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Evolutionsbiologie: Warum Männer früher sterben sollten

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Warum nur leben Männer fast so lang wie Frauen? Aus Sicht der Evolution werden sie viel zu alt - ab einem bestimmten Alter sind sie in monogamen Gesellschaften einfach nutzlos. Omas dagegen braucht man immer: Sie sorgen für gesündere Enkel.

Es ist ein kalter Blick, den Wissenschaftler wie Mirkka Lahdenperä und ihre Kollegen auf die Menschheit richten. Die Finnin forscht auf einem Gebiet, dessen führende Köpfe ganz selbstverständlich von "qualitativ hochwertigem Nachwuchs" sprechen, denen "Fitness" vor allem bedeutet, wie oft jemand seine Gene weitergegeben hat, und die Kindersegen mit dem Begriff "reproduktiver Erfolg" umschreiben. Lahdenperä, die an der Universität von Turku in Finnland forscht, interessiert sich für das, was die Menschheit voranbringt - aus Sicht der Evolutionsbiologie.

Rentnerpaar: Sie gut für die Enkel, er irrelevant?
DPA

Rentnerpaar: Sie gut für die Enkel, er irrelevant?

Betrachtet man Gesellschaften aus diesem Blickwinkel, ergeben sich neue, und am Ende dann doch gelegentlich anheimelnde Perspektiven. Zum Beispiel für die Rolle der Großmütter dieser Welt. Denn die, zumindest die mütterlicherseits, sind ein Segen, sagt die Forschung. Die Welt wird in Wahrheit zusammengehalten von informellen, familiären Netzwerken - und die bestehen zum großen Teil aus Frauen. Männer leben zwar fast so lang wie Frauen - fürs Wohlergehen ihrer Enkelkinder aber sind die Herren unwichtig. Statistisch gesehen zumindest.

All das zu messen erfordert gewaltigen Aufwand und umfangreiche Datensätze. Lahdenperä und ihre Kollegen beispielsweise durchforsteten die Gemeinderegister mehrerer protestantischer Kirchengemeinden im Finnland des 18. und 19. Jahrhunderts. Über drei Generationen hinweg werteten sie die Aufzeichnungen über Geburten, Todesfälle und Hochzeiten aus - innerhalb einer Gemeinschaft, die streng protestantisch und deshalb besonders monogam lebte.

"Warum leben Männer fast so lang wie Frauen?"

Am Anfang standen 361 Männer, am Ende 4683 Enkelkinder. Wie Lahdenperä und ihre Kollegen am Ende ihres Artikels in der Fachzeitschrift "Proceedings of the Royal Society B" feststellen, erlebten diese Enkel keine "spezifischen Effekte durch die Anwesenheit von Großvätern". Die Opas waren für Anzahl und Gesundheit der eigenen Enkel überflüssig. Evolutionär gesehen.

Gleich zu Beginn ihres Artikels stellen Lahdenperä und ihre Kollegen eine Frage, die den meisten Herren missfallen dürfte: "Warum leben Männer fast so lang wie Frauen?" Evolutionär sei das nämlich höchst fragwürdig, gerade in unseren wenigstens theoretisch monogamen Gesellschaften. "In solchen Gesellschaften", schreiben die Forscher aus Finnland kühl, "sollte es wenig Selektion geben, die dafür sorgt, dass ein Mann über die reproduktiven Lebensjahre seiner Ehefrau hinweg überlebt." Kurz gesagt: Wenn Männer sich nicht mehr fortpflanzen, haben sie aus Sicht der Evolution keine Daseinsberechtigung mehr. Außer, fügen die Autoren hinzu, der Mann findet eine Methode, sich anderweitig nützlich zu machen.

"Die Evolution hat keine Großvaterrolle hervorgebracht"

Frauen, das haben frühere Studien ergeben, erhöhen ihre evolutionäre "Fitness" auch noch nach der Menopause. Obwohl sie sich nicht mehr fortpflanzen können, steigern sie die Überlebenschancen ihres genetischen Materials - indem sie dafür sorgen, dass es ihren Enkelkindern gut geht. Großväter dagegen, das zeigt die Studie von Lahdenperä und Kollegen, hatten zumindest im Finnland des 18. und 19. Jahrhunderts für den Nachwuchs des eigenen Nachwuchses gar keine positiven Auswirkungen.

Wie alt Opa wurde, war fürs physische Wohlergehen des Enkelchens demnach irrelevant. In anderen Studien - etwa mit Datensätzen aus dem historischen Deutschland und dem vorindustriellen Japan - sind sogar schwache Trends in die andere Richtung beobachtet worden: Großväter hatten einen schwach negativen Einfluss auf den "reproduktiven Erfolg" ihrer eigenen Kinder. Vielleicht weil Opa mit dem Enkelchen in der Großfamilie ums Essen konkurrierte.

