Evolution der Emotion Warum wir am Glück verzweifeln

Permanent glücklich sein? Viele würden das gar nicht wollen, sagt der Philosoph Thomas Metzinger - vielmehr ist der Mensch dazu verdammt, dem Glück hinterher zu jagen. Denn die Evolution lässt ihm keine andere Wahl.


Eine hypothetische Frage drängt sich auf: Wenn wir die Gesamtmenge von Freude und Glück im Universum erhöhen könnten, indem wir es mit sich selbstständig vermehrenden und andauernd glückseligen Ego-Maschinen überfluten, sollten wir dies dann tun? Wären wir vielleicht sogar aus ethischen Gründen dazu verpflichtet?

Mann mit Kind: Wir wünschen uns, dass unsere Glückseligkeit gerechtfertigt ist
Corbis

Mann mit Kind: Wir wünschen uns, dass unsere Glückseligkeit gerechtfertigt ist

Meine Annahme, dass die ersten Generationen von künstlichen Ego-Maschinen geistig behinderten menschlichen Säuglingen ähneln würden und mehr Schmerz, Verwirrung und Leiden in die Welt brächten als Freude, Glück oder Einsicht, könnte aus einer ganzen Reihe von Gründen empirisch falsch sein. Solche Maschinen könnten durchaus doch besser funktionieren, als wir dachten, und sich auch in einem viel größeren Ausmaß an ihrer eigenen Existenz erfreuen würden, als wir erwartet hätten.

Oder wir selbst - als Agenten der geistigen Evolution und Ingenieure der postbiotischen Subjektivität - würden einfach sorgsam darauf achten, dass diese Annahme immer empirisch falsch ist, indem wir nur solche bewussten Systeme konstruieren, die entweder unfähig sind, überhaupt phänomenale Zustände wie das subjektive Leiden zu haben, oder die sich wesentlich stärker an ihrem eigenen Dasein erfreuen könnten, als Menschen das tun. Angenommen, wir könnten sicherstellen, dass die positiven Bewusstseinszustände einer solchen Maschine die negativen stets überwiegen würden - dass sie ihre eigene Existenz jederzeit als etwas besonders Wertvolles und Erstrebenswertes erlebte. Nennen wir eine solche Maschine eine Glückseligkeitsmaschine.

Zum Autor
Thomas Metzinger ist Philosoph und leitet an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz die Arbeitsbereiche Theoretische Philosophie, Neurophilosophie und Neuroethik. Derzeit ist er am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Anfang September erscheint unter dem Titel "Der Ego-Tunnel – Von der Hirnforschung zur Bewusstseinskultur" sein erstes allgemeinverständliches Buch, das sich auch mit den ethischen, sozialen und kulturellen Konsequenzen der naturalistischen Wende im Menschenbild auseinandersetzt.
Wenn wir das physikalische Universum mit Glückseligkeitsmaschinen überschwemmen und kolonisieren könnten, sollten wir dies dann tun? Wenn unsere neue Theorie des Bewusstseins uns irgendwann erlaubte, uns selbst von altmodischen biologischen Ego-Maschinen, die die psychologische Bürde der Schrecken ihrer evolutionären Geschichte tragen, in Glückseligkeitsmaschinen zu verwandeln - sollten wir dies dann tun?

Wahrscheinlich nicht. Zu einer Existenzform, die erstrebenswert ist, oder einem Leben, das wirklich lebenswert ist, scheint mehr zu gehören als eine bestimmte Qualität des subjektiven Erlebens. Man kann das ethische Problem der Vermehrung künstlicher oder postbiotischer Systeme nicht auf die Frage reduzieren, wie die Wirklichkeit - oder das Dasein des Systems - diesem System selbst auf der Ebene des bewussten Erlebens erscheinen würde.

Wahnvorstellungen können Glückseligkeit hervorrufen. Ein Krebspatient im Endstadium unter dem Einfluss höherer Dosierungen von Morphium und stimmungsaufhellenden Medikamenten kann durchaus ein sehr positives Selbstbild besitzen, so wie auch Drogensüchtige in den letzten Stadien noch gut funktionieren können. Menschliche Wesen haben seit Jahrhunderten versucht, sich selbst von Ego-Maschinen in Glückseligkeitsmaschinen zu verwandeln - auf pharmakologische Art und Weise oder durch die Annahme metaphysischer Glaubenssysteme und bewusstseinsverändernder Praktiken. Warum sind fast alle von ihnen gescheitert?

