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Evolution: Darwins Gegner holen zum Gegenschlag aus

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Darwin-Gegner gibt es nicht nur in den USA: Auch in Europa machen Hardcore-Kreationisten und Intelligent-Design-Anhänger Boden gut - und kämpfen dafür, ihre Ansichten auf die Bio-Lehrpläne zu bringen. Die seriöse Wissenschaft reagiert viel zu passiv auf die Erfolge der Fundamentalisten.

Er zögerte, weil er wusste, welche dramatischen Konsequenzen seine Erkenntnisse für das gängige Weltbild haben würden. 20 Jahre lang behielt Charles Darwin seine revolutionären Ideen zur Evolution für sich. "Es ist, als ob man einen Mord begeht", schrieb er einem Freund. Seine Angst war berechtigt, denn aus seiner Sicht war es kein geringerer als Gott selbst, der seiner Theorie der Evolution zum Opfer fallen würde. Und so wartete Darwin, studierter Theologe und Mann einer tief religiösen Frau, mit der Veröffentlichung seines fundamentalen Werkes "On The Origin Of Species". Bis er schließlich publizieren musste, weil ihm sonst Alfred Russel Wallace zuvorgekommen wäre.

Biologe Darwin: "Als ob man einen Mord begeht"
REUTERS

Biologe Darwin: "Als ob man einen Mord begeht"

Darwin behielt Recht: Schon zu seinen Lebzeiten wurde er heftig bekämpft und angefeindet. Und er wird es auch noch heute, 150 Jahre später: Kreationisten, fundamentalistische Christen, leugnen das Prinzip der Evolution und haben zum Gegenschlag ausgeholt. Sie drucken eigene Schulbücher, in denen Evolution als eine Ideologie diffamiert wird. Sie ziehen vor Gerichte, um zu erwirken, dass Intelligent Design, die abgeschwächte Variante des Kreationismus, parallel zur Evolution im Biologieunterricht gelehrt wird - als gleichberechtigte wissenschaftliche Theorie und Alternative zur Evolutionslehre.

"Es ist so, als würde man den Anspruch erheben, Astrologie in den Physikunterricht aufzunehmen", sagte James Williams von der University of Sussex bei der Fachtagung "Einstellung und Wissen zu Evolution und Wissenschaft in Europa", die am 20. Februar in Dortmund stattfand. Williams hat den Einfluss der Kreationisten im Vereinigten Königreich untersucht. Und der ist groß: Die Mehrheit der Briten zweifelt an der Evolution, 40 Prozent will Kreationismus im Biologieunterricht, ergab eine Umfrage aus dem Jahr 2006.

Für die Evolution, da sind sich Wissenschaftler einig, gibt es eine überwältigende Masse an Belegen. "Kein ernst zu nehmender Wissenschaftler zweifelt an der Evolution", sagte Ralf Sommer, Evolutionsbiologe an der Universität Tübingen. "Nur über die Mechanismen der Evolution wird diskutiert - es ist eine lebendige Disziplin."

Es ist immer wieder die gleiche Guerillataktik: Evolutionsgegner suchen Lücken und noch ungeklärte wissenschaftliche Fragen, um die gesamte Theorie Darwins zu diskreditieren.

Evolution ist ein fundamentales Prinzip und eine lebendige Wissenschaft - natürlich sind noch Fragen offen. Kein Grund aber, das Prinzip der Evolution als Ganzes in Frage zu stellen, meint Williams: "Es zweifelt doch auch keiner an der Gravitation, obwohl noch kein Physiker erklären konnte, warum Objekte eine Masse haben."

Und Wissenschaftler wissen heute: Evolution ist überprüfbar, sie muss nicht zwangsläufig Jahrmillionen dauern. "Evolution kann manchmal sehr schnell gehen", sagte Claus Wedekind, Evolutionsbiologe von der Universität Lausanne. Teilweise so schnell, dass Wissenschaftler sie schon innerhalb einer Menschengeneration beobachten können.

Intelligent Design und Kreationismus hingegen sind keine wissenschaftlichen Theorien, weil sie nicht falsifizierbar sind. Sie postulieren einen Gott, eine Schöpfung und eine gelenkte Evolution. Wie aber will man das empirisch bestätigen oder widerlegen?

In Deutschland sagt etwa jeder Fünfte, dass er nicht an die Evolution glaubt. In den USA ist es jeder Dritte. Lange Zeit galt Kreationismus als ein rein US-amerikanisches Phänomen. Dabei gibt es kreationistische Strömungen auch in Europa, nur ist die Front gegen die Evolution hier nicht so homogen wie in den USA. Auf der einen Seite stehen die Kreationisten, selbst eine zersplitterte Gruppe, die sich in Hardliner, die Junge-Erde-Kreationisten, und in die abgeschwächtere Variante, die Intelligent-Design-Anhänger, aufteilt. Und auf der anderen Seite stehen die Kirchen, die sich nicht klar zu dieser Frage positionieren.

