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Sozialer Instinkt: Fairness kennt nur der Mensch

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Schimpansen und Menschen teilen fast identisches Erbgut. Doch während Homo Sapiens einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit entwickelt hat, kümmert es Schimpansen nicht, wenn Artgenossen sie unfair behandeln. Forscher rätseln, wie dieser Unterschied entstanden ist.

Hilfsbereitschaft: Der Schlüssel zu mehr Gerechtigkeit Fotos
Corbis

Menschen und Menschenaffen leben seit jeher in Hierarchien. Doch im Zuge der Evolution haben die Arten unterschiedliche Verhaltensregeln für das Zusammenleben entwickelt: Während der Mensch über einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit verfügt, kennen Schimpansen und Bonobos offenbar keine Fairness. Um die Hintergründe zu verstehen, machen Wissenschaftler Verhaltensexperimente mit Menschenaffen und simulieren die menschliche Evolution am Computer.

Zuletzt stellten Keith Jessen vom Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie und Kollegen Schimpansen und Bonobos vor eine Aufgabe, die zeigen sollte, ob die Tiere es als unfair empfinden, wenn andere ihnen einen Teil ihrer Nahrung wegnehmen. "Menschenaffen bieten ihren Gruppenmitgliedern typischerweise kein Futter an, aber sie wehren sich gegen Diebstahl", berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin Biology Letters.

Im Experiment saßen jeweils zwei Schimpansen oder Bonobos in benachbarten Käfigen. Zwischen ihnen lag in einer speziellen Apparatur ein Tablett mit Weintrauben, aufgeteilt in zwei faire Portionen. "Ein Affe konnte dem anderen einige Trauben klauen, indem er das Papier, auf dem die Trauben lagen, zu sich zog", erklärt Ingrid Kaiser, Mitautorin der Studie. Anschließend musste der bestohlene Affe an einem Stab ziehen, damit beide Tiere mit den Fingern an die Trauben heran kamen. "Der stehlende Affe war also auf die Mithilfe seines Artgenossen angewiesen, um sein Diebesgut fressen zu können."

Ergebnis: Die Affen ließen keine Chance aus, ihre Traubenration aufzubessern - und die benachteiligte Mitspieler gaben die ungerecht verteilten Rationen in der Regel frei. Weder Schimpansen noch Bonobos kümmert es offenbar, ob Futter in einer Gruppe fair aufgeteilt wird, solange sie denn überhaupt etwas bekamen.

Affen ist Ungerechtigkeit egal

Studien mit Menschen, die nach dem gleichen Prinzip funktionierten, zeigten ein völlig anderes Ergebnis: Im Gegensatz zu den Affen verzichten benachteiligte Probanden lieber auf Nahrung und sorgen auf diese Weise dafür, dass auch der unfaire Mitspieler nichts bekommt. "Das Empfinden für Fairness ist möglicherweise eine dem Menschen vorbehaltene Eigenschaft", sagt Jensen. Demnach müsse der Gerechtigkeitssinn entstanden sein, nachdem sich die Menschenaffen in die Gattungen der Schimpansen (Pan) und Menschen (Homo) aufgeteilt haben.

Was aber brachte den Menschen dazu, im Gegensatz zu Schimpansen und Bonobos, Gerechtigkeitssinn und moralische Werte zu entwickeln? Dieser Frage ging Sergey Gavrilets von der University of Tennessee nach. Laut seiner Studie im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" ist die Bereitschaft benachteiligten Individuen zu helfen, ein wichtiger Unterschied zwischen Mensch und Affe - und aus dem könnte sich eine gerechtigkeitsorientierte Gesellschaft entwickelt haben.

"Auch Menschenaffen bemerken, wenn Mitglieder ihrer Gruppe unterdrückt werden, tun aber nichts dagegen", sagt Gavrilets. "Menschen dagegen sind prinzipiell bereit einzuschreiten, wenn jemand in einer Gruppe ungerecht behandelt wird." Gavrilets hat die Evolution der Hilfsbereitschaft mit Hilfe eines Computermodell analysiert. Demnach entstand der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn des Menschen innerhalb von wenigen Tausend Jahren, einer relativ kurzen Zeit in der Evolution.

