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Evolution der Information: Wie kulturelles Wissen entsteht

Wissen ist schwer zu fassen, es ist weit mehr als die Addition von Fakten, Berichten und Erfahrungen. In einem Edition-Unseld-Essay beschreibt Olaf Breidbach, wie aus Informationen und Nachrichten neue Wissensordnungen entstehen.

Wissen entsteht geschichtlich. Es ist das Manifest einer kulturellen Tradition. Hat es damit auch über diese Tradition hinaus Geltung? Unsere europäische Idee von Bildung steht in der erweiterten Perspektive des 21. Jahrhunderts neben einer Fülle anderer, existenter wie untergegangener, Angebote. Und – ist es nicht die Biologie, das Hirn, die Evolution, die bestimmt, was für uns wissenswert ist, und was wir darin festhalten sollen? Die Ideen einer sich auf den Computer stützenden Kultur sind hier eindeutig, wir horten Informationen, verlagern sie in ein weltumspannendes Netz und können dann sicher sein, dass sich in diesem Netz all das einfangen lässt, was wir wissen müssen. Nur – wie finden wir in diesen Gefüge von Verweisen, Archiven und Registraturen, das, was uns zu wissen nötig ist?

Bibliothek der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg: Wissen besteht nicht aus addierten Informationen
DDP

Bibliothek der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg: Wissen besteht nicht aus addierten Informationen

Wissen ist das was uns befähigt, zu erkennen, was wir an Informationen nötig haben, wann und wo wir nachzuschlagen haben, was wir offen lassen können und was es bedeutet, das ein oder andere Detail registriert zu haben. Der Computer sagt uns nicht, was Wissen ist. Wir können ihn nur dann richtig nutzen, wenn wir wissen, was wir wissen müssen. Dass ein einfaches mehr an Informationen Wissen erzeugt, und ein mehr an Vernetzung das World Wide Web lebendig oder doch mindestens selbst zu einer Intelligenz macht, ist ein Märchen aus der Stube der Science Fiktion Produzenten des vorigen Jahrhunderts

Was aber gilt ist: Wenn wir viel wissen, können wir mit Informationen besser umgehen. Wie aber bestimmen wir dieses Wissen? Ist Wissen eine individuelle oder allgemeine Sammlung von Informationen, oder ist Wissen der Rahmen, in dem die Informationen interpretiert und damit überhaupt erst verfügbar werden? Informationen sind Einprägungen der Außenwelt in unser Erfahrungsgefüge, sie kommen von außen. Erst dann, wenn wir sie in eine Ordnung gebunden haben, sind sie uns so verfügbar, dass wir sie bewerten und dann an ihnen und mit ihnen weitere Reaktionen, Planungen und Handlungen ausrichten können. Wäre da nicht diese Ordnung, in der das zu Wissende eingefangen und zu bewerten ist, was würden wir mit den uns erreichenden Informationen anfangen?

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Die Naturwissenschaft prägt das Weltbild in den westlichen Staaten. Hat Gott ausgedient? Kommt die Wissensgesellschaft vom Weg ab? Wie findet das Individuum seinen Platz in einer immer schnelleren und komplexeren Welt? In der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags definieren Forscher und Schriftsteller das Verhältnis zwischen Mensch und Forschung. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE haben die Autoren ihre Bände, die im Buchhandel erhältlich sind, zu Essays verdichtet.

Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
Wissen ist interpretierte Information. Es besteht nicht in der einfachen Addition von Informationen, sondern formt diese Informationen zu einem Ganzen, aus dem heraus und auf das hin wir agieren. Wissen ist durch die Ordnung bestimmt, in der wir es präsentieren. Wie aber ist diese Ordnung selbst definiert? Ist es tatsächlich das Außen, das sich hier widerspiegelt, oder sind wir gewissermaßen in ein selbstreflexives Spiegelkabinett verbannt, in dem wir das, was wir Außen nennen, bloß konstruieren? Die Information wäre dann nicht einfach ein Abdruck, den wir aufnehmen und archivieren, sie wäre Teil eines in sich bestimmten Gefüges uns möglicher Urteile. Die Vorstellung einer Information verrechnenden Maschine, die genau weiß, was sie tut, da sie ein Regelwerk besitzt, in dem alle ihr möglichen Reaktionen wie auch deren Wirkungen verzeichnet sind, setzt etwas voraus. Eine solche Maschine müsste ihre Möglichkeiten reflektieren. Sie hätte zu wissen, was sie tut und was sie tun könnte. Sie müsste Formeln besitzen, die ihr Handlungswissen beschreiben. So könnte sie das, was sie abbildet, in eine Sprache fassen. Die Ordnung, in der sie ihr Wissen fände, stünde dann auch bei ihr vor und nicht hinter dem Gewussten. Bei den Maschinen findet sich solche Ordnung in dem ihnen vorgegebenen Programm. "Nur wer mich kennt, der wird mich hier erkennen", schrieb Hegel unter ein Abbild seines Gesichtes.