Atheismus und Religion
Evolution und göttliche Schöpfung
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Als Charles Darwin 1859 mit seinem Buch "Die Entstehung der Arten" ("On the Origin of Species") die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch den theistischen Religionen einen schweren Schlag: Trete die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung, so die Befürchtung von Kirchenvertretern, könnte sie Gott überflüssig machen.
Kreationismus
Der Kreationismus postuliert, dass das Universum, die Erde und das Leben tatsächlich so entstanden sind wie im Alten Testament beschrieben. Allerdings existieren im Kreationismus verschiedene Strömungen. Weniger radikale Vertreter glauben, dass das Buch Mose nur eine ungefähre Darstellung der Geschehnisse enthalte und nicht wörtlich zu nehmen sei - oder dass die im Alten Testament genannten sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Die Anhänger des Junge-Erde-Kreationismus" " hingegen glauben, dass Gott die Erde und das Leben tatsächlich in sechsmal 24 Stunden erschaffen habe - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.
Intelligent Design
Fundamentalismus im Tarnkleid: Vertreter des Intelligent Design , einer pseudowissenschaftlichen Variante des Kreationismus, sprechen nicht von Gott, sondern von einer übernatürlichen Intelligenz hinter allen Dingen. Der Kreationismus wurde von seinen Anhängern in den USA vor allem aus juristischen Gründen in Intelligent Design umbenannt, da US-Gerichte mehrfach religiöse Lehren an staatlichen Schulen untersagt hatten. Unter dem neuen Etikett preisen Anhänger ihren Glauben als gleichwertige Theorie neben der Evolutionslehre. Dabei machen sie sich zunutze, dass der Begriff "Theorie" in der Umgangssprache eher die Bedeutung einer bloßen Vermutung hat. In der Wissenschaft aber verlangt eine Theorie nach Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Weltweite Verbreitung der Religion
Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet - wenn auch nicht so weit, wie manche Kreationisten gern behaupten. Im August 2006 haben US-Forscher im Fachblatt "Science" Umfragen der vergangenen 20 Jahre in den USA, Japan und 32 europäischen Staaten untersucht. Das Ergebnis: In Island, Dänemark, Schweden, Frankreich und Japan glauben jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung an eine göttliche Schöpfung. Deutschland lag auf Platz zehn mit einer Evolutionsakzeptanz von etwas über 70 Prozent. 22 Prozent glaubten an eine göttliche Schöpfung, der Rest war unsicher. Die USA landeten auf dem vorletzten Platz - vor der Türkei. Nur 40 Prozent glauben in den USA an die Evolutionstheorie, 39 Prozent an die biblische Schöpfung - mit einer Tendenz zugunsten der Religion.

Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.

Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramtsstudienanfänger an der Evolution zweifelt.
Atheismus
Als Atheismus versteht man die Ablehnung Gottes, einer göttlichen Weltordnung oder auch nur des geltenden Gottesbegriffs. Atheismus ist jedoch nicht unbedingt gleichzusetzen mit Unglauben und zu unterscheiden vom Agnostizismus , der die Frage der Existenz Gottes offen lässt.
Einer der weltweit führenden Neuen Atheisten ist Richard Dawkins .
Anne Brasseur, Mitglied des Europarates, hat an dem Bericht " Die Gefahren des Kreationismus in der Bildung" mitgearbeitet. Ziel sei es, so sagt sie, die Evolutionslehre im Unterricht zu verankern. Dazu veranlasst sah sie sich durch Widerstände in einzelnen europäischen Ländern gegen Darwins Lehre. "Der ehemalige stellvertretende Bildungsminister Polens beispielsweise bezeichnete die Evolutionstheorie als Lüge", erzählt Brasseur. Und sie berichtet von noch weiteren negativen Beispielen:

Anne Brasseur berichtet, dass es Widerstände des Vatikans gegen den Bericht des Europarates gab. Die Position der katholischen Kirche zur Evolution ist unklar. Zwar bestätigte Papst Benedikt XVI., dass Evolution und Schöpfung kein Gegensatz seien. Es gebe "viele wissenschaftliche Nachweise für die Evolution", sagte er im Juli 2007. Im April 2007 aber schrieb er in einem theologischen Fachbuch, die Existenz der Evolution sei "nicht beweisbar".

Im Jahr 2005 sorgte der österreichische Kardinal Schönborn mit einem Artikel in der "New York Times" für Aufsehen: In " Finding design in evolution" vertritt er die Idee einer Schöpfung und einer gelenkten Evolution - im Prinzip Intelligent Design.

"Was Kardinal Schönborn macht, ist sein Job", sagte ein Zuhörer bei der Fachtagung. "Religion konkurriert mit anderen Religionen und Weltanschauungen. Wissenschaft wehrt sich deswegen so schlecht gegen die kreationistischen Angriffe, weil sie nicht den Anspruch hat, eine Weltanschauung zu vermitteln." Zwar nehme sie für sich eine materialistische Methodik in Anspruch - sie wolle aber nicht den Materialismus verkünden.

So hat die Wissenschaft auf die kreationistischen Angriffe bisher eher reagiert als agiert. Und das nicht mal gut. Es gab auch wieder Versuche eines Dialoges. Günther Pass, Evolutionsbiologe an der Universität Wien, leitet auch die Fachdidaktik der Naturwissenschaften. Er berichtet von einer öffentlichen Diskussion Schönborns mit einer Molekularbiologin. "Heraus kam nur Geplauder", so Pass. Es sind Einzelne, wie der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins, die sich wehren.

Dabei war die Position der katholischen Kirche auch schon einmal anders: Benedikts Vorgänger, Johannes Paul II., hatte die Evolution noch rundherum anerkannt. " Evolution ist mehr als nur eine Hypothese", sagte er im Jahr 1996.

Auch Anne Brasseur berichtet, dass es Widerstände des Vatikans gegen den Bericht des Europarats gab. Ohne Erfolg. Mit 48 Stimmen dafür und 25 dagegen wurde er letztlich angenommen. Von den fünf deutschen Europarat-Abgeordneten stimmten übrigens drei dagegen, einer dafür und einer enthielt sich.

Ergänzung: Auf Anfrage von SPIEGEL-ONLINE-Lesern bei abgeordnetenwatch.de haben Holger Haibach und Eduard Lintner ihr Abstimmungsverhalten begründet.

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