Mehr zum Thema
Im neuen SPIEGEL 23/2009:

Was Glück ist
Eine Kulturgeschichte des schönsten Gefühls der Welt
Illustration Ludvik Glazer-Naudé für den SPIEGEL
In seinem Buch Anarchy, State, and Utopia schlug der Philosoph Robert Nozick das folgende Gedankenexperiment vor: Sie haben die Möglichkeit, sich an eine "Erlebnismaschine" anschließen zu lassen, die Sie in einem Zustand andauernden Glücks hält. Würden Sie dies tun? Interessanterweise fand Nozick heraus, dass die meisten Menschen sich nicht dafür entscheiden würden, den Rest ihres Lebens an eine solche Maschine angeschlossen zu verbringen. Der Grund dafür liegt darin, dass die meisten von uns der reinen Glückseligkeit als solcher keinen Wert zuweisen, sondern möchten, dass sie ihrerseits in einer Erkenntnis der Wahrheit, in ethischer Tugend, in einer künstlerischen Leistung oder irgendeinem anderen höheren Gut verankert ist. Wir wünschen uns mit anderen Worten, dass unsere Glückseligkeit gerechtfertigt ist. Wir wollen keine in einem Wahn gefangenen Glückseligkeitsmaschinen sein, sondern bewusste Subjekte, die aus einem Grund glücklich sind und die deswegen ihre eigene Existenz als etwas Erstrebenswertes erleben. Wir wollen eine außergewöhnliche Einsicht in das Wesen der Wirklichkeit, in moralische Werte oder Schönheit im Sinne objektiver Tatsachen.

Nozick war der Auffassung, dass diese Reaktion eine Widerlegung des Hedonismus sei. Er bestand darauf, dass wir nicht einfach nur das reine Glücklichsein wollen, wenn es nicht gleichzeitig auch einen echten Kontakt mit einer tieferen Wirklichkeit gibt - obwohl natürlich auch diese Form des subjektiven Erlebens im Prinzip simuliert werden könnte. Darum würden auch die meisten von uns nach reiflicher Überlegung die physikalische Welt nicht mit künstlichen, vor Glückseligkeit und liebevoller Güte überfließenden Ego-Maschinen überfluten wollen - zumindest nicht dann, wenn diese Maschinen sich dazu in einem andauernden Zustand der Selbsttäuschung befinden müssten.

Wir sollten keine künstlichen Ego-Maschinen erschaffen

Buchtipp

Thomas Metzinger: "Der Ego-Tunnel"
Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik

Berlin Verlag; 352 Seiten; gebunden; 24,90 Euro. Erscheint am 5. September 2009.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Dies führt uns jedoch zu einem weiteren Problem: Alles, was wir über die Transparenz phänomenaler Zustände gelernt haben, zeigt deutlich, dass man "tatsächlichen Kontakt mit der Wirklichkeit" und "Gewissheit" ebenfalls simulieren kann und dass die Natur genau das längst getan hat, indem sie in unseren Gehirnen den Ego-Tunnel entstehen ließ. Denken wir bloß an halluzinierte Agentivität oder an das Phänomen des falschen Erwachens aus der Traumforschung. Befinden wir uns vielleicht in einem Zustand andauernder Selbsttäuschung? Wenn es uns mit unserem eigenen Glück ernst ist und wenn wir nicht wollen, dass es einfach "bloß" hedonistisches Glück ist, dann müssen wir uns absolut sicher sein, dass wir uns nicht systematisch selbst täuschen. Wäre es nicht eine gute Sache, wenn eine neue, empirisch informierte Philosophie des Geistes und eine ethisch sensible Neurowissenschaft des Bewusstseins uns bei diesem Projekt unterstützen könnten?