Wissen ist nicht einfach in der Außenwelt aufzulesen. Wir können es uns nicht eintrichtern. Wissen wird erarbeitet, es baut auf Tätigkeiten, Verfahren und Strukturen auf. Diese sind nicht einfach Vorgaben, die dann etwa die eigentliche wissenschaftliche Arbeit ermöglichen, sondern selbst integraler Teil eines Wissen allererst schaffenden Prozesses. Für ein Verständnis der Organisation unseres modernen Wissens ist es entscheidend, diese verschiedenen Formen, in denen sich Wissen konstituiert, zu erfassen und miteinander abzustimmen.

In Jena bestehen noch immer Reste einer ganz besonderen Arbeiterkultur, die für die Entstehung der Optischen Werke Carl Zeiss von zentralerer Bedeutung war als alle technologischen Investitionen. Der Arbeiter an der Werkbank war hier in besonderer Weise zur Präzision verpflichtet. Dies galt nicht nur für die eigentliche Arbeit, etwa das Schleifen und Polieren, das im großen Maßstab ohnehin nur unter vergleichsweise sauberen Bedingungen möglich war. Lange vor der Erfindung des Reinraumlabors (das für die Arbeit eines Linsenschleifers ebenfalls nur bedingt geeignet ist) bedeutete dies für den Arbeiter, eine besondere Sorgfalt zu entwickeln, die sich bis in sein Privatleben hineinzog. Sie betraf neben Hygiene und Kleidung bestimmte Verhaltensmuster, die sich in dieser Arbeiterkultur tradierten und damit überhaupt erst die industrielle Fertigung optischer Hochleistungsinstrumente ermöglichten.

Die hier nötigen Fertigkeiten umfassen erlernte Arbeitsstrategien sowie das Wissen, wie und unter welchen Bedingungen sie jeweils einzusetzen sind. Dies technisch umzusetzen, setzt voraus, den gesamten Verhaltensbestand der Arbeiterschaft zu erfassen, um dann die möglichen Varianten in den Verhaltensweisen und deren jeweilige Dispositionen beschreiben zu können. Diese Praktiken ließen sich kaum in einem Reglement zusammenfassen, sie wurden durch Imitation weiter vermittelt.

Ein Unternehmer wird nun versuchen, zur Optimierung seiner Produktion möglichst viele dieser Momente und Fähigkeiten in Verfahren abzubilden, um sie dann möglicherweise in einen maschinellen Fertigungsprozess überführen zu können. Wissen ist damit nicht nur die Kenntnis von Optik, Glaschemie und Verfahrenstechniken, Wissen ist auch Praxis und es kondensiert sich zudem in Maschinen. Konzepte, die in diesem Komplex von Wissen umgesetzt werden, haben diesen Komplex zu berücksichtigen. Ein Wissensmanager hat die verschiedenen Momente der Produktion in sorgfältiger Weise miteinander zu vermitteln. Effektiv ist nur der Betrieb, dem es gelingt, die verschiedenen Bestandteile eines Fertigungsprozesses in optimaler Weise zu verknüpfen.

Das was hier kurz beschrieben ist, liegt gar nicht fern von dem, was einen Wissenschaftler beschäftigt. Auch dieser ist jedoch in seinem Tun nicht frei und von allen Strukturen unabhängig. Die von ihm herangezogenen Verfahren und Strukturen sind keineswegs nur akzidentelle Bestimmungen seines Wissens. Er arbeitet in Strukturen, die nicht nur seine Tätigkeiten gliedern, sondern ihm überhaupt erst die Ressourcen offen legen, von denen ausgehend und mit denen er seine Forschungen betreibt. Diese Strukturen – Textbestände oder die verschiedenen Gerätschaften eines physikalischen Laboratoriums – umreißen den Bereich seines Wissens.

Deutlich wird dies an Großgeräten wie etwa einem Teilchenbeschleuniger. Dessen Herstellung umfasste von der Idee, den Konstruktions- und Genehmigungsverfahren bis zur eigentlichen Fertigung einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren. Die innerwissenschaftliche Diskussion um bestimmte, für eine theoretische Entwicklung notwendige technische Verfahren liegt also über mehr als ein Jahrzehnt zurück, bevor überhaupt ein erster Probelauf dieses Gerätes erfolgt. Niemand hat jedoch einfach zehn Jahre auf das Gerät gewartet. Vielmehr hat sich die konzeptionell orientierte Forschung mangels dieses Gerätes in den zehn Jahren in anderer Weise entwickelt. Wie ist nun aber 10, 15, 20 Jahre später das nun hergestellte Gerät in den fortgeschrittenen Diskussionsprozess sinnvoll zu integrieren?

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