Ex-Bergwerk Asse Im maroden Atommülllager liegt auch Arsen

Im Atommülllager Asse lagern nach "Stern"-Informationen größere Mengen giftiger Substanzen wie Arsen. Anwohner sind schockiert - und hoffen, dass die Sanierung des maroden Ex-Bergwerks nun nicht ins Stocken kommt.

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Gabelstapler in der Asse (September 2008): "Keine Erkenntnisse, dass es neue Sicherheitsaspekte gibt"
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Gabelstapler in der Asse (September 2008): "Keine Erkenntnisse, dass es neue Sicherheitsaspekte gibt"


Berlin - Wer am Mittwochvormittag in der Pressestelle des Bundesamtes für Strahlenschutz anrief, bekam beinahe reflexhafte Antworten. "Es ist nicht überraschend, dass es immer wieder neue Details zur Asse gibt", sagte Behördensprecher Florian Emrich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Wir haben keine Erkenntnisse, dass es neue Sicherheitsaspekte gibt." Auf die nächste Frage folgte freundlich - aber doch bestimmt - eine beinahe wortgleiche Antwort.

Was war passiert? In einer Vorabmeldung hatte das Magazin "Stern" berichtet, dass in der Asse hochgiftite Substanzen lagern, von deren Existenz bisher nichts bekannt war. So seien zum Beispiel hochgiftige Pflanzenschutzmittel aus Bayern in dem ehemaligen Bergwerk eingelagert worden. Insgesamt hätten 497 Kilogramm Arsen einen Weg dorthin gefunden, dazu eine nicht näher genannte Menge an Quecksilber und mehrere Tonnen Blei. Bei Kontakt mit Grundwasser könnten all diese Substanzen zu einer Gefahr werden.

Die Frage, die im Raum steht, ist simpel: Lagert unerlaubt Giftmüll in der Asse?

Beim Bundesamt für Strahlenschutz reagiert man ausweichend auf die Anfrage. "Radioaktive Abfälle beinhalten grundsätzlich auch chemisch-toxisches Material wie zum Beispiel Arsen, Quecksilber und Blei", sagt Sprecher Florian Emrich. Seine Äußerungen könnten so zu interpretieren sein, dass die im "Stern"-Artikel genannten Stoffe nur bereits bekannte Beimischungen in den Atommüllfässern sind. Doch dann spricht er wiederum von "eingelagerten arsenhaltigen Pflanzenschutzmitteln", was für eine gezielte Giftmülleinlagerung sprechen könnte. "Wir haben keine Erkenntnisse, dass es neue Sicherheitsaspekte gibt", sagt Emrich wieder. "Mit den heutigen Maßstäben an ein Endlager ist es aber nicht vereinbar, dass man dort auch Pflanzenschutzmittel einlagert."

Allein die bisher bekannten Inventarlisten der Asse sind brisant genug, wenn man bedenkt, dass die Standsicherheit des Atommülllagers durch unkontrollierten Grundwassereintritt massiv gefährdet ist. In den Kammern des Berges lagern 125.787 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Müll, darunter sechs bis acht Kilogramm Plutonium. Das ehemalige Bergwerk war von 1967 bis 1978 offiziell als Forschungs-Endlager genutzt worden, wo verschiedene Lagertechniken erprobt werden sollten. Auf direktem oder indirektem Wege landete so Müll aus quasi jedem westdeutschen Atomkraftwerk tief unter dem Boden Niedersachsens. Doch dabei war offenbar von Anfang an klar, dass die einmal eingebrachten Abfälle nicht wieder aus dem Berg entfernt werden sollen.

"Man sollte über einen Untersuchungsausschuss nachdenken"

Nun kommen die Erkenntnisse über möglichen Giftmüll dazu. "Ich bin überrascht und schockiert", sagt Udo Dettmann vom Asse-Koordinierungskreis im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Mitglieder der Bürgerinitiative hatten sich bisher vor allem auf die Gefahren durch die radioaktiven Stoffe in der Asse konzentriert. Dettmann und seine Mitstreiter haben Angst, dass die Diskussion über die angeblichen Giftmülleinlagerungen die Bemühungen zur Sicherung des maroden Bergwerks verzögern könnten. "Die Stabilisierung muss weiter mit Hochdruck realisiert werden", fordert Dettmann nun. Doch auch politisch müsse die Angelegenheit noch einmal thematisiert werden. "Man sollte über einen Untersuchungsausschuss auf Bundesebene nachdenken."

Bis Ende des Jahres soll das Bundesamt für Strahlenschutz einen neuen Vorschlag machen, wie ein Schließungskonzept für die Asse aussehen könnte. Prinzipiell gibt es drei Möglichkeiten: Das Verfüllen des maroden Gesteins mit Beton mit anschließender Flutung, die Umlagerung von Atommüll in tiefere und damit weniger gefährdete Teile des Bergwerks oder die Rückholung der strahlenden Fracht ans Tageslicht - mit späterer Einlagerung im benachbarten Endlager Schacht Konrad.

