Evolutionspsychologie Warum wir abwarten und Tee trinken

US-Psychologen glauben, den Erfolg von Teams vorhersagen zu können. In jeder Gruppe haben sie drei verschiedene Typen entdeckt: Helfer, Nichtstuer und jene, die abwarten. Das Verhältnis der Gruppen entscheidet über den Erfolg, doch nicht nur das allein.


DFB-Nationalteam beim Training: "Helfer machen die meiste Arbeit"
DDP

DFB-Nationalteam beim Training: "Helfer machen die meiste Arbeit"

Teamarbeit ist das Erfolgskonzept des Menschen. Ohne kooperatives Arbeiten säßen wir wohl heute noch auf den Bäumen statt auf Bürostühlen. Doch gelegentlich knirscht es im Getriebe und Gruppen verfallen gemeinschaftlich in eine Haltung des Abwartens und Tee-Trinkens.

Den Evolutionspsychologen Robert Kurzban von der University of Pennsylvania in Philadelphia überrascht das kaum. Nach seinen Erkenntnissen finden sich in jeder Gruppe drei verschiedenen Typen: aktive, selbstlose Helfer, faule Trittbrettfahrer und, als größte Untergruppe, die Abwartenden.

"Helfer machen die meiste Arbeit, Trittbrettfahrer so wenig wie möglich", berichten Kurzban und seine Kollegen im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" (Online-Vorabveröffentlichung). Die meisten Menschen gehörten jedoch zur Gruppe der Zögernden. "Wir warten immer ein bisschen ab, um zunächst die Erfolgschancen von Aktivitäten abzuschätzen", erklärt der Psychologe. "Erst danach widmen wir uns mit vollem Einsatz einer Sache."

"Wir haben herausgefunden", sagt Kurzban, "dass diese Typzuordnung ziemlich stabil ist." Man könne das Verhalten einer Gruppe zuverlässig vorhersagen, wenn man wisse, wie hoch der Anteil der drei Untergruppen sei.

Jeder fünfte ist faul

Bei Experimenten mit insgesamt 80 Personen stellten die Psychologen fest, dass 63 Prozent zum Typus der Abwartenden gehören, die Kurzban Reziprokatoren nennt. "In jeder beliebigen Gruppe gibt es eine substanzielle Zahl von Reziprokatoren", erklärt er. 17 Prozent der Testpersonen waren Helfer, 20 Prozent zählten zu den Trittbrettfahrern.

T-Mobile-Team mit Zabel, Ullrich, Klöden und Winokurow: Teamarbeit als Erfolgskonzept
DPA

T-Mobile-Team mit Zabel, Ullrich, Klöden und Winokurow: Teamarbeit als Erfolgskonzept

Kurzban weiß, wie man die zögerlichen Reziprokatoren für die Mitarbeit in der Gruppe gewinnen kann: "Der einfachste Weg ist, alle über den Erfolg jedes einzelnen Beitrags zu informieren. Auf diese Weise zeigt man, dass bei den Anstrengungen etwas heraus kommt."

Die Psychologen aus Philadelphia untersuchten das Rollenverhalten mit verschiedenen Spielen. Unter anderem verteilten sie 50 Münzen an die Testteilnehmer, die diese entweder für sich behalten oder in einen gemeinsamen Pool der Gruppe geben konnten. Die Münzen im Gemeinschaftspool wurden anschließend verdoppelt und gleichmäßig unter den Teilnehmern verteilt.

Interne Kommunikation ist wichtig

Erstaunlicherweise änderte sich das Verhalten der einzelnen Personen kaum, auch wenn die Wissenschaftler das Spiel oder die Zusammensetzung der Gruppe änderten. Allerdings beobachteten die Forscher, dass sonst selbstlose Helfer zum "Abwarten und Tee-Trinken" neigen, wenn sich in ihrer Gruppe besonders viele Nichtstuer zusammen gefunden haben.

Auch wenn Kurzban und seine Kollegen noch keine vollständige Erklärung für das Phänomen haben, so glauben sie doch, dass abwartendes Verhalten eine wichtige Rolle im menschlichen Sozialverhalten spielt. Die große Gruppe der Reziprokatoren habe ein bedeutendes Potenzial. Die Erkenntnisse zeigten die Bedeutung der internen Kommunikation für Führungskräfte.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.