Revolution der Menschheit Das Ende des Faustkeils

Vor etwa 320.000 Jahren haben frühe Menschen Faustkeile gegen Spezialwerkzeuge getauscht. Forscher sprechen von einem Schlüsselmoment der Evolution.

Human Origins Program, Smithsoni

Er gilt als "Schweizer Taschenmesser" der Steinzeit. Hunderttausende Jahre diente der Faustkeil als Allzweck-Werkzeug der Frühmenschen - etwa zum Schlagen, Ritzen, Schaben oder Graben. Nun berichten US-Forscher in drei Aufsätzen (hier, hier und hier) von bahnbrechenden Umwälzungen vor etwa 320.000 Jahren in Ostafrika. Demnach hatte der Faustkeil damals ausgedient. Ersetzt wurde das grobe Gerät durch eine Vielzahl wesentlich kleinerer Spezialwerkzeuge - jedes mit eigener Funktion.

Damit nicht genug: Während die alten Faustkeile im Olorgesailie-Becken im Süden Kenias fast ausschließlich von Steinen aus der näheren Umgebung stammten, kamen die meisten neuen Materialien wie das scharfkantige Obsidian aus ferneren Gegenden. Möglich sei dies nur durch ein für damalige Verhältnisse beispielloses Verhalten, das heute als typisch menschlich gilt: den Austausch von Waren über große Distanzen durch soziale Netzwerke.

Schlüsselmoment in der Entwicklung des Homo sapiens

Die Autoren um Richard Potts vom National Museum of Natural History in Washington werten das im Fachblatt "Science" als Schlüsselmoment in der Entwicklung des Homo sapiens - und dieser Schritt erfolgte Zehntausende Jahre früher als bisher bekannt. "Diese Veränderungen hin zu anspruchsvollen Verhaltensweisen, die mit größeren geistigen Fähigkeiten und komplexeren sozialen Beziehungen einhergingen, waren möglicherweise jene Eigenart, die unsere Linie von anderen Frühmenschen unterschied", sagt Potts.

Zu jener Zeit - also vor gut 300.000 Jahren - lebten auf der Erde mehrere Menschenarten: neben dem Homo sapiens unter anderem Neandertaler, Denisova-Menschen und der Homo naledi. Ihre Vorfahren entstanden vermutlich sämtlich in Afrika. Im Osten des Kontinents vermuteten Forscher auch lange die Wiege der modernen Menschheit.

Daran rüttelte voriges Jahr eine Studie aus Marokko: Dort fanden Forscher um Jean-Jacques Hublin vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie die bislang mit Abstand ältesten Fossilien des Homo sapiens - sie waren etwa 300.000 Jahre alt, 100.000 Jahre älter als die bis dahin ältesten Funde. Wichtig: Schon damals war die Anatomie des heutigen Menschen weitgehend ausgeprägt.

Auf einmal war der Faustkeil weg

Die Funde von Potts und Kollegen aus Kenia stammen nun ebenfalls just aus dieser Phase. Seit über 30 Jahren erforscht Potts das Olorgesailie-Becken. Das 65 Quadratkilometer große Areal birgt Spuren menschlicher Entwicklung seit 1,2 Millionen Jahren. Bis vor 500.000 Jahren werden die Werkzeug-Funde von Faustkeilen dominiert - Paläontologen nennen diese Phase der Steinzeit das Acheuléen.

Doch vor etwa 320.000 Jahren ist der einfache Faustkeil in dem Areal plötzlich verschwunden. Stattdessen finden die Forscher in diesen Schichten massenhaft wesentlich kleinere, meist unter fünf Zentimeter lange Spezialwerkzeuge. Sie wurden auf vielerlei Weise für ihre spätere Funktion angefertigt - etwa Klingen und Stichwerkzeuge, divers geformte Schaber und Spitzen, die vermutlich zur Jagd an Stielen befestigt wurden.

Diese Errungenschaften markieren den Beginn der Mittleren Steinzeit, die damit - zumindest in dieser Region - viel früher einsetzte als bisher bekannt. An der Datierung mit radiometrischen Verfahren - in "Science" mit einem eigenen Artikel beschrieben - haben Experten keine Zweifel. Doch möglicherweise reicht der radikale Umbruch noch viel weiter zurück: Denn für den Zeitraum vor 490.000 bis vor 320.000 Jahren fehlen in dem Becken Sedimentschichten - eine Schichtlücke von immerhin 170.000 Jahren.

Meilenstein in der Entwicklung des Homo sapiens

Unabhängige Experten loben die Arbeit der Teams. Hublin wertet die Analyse als Beleg dafür, dass die Entwicklung von Körperbau und Verhalten Hand in Hand ging. "Lange dachte man, dass sich die moderne Anatomie weit vor dem modernen Verhalten entwickelt hat", sagt der Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Die neue Studie zeige, dass vor 300.000 Jahren nicht nur die Anatomie des Menschen schon weit entwickelt war, sondern auch das Verhalten.

Faysal Bibi spricht von einem "Meilenstein" in der Entwicklung des Homo sapiens. "Diese Werkzeuge mögen vielen Leuten nur wie Steine vorkommen, doch die damit verbundenen Fortschritte könnte man - salopp formuliert - mit dem Unterschied zwischen dem Versenden von Brieftauben und dem Telefonieren mit einem iPhone vergleichen", sagt der Experte vom Berliner Museum für Naturkunde. "Dieser Übergang ist ein großer Teil dessen, was uns zum heutigen Menschen macht."

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Frühe Spezialwerkzeuge: Handel über 50 Kilometer

Reger Handel

Überdies fanden die Forscher schwarze und hellrote Pigmente, die vermutlich zum Färben genutzt wurden. "Wir wissen nicht, wozu das Färben diente, aber Archäologen betrachten das oft als Wurzel komplexer symbolischer Kommunikation", sagt Potts. "Farbe wird heute für Kleidung oder Flaggen genutzt, um eine Identität zu zeigen. Diese Pigmente mögen Menschen geholfen haben, ihre Mitgliedschaft in Allianzen auszudrücken und Verbindungen zu entfernen Gruppen aufrechtzuerhalten."

Während die im Acheuléen verwendeten Faustkeile aus einer Entfernung von bis zu fünf Kilometern stammten, liegen die Herkunftsgebiete der Rohmaterialien nun 25 bis 50 Kilometer entfernt, teilweise sogar noch weiter weg. Dies deute auf ein "neues Verhalten im Repertoire des Menschen" hin, schreiben die Autoren: "die Bildung von Netzwerken für Austausch oder Versorgung über ein beträchtliches Gebiet". Diese bedeutende Veränderung liege "an oder nahe an der Entstehungszeit des Homo sapiens".

"50 Kilometer sind eine riesige Entfernung", erläutert Bibi. "Solch eine Distanz entsprach für Menschen zu jener Zeit wahrscheinlich dem Rand ihrer bekannten Welt." Solche Werkzeuge oder Materialien seien vermutlich unter verschiedenen Gruppen ausgetauscht worden, vermutet der Paläontologe.

Insgesamt, so Bibi, seien die drei Aufsätze eine gründliche Arbeit, die die bislang früheste Technologie der Mittleren Steinzeit sorgfältig dokumentiere. "Man sollte aber nicht vergessen, dass alle Daten aus einem einzelnen Gebiet stammen und nicht notwendigerweise die gesamte menschliche Entwicklung widerspiegeln, die auf dem ganzen Kontinent ablief.

jme/dpa

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