Von Markus Becker
Sollten die winzigen fossilen Überreste tatsächlich das sein, was ihre Entdecker glauben, wären sie eine Sensation: Der moderne Mensch wäre bis zu doppelt so alt wie bisher angenommen. Und er hätte sich nicht etwa in Afrika entwickelt, sondern in Israel. Sagen israelische Forscher.
Nach der gängigen "Out of Africa"-Theorie entstand der anatomische moderne Mensch vor rund 200.000 Jahren im Osten Afrikas. Die ältesten fossilen Fundstücke sind 160.000 Jahre alt, vor 110.000 Jahren sollen die Menschen von Afrika aus über den Mittleren Osten nach Europa und Asien ausgewandert sein.
Zahlreiche Funde stützen diese Annahme - doch Forscher um Avi Gopher von der Universität Tel Aviv haben in der Kassem-Höhle in Zentralisrael jetzt etwas entdeckt, von dem sie glauben, dass es die Theorie auf den Kopf stellen könnte. Es handelt sich um acht Zähne, deren Alter anhand der Fund-Erdschicht 200.000 bis 400.000 Jahre betragen soll. Noch wichtiger aber: In ihrer Form ähnelten die Zähne denen des modernen Menschen. Das hätten Untersuchungen mit Röntgengeräten und Computertomografen ergeben, schreiben Gopher und seine Kollegen im Fachblatt "American Journal of Physical Anthropology".
"Heikle Behauptung"
Andere Forscher reagieren dagegen mit deutlicher Skepsis. Paul Mellars, Prähistoriker an der britischen Cambridge University, nannte die Studie zwar seriös und den Fund in der Kassem-Höhle "wichtig", weil anthropologische Überreste aus dieser Zeit rar seien. Doch zu behaupten, es handele sich um Spuren des Homo sapiens, sei "heikel", sagte Mellars. "Auf Basis der aktuellen Hinweise liegt diese Möglichkeit eher fern."
Wahrscheinlicher sei, dass die Zähne aus der evolutionären Linie der Neandertaler stammten. Nach der gängigen Theorie hatten Homo sapiens und Homo neanderthalensis einen gemeinsamen Vorfahren, der vor rund 700.000 Jahren in Afrika lebte. In Europa starben die Neandertaler vor rund 30.000 Jahren aus.
Auch Gopher und seine Kollegen räumen in ihrem Fachbeitrag ein, dass die Zähne aus der Kassem-Höhle einige Neandertaler-Eigenschaften besäßen. Überhaupt klingt das Forscherteam in dem Fachblatt deutlich vorsichtiger als Gopher in seinen Interviews. So ist in dem Beitrag keineswegs von klaren Hinweisen auf Homo-sapiens-Spuren die Rede - was auch ein Grund dafür sein dürfte, warum die Studie in einem relativ unbekannten Fachblatt und nicht unter einer Top-Adresse wie "Science" oder "Nature" erschienen ist.
Die Forscher haben die Zähne aus der Kassem-Höhle mit denen verglichen, die ab 1931 in den Skhul- und Qafzeh-Höhlen in Israel gefunden wurden. Die dort entdeckten Fossilien gelten derzeit als die ältesten des modernen Menschen außerhalb Afrikas, ihr Alter wurde auf bis zu 110.000 Jahre bestimmt. Die "Balance der Indizien" deute darauf hin, dass die jetzt entdeckten Zähne aus der Kassem-Höhle denen aus der Skuhl- und Qafzeh-Höhle ähnlicher seien als Neandertaler-Zähnen, schreiben Gopher und seine Kollegen. Allerdings könnten "viele dieser Ähnlichkeiten" auch von einem frühereren gemeinsamen Vorfahren stammen - was bedeuten würde, dass die einstigen Besitzer der Zähne aus der Kassem-Höhle auch Neandertaler sein könnten.
Der britische Forscher Mellars kritisiert, dass Zähne generell nicht besonders zuverlässig für die Bestimmung einer Spezies seien. Reste eines Schädels wären hilfreicher, um genauere Informationen zu bekommen. Gopher wiederum äußerte sich optimistisch, dass sein Team im Zuge der Ausgrabungen auch Schädel und Knochen finden würde.
Mit Material von AP
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