Engagement für Unterdrückte zunächst riskant

Dabei zeigt sich, dass das Bedürfnis, unterdrückten Personen zu helfen, vor allem in Gruppen mit dominanten Führungspersonen und starken hierarchischen Strukturen schnell Einzug fand. "Einzugreifen, wenn jemand unterdrückt wird, birgt zunächst einmal das Risiko, selbst in der Rangordnung nach unten zu rutschen", sagt Gavrilets. Doch langfristig lohne sich der Einsatz für die ganze Gruppe. Flache Hierarchien führten dazu, dass der Besitz jedes einzelnen stärker respektiert wird.

Gavrilets Studie zeigt auch, dass die grundsätzliche Hilfsbereitschaft des Menschen nicht zu vollkommener Gerechtigkeit in der Gesellschaft führt. Zwar wurden Ressourcen innerhalb der Gruppe gerechter verteilt. Doch hatten die menschlichen Alphatiere nach wie vor Nahrungs-, Fitness- und Fortpflanzungvorteile.

"Darwin war der Auffassung, dass sich moralische Werte in der menschlichen Gesellschaft aus dem sozialen Instinkt der Tiere entwickelt haben", schreibt Gavrilets. Doch inzwischen glauben Forscher, dass auch die soziale Selektion und die Selbstbeherrschung des Menschen eine wichtige Rolle spielten.

Dominieren ohne selbst dominiert zu werden

"Es sind mehrere Veranlagungen, die unser Handeln beeinflussen", sagt Gavrilets. "Wir haben den Drang, erfolgreich zu sein und andere zu dominieren. Gleichzeitig wollen wir selbst aber nicht dominiert werden." Abhängig von den äußeren Umständen, gewännen im Laufe des Lebens eher soziale oder egoistische Verhaltensweisen die Oberhand.

Immerhin führte das menschliche Helfersyndrom im Laufe der Evolution dazu, dass sich eine breite soziale Schicht unserer Vorfahren fortpflanzen konnte. So wurde die Veranlagung für Hilfsbereitschaft an jüngere Generationen weitergeben. Eine Studie des MPI für evolutionäre Anthropologie von Anfang August zeigt, dass Menschenkinder heute von Geburt an auf Helfen programmiert sind. Schon Zweijährige macht es demnach glücklich jemandem zu helfen, unabhängig davon, ob sie dafür Anerkennung bekommen oder nicht.

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Evolution
Die Veränderung des Erbguts und damit des Phänotyps von Individuen von Generation zu Generation.
Population
Eine Gruppe von Organismen einer Art oder auch verschiedener Arten (Mischpopulation) an einer bestimmten Örtlichkeit.
Phänotyp
Das Erscheinungsbild eines Individuums ist die Gesamtheit der durch die Erbanlagen (Genotyp) und die Einflüsse der Umwelt sich ausprägenden Merkmale eines Lebewesens.
genetische Variabilität
Die einzelnen Individuen einer Art besitzen genetische Unterschiede.
natürliche Selektion
Das Erbgut von Individuen einer Art wird nicht mit gleicher Wahrscheinlichkeit weiter gegeben. Manche Individuen einer Population vermehren sich stärker als andere - je nachdem wie überlebenstüchtig sie in einer bestimmten Umwelt sind. Selektionsfaktoren der Umwelt üben eine natürliche Selektion aus.
sexuelle Selektion
Ein Individuum bevorzugt bei seiner Partnerwahl bestimmte Merkmale. Dadurch haben nicht alle potentiellen Sexualpartner die gleichen Chancen zur Fortpflanzung, es findet somit eine Selektion statt. Die Erbanlagen, die die Merkmale hervorbringen, die fr die Partnerwahl entscheidend waren, werden dadurch weiter gegeben.
künstliche Selektion
Vom Mensch gewünschte Eigenschaften werden durch Selektion und Zucht einzelner Individuen gezielt vermehrt.
genetische Drift
Auch Gendrift genannt. Vorgang bei der Evolution, der zu einer Veränderung im Genbestand kleiner Teilpopulationen gegenüber der Ausgangspopulation führt. Je kleiner eine Population ist, umso leichter kann der Zufall eine vom allgemeinen Durchschnitt abweichende Kombination von Genen zusammenführen. Gelangen beispielsweise nur wenige Individuen einer Art in ein isoliertes Gebiet (Insel, abgeschnittenes Gebirgstal), so können sich nun von ihrem Selektionswert unabhängige Mutationen aufgrund des Zufalls durchsetzen oder verlorengehen. Dies kann zu Formen führen, die in einzelnen Merkmalen nicht angepasst sind (beispielsweise auffällige Färbung, die sie als Beutetiere mehr gefährdet). Der Wirkungsgrad der Gendrift kann durch die mathematische Statistik erfasst werden.


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