucktechnik brachte eine höhere Kopiergüte und mehr Kopien mit sich. Dank Eisenbahn und Straßennetz konnten die Kopien immer weiter verteilt werden, und Menschen auf dem ganzen Planeten forderten sie lautstark. Computer erhöhten sowohl die Anzahl der Kopien als auch deren Güte. Normalerweise wird dieser Vorgang als Errungenschaft des menschlichen Erfindergeistes gesehen, aus dem wunderbare Technologien hervorgehen, die dem Wohl der Menschheit dienen, und bei dem wir die Kontrolle haben. Das ist eine erschreckend anthropozentrische Sichtweise dessen, was da vor sich geht.
Das Geheimnis der Gestalt
Wie Evolution funktioniert
Auch im Internet findet die Selektion weiterhin überwiegend durch den Menschen statt, doch das ändert sich rapide. Wir altmodischen, schlabberigen, lebendigen Mem-Maschinen werden von Memen überschwemmt und überlassen es daher munter Suchmaschinen und anderen Softwareanwendungen, auch noch den letzten Vorgang, die Selektion, zu übernehmen.
Als sich Meme parallel zu den Genen entwickelten, verwandelten sie Gen-Maschinen in Mem-Maschinen. Nun verwandeln uns Teme in Tem-Maschinen. Viele Menschen verbringen den ganzen Tag damit, Teme zu kopieren und zu übermitteln. Kinder lernen in sehr jungen Jahren das Lesen – einen völlig unnatürlichen Vorgang, an den wir uns einfach gewöhnt haben – und die Menschen fangen nun an, Medikamente zur Steigerung des Denkvermögens und zur Senkung des Schlafbedarfs zu akzeptieren, und sogar elektronische Implantate, um ihre Fähigkeiten im Umgang mit Temen zu verbessern. Wir glauben weiterhin, wir hätten die Kontrolle, aber aus Sicht der Teme sind wir lediglich willige Gehilfen in ihrer Evolution.
Wie sieht also der Schritt aus, der alles verändern wird? Im Augenblick benötigen uns Teme noch, um ihre Maschinen zu bauen und um die Kraftwerke zu betreiben, so wie Gene den menschlichen Körper benötigen, um sie zu kopieren und ihnen Energie zu liefern. Aber wir Menschen sind zerbrechliche, beschränkte Kopiermaschinen von minderer Qualität, und wir benötigen einen gesunden Planeten mit den richtigen Klimabedingungen und den richtigen Nahrungsmitteln, um überleben zu können. Der nächste Schritt besteht darin, dass die Maschinen, von denen wir dachten, wir hätten sie erschaffen, sich selbst replizieren können. Das mag erst mit der Nanotechnologie geschehen, oder es kann dadurch passieren, dass Server und große Tem-Maschinen ihre eigene Energieversorgung erhalten und die Fähigkeit, sich selber zu reparieren.
Wir wären dann entbehrlich. Damit würde sich wirklich alles verändern.
Aus dem Englischen übersetzt von Daniel Bullinger
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