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Evolutionäre Anpassung: Flexiblere Wirbelsäule stabilisiert Schwangere

Warum fallen schwangere Frauen nicht um? US-Forscher haben herausgefunden, dass die typische S-Kurvenform der Wirbelsäule bei Frauen stärker ausgeprägt ist - eine evolutionäre Anpassung, die zusammen mit dem aufrechten Gang entstanden ist, glauben die Forscher.

Wenn Frauen schwanger werden, nimmt das Gewicht des weiblichen Rumpfes um etwa 31 Prozent zu und der Schwerpunkt verlagert sich nach vorne. Wie kommen schwangere Frauen damit zurecht? Anthropologen um Daniel Lieberman von der Harvard-Universität in Cambridge haben herausgefunden, wie Frauen die Belastungen einer Schwangerschaft ausgleichen: Bei ihnen hat sich die Wirbelsäule anders entwickelt als bei Männern. Demnach ist die typische S-Kurvenform im Lendenwirbelbereich bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern.

Schwangere: Stärkere S-Form im Lendenwirbelbereich
DDP

Schwangere: Stärkere S-Form im Lendenwirbelbereich

Schwangere Frauen profitieren von dieser stärkeren Krümmung der Wirbelsäule, weil andernfalls durch das zusätzliche Gewicht des heranwachsenden Kindes verstärkt Belastungen auf die Rückenmuskeln entstehen würden. Die Forscher stellen ihre Ergebnisse im Fachmagazin "Nature" vor.

Das vermehrte Gewicht und der veränderte Schwerpunkt bei einer Schwangerschaft kann zwar durch Muskeln im unteren Rücken ausgeglichen werden, dadurch entstehen jedoch häufig Müdigkeit und Rückenschmerzen.

Um diese Probleme zu minimieren, verlagern schwangere Frauen ihren Schwerpunkt, in dem sie sich im Stehen nach hinten lehnen, zeigten die Wissenschaftler bei Untersuchungen an 19 schwangeren Frauen. Erleichtert wird diese Haltung dadurch, dass die drei letzten Lendenwirbel der Frau stärker nach außen gekippt sind und so zu einer stärkeren Biegung der Wirbelsäule führen. Im männlichen Lendenwirbelbereich sind nur die letzten zwei Wirbel derart gekippt.

Außerdem sind bei Frauen drei anstatt zwei der unteren Lendenwirbel miteinander verschränkt und somit verstärkt. Auch die Abstände zwischen den Wirbelgelenken sind größer. Dadurch werden Schwerkräfte zwischen den Wirbeln gemindert. Schwangere können sich deshalb nach hinten beugen, um das vorne zunehmende Gewicht auszubalancieren, ohne den Rücken zu schädigen. Die Form der Wirbel macht die Wirbelsäule flexibler. So können die Frauen trotz veränderter Schwerpunktlage eine stabile aufrechte Haltung bewahren, erklären die Forscher

Fossile Wirbel eines frühen Vorfahren, des Australopithecus, zeigen ähnliche Anpassungen wie beim heutigen Menschen. Auch diese Vormenschen konnten aufrecht gehen. Wahrscheinlich halfen die geschlechtsspezifischen Unterschiede der Wirbel den Frauen schon vor mindestens zwei Millionen Jahren, vermuten die Forscher: "Ohne diese Anpassung wäre eine Schwangerschaft eine schwere Last für die Wirbelsäule. Neben Schmerzen und Erschöpfung wäre sie wahrscheinlich bei der Nahrungssuche und bei der Flucht vor Feinden hinderlich gewesen", sagte die Anthropologin Liza Shapiro aus dem Wissenschaftler-Team. Bei Schimpansen gibt es keinen solchen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Lendenwirbeln. Die Anpassung muss daher mit der Entwicklung des aufrechten Gangs einhergegangen sein, schließen die Forscher.

lub/ddp/dpa

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