Auslese: Die Evolution gilt auch für den modernen Menschen

Homo sapiens hat sich über die Evolution erhoben - das zumindest glaubt er gern. Doch laut einer neuen Studie schützen soziale und technische Entwicklungen den Menschen selbst in der Neuzeit nicht vor den Mechanismen der natürlichen Auslese.

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Corbis

Auch die Menschen der Neuzeit sollen vor den Gesetzen der Evolution nicht gefeit sein

Berlin - Der Starke frisst den Schwachen, der langlebige Gesunde kann seine Gene besser verbreiten als der kurzlebige Kranke: Diese Regeln, so glauben Menschen gern, gelten in der Tierwelt - nicht aber für die Menschheit, zumindest nicht jenen Teil, der in den Genuss moderner Medizin kommt. Die Evolution des Homo sapiens wäre in diesem Fall gewissermaßen zum Stillstand gekommen.

Doch das ist ein Trugschluss, wie ein internationales Forscherteam um Alexandre Courtiol vom Wissenschaftskolleg zu Berlin glaubt. "Menschen entwickeln sich auch in der Neuzeit weiter, genauso wie andere Lebewesen", schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences". Es sei ein Fehler zu denken, dass man die menschliche Evolution nur verstehen könnte, wenn man Steinzeitmenschen analysiere.

Courtiol und seine Kollegen hatten untersucht, ob die natürliche und sexuelle Auslese von Faktoren wie der Bevölkerungsentwicklung oder den kulturellen und technischen Veränderungen gebremst wird. Hierzu analysierten die Forscher finnische Kirchenbücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Diese Datenbank sei besonders akribisch geführt worden, weil Ahnenforschung in dem skandinavischen Land sehr beliebt sei und Kirchenbücher für die Steuerabgaben genutzt worden seien. "So konnten wir für rund 6000 Menschen zwischen 1760 und 1849 alle Geburten, Hochzeiten und Todesfälle nachvollziehen", schreiben die Autoren. Mit Hilfe dieser Daten bestimmten sie, wer bei der natürlichen Selektion bessere Chancen hatte.

Geld spielte bei der Evolution der Finnen keine Rolle

Vier Faktoren sind für Erfolg bei der Selektion entscheidend: Die Überlebensfähigkeit bis zum 15. Lebensjahr, der Zugang zu potentiellen Partnern, die Zahl der Partner und die Zahl der Kinder. Geld spielte dabei offenbar keine Rolle. "Wir haben die Versuchsgruppe in reichere Landeigentümer und ärmere Pächter aufgeteilt. Der soziale Status wirkte sich auf die Ergebnisse kaum aus", schreiben die Forscher. "Das war überraschend." Sie vermuten, dass Menschen ein sehr großes Vermögen aufbauen müssten, um die natürliche Auslese wirklich beeinflussen zu können - und auch das würde nur in einer strengen Klassengesellschaft funktionieren.

Der Vergleich zwischen Männern und Frauen brachte eindeutigere Ergebnisse: "Eigenschaften, die Menschen zu mehr Partnern verhelfen, entwickeln sich bei Männern vermutlich schneller weiter als bei Frauen", berichtet Courtiol. Der Grund: Sie zeugten mehr Kinder als Frauen. "Verwitwete Männer heirateten häufig noch einmal eine jüngere Frau und bekamen noch mehr Kinder." Verwitwete Frauen hätten wegen des Einsetzens der Menopause seltener Kinder von ihrem zweiten Ehemann bekommen. Wer mehr Kinder zeugte, hatte auch längerfristig mehr Nachkommen. "Genau das verstehen wir unter Selektion", erklärt Studienleiter Courtiol.

"Man kann die Ergebnisse nicht auf alle Gesellschaften übertragen"

Frühere Studien waren zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. So hatten Forscher um Jacob Moorad von der University of Georgia in Athens das gleiche Studienprinzip auf Menschen angewandt, die zwischen 1830 und 1894 im US-Bundesstaat Utah lebten. Im Fachmagazin "Evolution and Human Behaviour" stützten sie die Annahme, dass das Prinzip der Evolution auch auf den Menschen anwendbar ist und nicht allein für die Tier- und Pflanzenwelt gilt.

"Der Unterschied ist, dass wir in Finnland auf die gesamte Bevölkerung schauen konnten", erklärt Courtiol. Die Hälfte der damaligen Bevölkerung wurde nicht älter als fünfzehn Jahre. "Wir wissen, wer gestorben ist, bevor er selbst Kinder haben konnte. Und wir wissen, wer keinen Partner gefunden hat und deshalb keine Kinder hatte." Viele frühere Studien hätten nur die Erwachsenen im Blick gehabt - und auch deshalb die Möglichkeit von Selektion unterschätzt.

Der Studienleiter erklärt aber auch, dass die Ergebnisse nicht grundsätzlich auf alle monogame Gesellschaften übertragen werden könnten. Zum Beispiel sei die Sterberate bei finnischen Kindern sehr hoch gewesen. Laut der Studie betrug sie 60 Prozent. "Das verstärkt natürlich auch die Selektion", schreiben die Forscher.