Der Effekt ist also nicht dem finnischen Klima geschuldet. "Die Befunde haben überall dasselbe Muster", erklärt Eckart Voland von der Universität Giessen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Evolution hat offenbar eine genuine Großmutterrolle hervorgebracht", erklärt Voland weiter, "aber keine genuine Großvaterrolle."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 187 Beiträge
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1. se gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde,
sarmb 01.08.2007
die wir bisher nicht verstehen. Soweit ich die Evolutionsbiologie bisher verstanden habe, optimiert sich das System selbst. Wenn es also keine Vorteil für die Art Mensch gäbe, Männer so lange leben zu lassen, dann wäre dies aus evolutionsbiologischer Sicht schon lange korrigiert worden. Dass die Forscher/innen den Grund bisher nicht gefunden haben, liegt nicht an der Evolutionsbiologie und nicht an den Männern/Opas.
2. Das Gute siegt über die Nülpen;o)
Rainer Helmbrecht 01.08.2007
Zitat von sysopWarum nur leben Männer fast so lang wie Frauen? Aus Sicht der Evolution werden sie viel zu alt - ab einem bestimmten Alter sie sind in monogamen Gesellschaften einfach nutzlos. Omas dagegen braucht man immer: Sie sorgen für gesündere Enkel. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,497320,00.html
Die Evolution kann ja nicht in die Zukunft schauen und weil hin und wieder doch ein netter Opa auf der Welt ist, kann man nicht alle ausmerzen, so zu sagen vorsichtshalber. So retten einige nette Opas Millionen und aber Millionen von Nülpen das Leben;o). MfG. Rainer
3. Jäger und Sammler in urzeitlichen Wäldern...
gerd59, 01.08.2007
Wer, so möchte ich etwas polemisch fragen, sichert eigentlich das Überleben der Evolutionsbiologen? Ich habe den vagen Verdacht, dass es nicht ihre Forschungsergebnisse sind. Diese Steinzeitperspektive, mit der Phänomene betrachtet werden (Verbreitung der Gene etc.), kommt mir, ehrlich gesagt, nicht sehr hilfreich vor. Das Besondere am Menschen ist ja gerade, dass er - trotz weitgehender Konstanz des genetischen Materials - einen "kulturellen Überbau" entwickelt hat, der große Bedeutung erlangt hat und unsere genetische Disposition relativiert. Dies alles scheinen die Damen und Herren Evolutionsbiologen aber geflissentlich auszublenden. Sich schnell wandelnde politische und wirtschaftliche Strukturen, dynamische gesellschaftliche Sicherungssysteme, veränderte Rollenmuster, neue Familienstrukturen usw. - wie wär's mit einem Blick darauf? Nö, brauchen wir nicht, wir zählen die Zahl der Enkel und werten dies schlicht als "Erfolg". Nach dieser Logik ist dann die deutsche Gesellschaft eine erfolglose Gesellschaft (wenig Babys), und wir sollten einen Blick nach Indien werfen, um deren Erfolgsrezepte zu kopieren. Diese eindimensionale Betrachtung der Mann-Frau-Thematik mit Kennwerten der Steinzeit empfinde ich schlicht als irrelevant.
4. Was ist mit solchen Informationen zu tun?
rherbst, 01.08.2007
Wie aber sollte die Gesellschaft mit dem Ergebnis eines solchen Forschungsberichts umgehen: Die kranken Opas durch den "sanften Entzug" von Krankenversicherungsleistungen und deren gesunde Exemplare durch "Abschöpfung und Verwertung" dezimieren oder das Undenkbare denken und sich von der Monogamie endgültig offiziell verabschieden. Warum sollten Familien nicht dem Modell von Firmen folgen können und in sich mit mehrheitlicher Zustimmung der gegenwärtigen Partner beliebig viele neue Partner aufnehmen können? Staatlicherseits werden sie ja ohnehin schon lange als reine Versorgungsgesellschaften betrachtet.
5. Ausgefülltes Sommerloch?
DELAN, 01.08.2007
Zitat von sysopWarum nur leben Männer fast so lang wie Frauen? Aus Sicht der Evolution werden sie viel zu alt - ab einem bestimmten Alter sie sind in monogamen Gesellschaften einfach nutzlos. Omas dagegen braucht man immer: Sie sorgen für gesündere Enkel. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,497320,00.html
Ich fürchte, Ihnen macht das Sommerloch zu schaffen. Die Aussage, Männer seien ab einem bestimmten Alter nutzlos, passt man gerade so hinein ins Sommerloch - fast aber ist es schon zu klein für solch groben Unfug. Gruß DELAN
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