Evolution des Menschen Angebliche Belege für Paarung mit Neandertaler

Neandertaler und moderne Menschen haben sich vermischt: Das behauptet der Paläoanthropologe Erik Trinkaus seit Jahren vehement. Jetzt präsentiert er wieder einmal Knochen, die seine These beweisen sollen - doch Fachkollegen sind skeptisch.


Erik Trinkaus hat es wieder geschafft: Zum wiederholten Male behauptet der Paläoanthropologe in dem angesehenen Journal "Proceedings of the National Academy of Sciences" ("PNAS"), dass sich der Neandertaler und der moderne Mensch miteinander vermischt haben. Fachkollegen schütteln indes mit Kopf - mal wieder.

Vor gut drei Jahren berichtete Trinkaus in "PNAS", die ältesten Überreste des modernen Menschen gefunden zu haben, und meinte damals: "Diese Knochen sind absolut kompatibel mit der These der Vermischung von modernen Menschen und Neandertalern." Deshalb stecke heute in jedem Homo sapiens auch ein kleiner Neandertaler.

Jetzt behauptet Trinkaus, der an der Washington University in St. Louis forscht, erneut: Neandertaler und moderne Menschen könnten sich nicht nur getroffen, sondern sogar gekreuzt haben. Zum Beweis präsentierten er und zwei seiner rumänischen Kollegen Knochen, die bereits 1952 in der rumänischen Höhle Pestera Muierii entdeckt worden waren und die kürzlich erneut untersucht wurden.

Die Knochen enthielten Kennzeichen von modernen Menschen und auch Merkmale von Neandertalern, schreiben die Paläoanthropologen in der aktuellen "PNAS"-Ausgabe. Charakteristisch für den Homo sapiens waren etwa eine vergleichsweise kleine Kinnlade mit ausgeprägten Eckzähnen, eine enge Nasenöffnung und kleine Augenbrauenbögen; typisch für den Homo neanderthalensis waren die niedrige fliehende Stirn mit einem markenten Oberaugenwulst, der große Augenabstand und enge, flache Schulterblätter.

Knochen waren in Vergessenheit geraten

Um diese anatomischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu erkennen, verglich Trinkaus' Team die vier in der Höhle gefunden Knochen - einen Schädel, einen Unterkiefer, einen Schulterknochen und ein Schienbein - mit vier Funden von Vor- und Frühmenschen. Diese stammten von einem Neandertaler und drei der Anatomie nach modernen Menschen aus verschiedenen Zeitperioden.

Außerdem kamen zum Vergleich noch ein Schläfenbein und ein Wadenbein hinzu. Beide waren in einem anderen Bereich der Höhle Pestera Muierii gefunden worden. Da die Einordnung der zwei Knochen in eine klar umrissene Zeitperiode umstritten war, wurden sie Anfang der siebziger Jahre aus der Inventarliste rumänischer Menschenfossilien entfernt - und gerieten nach Angaben der Forscher weitgehend in Vergessenheit. Zumindest bis 2001.

Da datierte eine rumänische Forschergruppe die beiden Knochen neu und stellte fest, dass sie mehr als 35.000 Jahre alt waren - so alt wie die anderen Funde aus der Höhle. Damit stammen die Knochen aus der frühen Phase des Jungpaläolithikums, der oberen Altsteinzeit - einer Zeit, in der der moderne Mensch nach Europa einwanderte, der Neandertaler jedoch noch nicht ausgestorben war. Etwa 1000 Jahre lebten sie nebeneinander, Tür an Tür, gar abwechselnd in derselben Höhle. Das gilt als erwiesen - nicht aber, dass sich Homo sapiens und Homo neanderthalensis vermischt haben.

Genau das zu beweisen - die Vermischung beider Arten - versucht Trinkaus seit Jahren. Alle paar Monate liefert er Knochen, publiziert Untersuchungsergebnisse. Die Erkenntnis des aktuellen Vergleichs: Zwar hätten die Funde grundsätzlich die Form von Knochen moderner Menschen, allerdings stimmten unter anderem der niedrige Stirnbogen, bestimmte Merkmale des Unterkiefers und besonders das Schultergelenk fast vollständig mit Schädel beziehungsweise Skelett des Neandertalers überein.

Es müsse also eine komplizierte Dynamik in der Reproduktion gegeben haben, die eben auch zu Mischformen geführt haben, folgert Trinkaus' Team. Der moderne Mensch habe den Neandertaler somit nicht - wie häufig vermutet -, vollständig verdrängt, als er nach Europa einwanderte.

Knochen aus Rumänien seien kein Beweis für Hybrid-Theorie

Gegen die Hybridisierungs-Theorie, die Trinkaus so vehement vertritt, sprechen jedoch zahlreiche Studien und Experten. Als man das Erbgut von Neandertalern und modernen Menschen verglich, gab es keine Hinweise auf eine Vermischung: Das Erbgut der beiden Arten unterschied sich zu stark voneinander. Auch scheint es keine Nachkommen solch eines Tête-à-tête zu geben.

Wenn Neandertaler und moderne Menschen miteinander Sex gehabt und sich somit gekreuzt hätten, dann müssten ihre Nachkommen in der sogenannten ersten Filialgeneration (F1-Generation) Mischlinge sein, etwas wie ein Homo neanderthalensis-sapiens. Trinkaus' rumänische Knochen stammen nach Ansicht von Experten nicht von solchen Mischlinge. "Wir haben nichts gefunden, das wie diese F1-Generation aussieht, rein gar nichts. Es gibt keinen Beweis", sagte Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig.

Der Wissenschaftler bemängelt auch, dass Trinkaus - wieder einmal - seine These mit Knochen aus Rumänien beweisen will. Der Vorfahre des modernen Menschen kam aus Afrika, ist Hublin überzeugt, deswegen müsse man die Überreste von Neandertalern und modernen Menschen mit etwa 35.000 Jahre alten Funden aus Afrika vergleichen.

Wie Hublin befürworten die meisten Anthropologen die "Out-of-Africa"-These, der zufolge der anatomisch moderne Mensch vor etwa 150.000 Jahren in Afrika entstand und vor 35.000 bis 40.000 Jahren nach Europa gelangte und hier den Neandertaler verdrängte. Daneben existiert die "Multiregionale Theorie": Sie besagt, dass sich anatomisch unterschiedliche Varianten des modernen Menschen in verschiedenen Gegenden der Welt entwickelten und sich später zu einer Spezies verbanden. Erik Trinkaus gilt als prominenter Vertreter der "Multiregionalen Theorie".

fba/dpa/ddp



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