Ich kehre zu meiner früheren Warnung zurück: Wir sollten alles unterlassen, was zu einer Erhöhung der Gesamtmenge des Leidens und der Verwirrung in der Welt führt. Ich will hier auf keinen Fall dafür argumentieren oder es als eine etablierte Tatsache hinstellen, dass bewusstes Erleben in seiner menschlichen Erscheinungsform etwas Negatives ist oder letztlich nicht im Interesse des Erlebnissubjekts liegt. Ich glaube, dass dies eine vollkommen sinnvolle, absolut relevante, aber auch eine offene Frage ist. Worum es mir aber geht, ist, dass wir keine künstlichen Ego-Maschinen erschaffen oder auf dem Umweg über die Auslösung einer Evolution zweiter Ordnung erzeugen sollten, und zwar deshalb nicht, weil wir uns an wenig mehr orientieren können als dem Beispiel und der funktionalen Struktur unseres eigenen phänomenalen Geistes. Infolgedessen ist es wahrscheinlich, dass wir nicht nur eine Kopie unserer eigenen psychologischen Struktur erzeugen würden, sondern auch eine suboptimale Version derselben. Und ich weise noch einmal darauf hin, dass dies letztlich mit der Ethik des Risikos zu tun hat.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Michael Giertz, 03.06.2009
1. Nur wer Mensch ist, ist glücklich.
Zitat von sysopPermanent glücklich sein? Viele würden das gar nicht wollen, sagt der Philosoph Thomas Metzinger - vielmehr ist der Mensch dazu verdammt, dem Glück hinterher zu jagen. Denn die Evolution lässt ihm keine andere Wahl. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,627576,00.html
Der Mensch hat schlichtweg verlernt, Mensch (und damit glücklich) zu sein. Kurz und knapp. Wer die meisten Jahre seines Lebens damit vergeudet, nur für andere (respektive Arbeitgeber, Auftraggeber, ...) dazusein, wer Glück in der Anhäufung von Reichtümern sucht, wer glaubt, Besitz und Macht würde glücklich machen - der hat aufgehört, ein Mensch zu sein. Der glückliche Mensch ist zufrieden mit dem, was er hat. Er ist nicht darauf erpicht, mehr zu bekommen. Und dennoch ist der glückliche Mensch nicht faul, denn Glück will gewahrt, verteidigt und erarbeitet werden. Unsere Gesellschaft mit all ihren Zwängen, Pflichten, Verboten usw verhindert effektiv das Glücklichsein. Noch Fragen? PS: Mein persönliches Glück finde ich in der eigenen Familie. Hoffentlich irgendwann mal.
fintenklecks 03.06.2009
2. Ich sehe das anders.
Zitat von sysopPermanent glücklich sein? Viele würden das gar nicht wollen, sagt der Philosoph Thomas Metzinger - vielmehr ist der Mensch dazu verdammt, dem Glück hinterher zu jagen. Denn die Evolution lässt ihm keine andere Wahl. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,627576,00.html
Wir erkennen erst, dass wir im Paradies gewesen sind, wenn wir aus ihm vertrieben wurden. Sowohl Unglück und Glück bringt uns in unserer Entwicklung weiter. Voraussetzung ist das Mensch sein und ein klarer Geist, wie mein Vorredner beschrieb. Glück kann man nicht hinterher jagen, es kommt unverhofft. "Das haltbare Glück ahnt der Mensch fernab von sich selbst, das unhaltbare Glück lehrt ihn den Augenblick zu lieben.
Fritz Katzfuß 03.06.2009
3. Die Evolutionstheorethiker
sind doch alesamt Sozialdarwinisten, oder? jetzt wollen sie aus ihrer absurden Theorie sogar ableiten, dass der Mensch nicht glücklich sein kann. sie übershen aber, dass sie das so sehen, weil er nicht glücklich sein darf.
+Beobachter- 03.06.2009
4. Uneingeschränktes Glück?
Zitat von sysopPermanent glücklich sein? Viele würden das gar nicht wollen, sagt der Philosoph Thomas Metzinger - vielmehr ist der Mensch dazu verdammt, dem Glück hinterher zu jagen. Denn die Evolution lässt ihm keine andere Wahl. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,627576,00.html
Echtes, tiefes Glück ist zweifelsfrei ein anzustrebender Zustand, insbesondere dann, wenn es auf Unabhängigkeit beruht. Meistens wird "Glück" nur in Abhängigkeit empfunden, was auch nach engagiertester Diskussion nicht wirklich erstrebenswert sein kann, da auf diese höchst oberflächliche Emotion nur allzu oft Enttäuschung und Frustration folgen. Der wichtigste und zugleich disputivste Aspekt in dem Artikel ist demnach das Argument "Wahrheit", welches meiner Meinung nach eine völlig andersartige Definition von "Glück" erlebbar macht. Die Hingabe an eine unpersönliche Wahrheit führt zweifelsfrei zu schmerzhaften Erfahrungen für die Person, darüber hinaus aber auch zu sich dadurch eröffnende innere Räume, die parallel z.B. Trauer, Schmerz und Wut fühlbar machen, welche weitläufig nicht mit der etablierten Definition von "Glück" vereinbar sind, und dennoch durch ein bewusstes Einverständnis zu Dankbarkeit und somit zu echtem Glück führen können. Jede erlebbare Situation hat das uneingeschränkte Potential zur bewußten Wahrnehmung - das Problem ist die mangelnde Bereitschaft zur uneingeschränkten Reflektion. Und somit ist als Folge der transzendierende Glückliche niemals nur eine auf Dumpfheit basierende Emotionsmaschine.
Michael Giertz, 03.06.2009
5. Ellbogengesellschaft
Zitat von Fritz Katzfußsind doch alesamt Sozialdarwinisten, oder? jetzt wollen sie aus ihrer absurden Theorie sogar ableiten, dass der Mensch nicht glücklich sein kann. sie übershen aber, dass sie das so sehen, weil er nicht glücklich sein darf.
So sieht's aus. Unsre gesamte Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, dass niemand wirklich "glücklich" ist. Nur der unglückliche Mensch sucht sein Heil im Konsum, im Geldausgeben bzw -verdienen, im Anhäufen von Reichtümern und Macht. Glücklich wird er trotzdem nicht. So. Wenn ich, ein Agnostiker, unbeleckt von spirituellen Erfahrungen und ähnliches, weder besonders gebildet oder gescheit, das weiß, warum dann tun sich die ach so Weisen so schwer damit?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.