Als nächstes will er heutige Gesellschaften auf Darwinsche Evolutionsprinzipien hin durchleuchten. "Das Prinzip des reinen Überlebens fällt in westlichen Gesellschaften weg, da hier die meisten Menschen heute erwachsen werden", sagt der Wissenschaftler. Interessant wäre es jedoch herauszufinden, wer wie viele Partner und wie viele Kinder hat, um das Ausmaß der heutigen Selektion einschätzen zu können.

Der Beweis sei allerdings viel schwieriger zu führen als im Finnland des 18. und 19. Jahrhundert: Es gibt keinen Heiratszwang mehr - und keine offiziellen Bücher, die fein säuberlich jeden Lebenspartner auflisten. Uneheliche Kinder waren auch im finnischen Versuch durch das Raster gefallen. Die Forscher betonen aber: "Von ihnen gab es im 18. und 19. Jahrhundert im Vergleich zu heute nur wenige."

ajo/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 273 Beiträge
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1. Naja
Nonvaio01 01.05.2012
Zitat von sysopCorbisHomo sapiens hat sich über die Evolution erhoben - das zumindest glaubt er gern. Doch laut einer neuen Studie schützen soziale und technische Entwicklungen den Menschen selbst in der Neuzeit nicht vor den Mechanismen der natürlichen Auslese. Evolution: Darwins Auslese gilt auch für moderne Menschen der Neuzeit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,830653,00.html)
das ist etwas strittig heutzutage ob der Homo sapiens aus der evolution hervorgeht. Denn wenn man alles in betracht zieht ist es nicht moeglich.
2.
zwergspitz 01.05.2012
Was interessiert es mich, wie viele Kinder ich habe? Ich habe gar keine, und das ist angesichts der enormen Weltbevölkerung und daraus resultierenden auch gut so. Ich bin glücklich und gesund, mir geht es gut, was will ich mehr? Ich bin nicht so eitel und selbstverliebt zu denken, ich müsse der Nachwelt unbedingt genetisch erhalten bleiben.
3. ?
jamon 01.05.2012
Zitat von Nonvaio01das ist etwas strittig heutzutage ob der Homo sapiens aus der evolution hervorgeht. Denn wenn man alles in betracht zieht ist es nicht moeglich.
was ist nicht möglich? geh doch mal bitte etwas ins detail!
4. oh schande...
tadamtadam 01.05.2012
Zitat von Nonvaio01das ist etwas strittig heutzutage ob der Homo sapiens aus der evolution hervorgeht. Denn wenn man alles in betracht zieht ist es nicht moeglich.
... schon wieder ein verrückter kreationist... bei welchen wissenschaftlern soll das denn bitte strittig sein? es ist in der biologie nichtmal ansatzweise strittig, dass der mensch ein evolutionäres produkt ist.
5.
klangarchitekten.de 01.05.2012
>> das ist etwas strittig heutzutage ob der Homo sapiens aus >> der evolution hervorgeht. Denn wenn man alles in >> betracht zieht ist es nicht moeglich. Von welchem Planten kommen Sie und wie lange bleiben Sie auf der Erde?
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Evolution
Die Veränderung des Erbguts und damit des Phänotyps von Individuen von Generation zu Generation.
Population
Eine Gruppe von Organismen einer Art oder auch verschiedener Arten (Mischpopulation) an einer bestimmten Örtlichkeit.
Phänotyp
Das Erscheinungsbild eines Individuums ist die Gesamtheit der durch die Erbanlagen (Genotyp) und die Einflüsse der Umwelt sich ausprägenden Merkmale eines Lebewesens.
genetische Variabilität
Die einzelnen Individuen einer Art besitzen genetische Unterschiede.
natürliche Selektion
Das Erbgut von Individuen einer Art wird nicht mit gleicher Wahrscheinlichkeit weiter gegeben. Manche Individuen einer Population vermehren sich stärker als andere - je nachdem wie überlebenstüchtig sie in einer bestimmten Umwelt sind. Selektionsfaktoren der Umwelt üben eine natürliche Selektion aus.
sexuelle Selektion
Ein Individuum bevorzugt bei seiner Partnerwahl bestimmte Merkmale. Dadurch haben nicht alle potentiellen Sexualpartner die gleichen Chancen zur Fortpflanzung, es findet somit eine Selektion statt. Die Erbanlagen, die die Merkmale hervorbringen, die f?r die Partnerwahl entscheidend waren, werden dadurch weiter gegeben.
künstliche Selektion
Vom Mensch gewünschte Eigenschaften werden durch Selektion und Zucht einzelner Individuen gezielt vermehrt.
genetische Drift
Auch Gendrift genannt. Vorgang bei der Evolution, der zu einer Veränderung im Genbestand kleiner Teilpopulationen gegenüber der Ausgangspopulation führt. Je kleiner eine Population ist, umso leichter kann der Zufall eine vom allgemeinen Durchschnitt abweichende Kombination von Genen zusammenführen. Gelangen beispielsweise nur wenige Individuen einer Art in ein isoliertes Gebiet (Insel, abgeschnittenes Gebirgstal), so können sich nun von ihrem Selektionswert unabhängige Mutationen aufgrund des Zufalls durchsetzen oder verlorengehen. Dies kann zu Formen führen, die in einzelnen Merkmalen nicht angepasst sind (beispielsweise auffällige Färbung, die sie als Beutetiere mehr gefährdet). Der Wirkungsgrad der Gendrift kann durch die mathematische Statistik erfasst werden.