Was auch immer passieren wird, klar scheint, dass der Bund alleine auf den Milliardenkosten für die Sanierung der Asse sitzenbleiben dürfte. Die Atomindustrie hat eine Beteiligung kategorisch abgelehnt. Nur 20 Prozent des in dem früheren Bergwerk gelagerten Mülls stammten von den Stromversorgern, hatte der Geschäftsführer des Atomforums, Dieter Marx, Ende Februar erklärt. Dieser Anteil sei längst in Staatshand übergegangen: "Das ist alles abgegolten", so Marx.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), in dessen Wahlkreis die Asse liegt, hatte zuvor eine Sondersteuer auf Uran-Brennstoff ins Gespräch gebracht. Diese Erlöse in Höhe von zunächst 1,6 Milliarden Euro pro Jahr könnten dann vor allem für die Sanierung der Asse mitgenutzt werden. Gabriel hatte allerdings eingeräumt, dass die Steuer wegen des Widerstandes der Union nicht vor der Bundestagswahl im Herbst umgesetzt werden könne.



Forum - Wohin mit dem Atommüll?
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tempus fugit 26.06.2008
1. ...keine produzieren
Zitat von sysopNeuerdings wird der Atomausstieg immer häufiger in Frage gestellt, weil er den Klimaschutzzielen im Wege stehe. Doch ein ganz anderes Problem ist die Entsorgung der atomaren Abfälle. Nun sind erneut Probleme im Atommüllager Asse II aufgetreten. Wie soll mit der strahlenden Fracht umgegangen werden?
...keine produzieren = Ausstieg aus der Sch.... so schnell wie möglich, die Alternativen sind da.
anbue 26.06.2008
2.
So ein paar Milliarden für die Sanierung der ein oder anderen Landesbank waren doch kurzfristig aufzutreiben. Da sollte man jetzt bei der Asse nicht so knauserig sein. Man kann es ja wieder als "Forschung" deklarieren: Wie saniert man ein abgesoffenes Endlager. 1000 Jahre dauern in Deutschland 12, die Ewigkeit 40 Jahre - daran braucht man nicht mehr rumzuforschen.
Realo, 26.06.2008
3. Atomenergie....
.....ist ja soooooo billig - Harharhar ! Jetzt ist genau das eingetreten, was wir in den 60igern, 70igern und 80igern mit unserem Protest verhindern wollten. ATOMKRAFT - NEIN DANKE ! Wenn mir jetzt wieder Blödmänner ins Gesicht sagen: "Atomkraft ist billig und ohne Risiko" kann ich nur lachen ! - Folgekosten für die nächsten 1 Mio. Jahre - Nicht beherrschbare Technik Ich bin wirklich froh und dankbar, dass die Lagerprobleme jetzt an Tageslicht kommen, bevor weiter über verlängerte Restlaufzeiten und sogar über den Neubau von AKWs diskutiert wird. Kernenergie ist /war und wird es auch NIEMALS sein, eine von Menschen zu beherrschende Energieversorgung. Das sind die Fakts, alles andere ist eine Lüge ! Liebe Grüsse Realo AKW - nee!
computerkid 26.06.2008
4. Alles Koscher ?
Es ist schon interessant, wie man jetzt darum bemüht ist, den Inhalt von Asse II 'unter den Teppich' zu kehren. Hat sich schon einmal jemand Gedanken gemacht, was die BRD im Kalten Krieg eigentlich so alles in den 'Forschungsreaktoren' getrieben hat ? Vielleicht war das ja ein kleines Atomwaffenprogramm...
descartes101, 26.06.2008
5. So eine Überraschung...!
Zitat von anbueSo ein paar Milliarden für die Sanierung der ein oder anderen Landesbank waren doch kurzfristig aufzutreiben. Da sollte man jetzt bei der Asse nicht so knauserig sein. Man kann es ja wieder als "Forschung" deklarieren: Wie saniert man ein abgesoffenes Endlager. 1000 Jahre dauern in Deutschland 12, die Ewigkeit 40 Jahre - daran braucht man nicht mehr rumzuforschen.
Wer nach diesem Artikel noch den Ausbau der Kernkraft verlangt, der kann nicht ganz dicht sein. Noch viel undichter ist jemand, der auch nur für einen Moment glaubt, dass dies die einzige Leiche im Keller der Kernkraftindustrie und ihrer politischen Handlanger sei. So viel also zum Märchen von der billigen, sauberen Kernenergie. Es soll ja Leute geben, die es von Anfang an gewusst haben. Aber die werden ja auf breiter Fläche als fortschritts- und wirtschaftsfeindliche Traumtänzer abgetan. Die Lösung unseres Energieproblems ist nicht, mehr zu produzieren. Die einzige sinnvolle Lösung ist, sehr viel weniger und effizienter zu verbrauchen, und auch weniger zu produzieren, damit die tatsächlich sehr stark begrenzten Rohstoffe noch wenigstens über die nächsten 50 Jahre reichen. Erst wenn der gesamte Energiebedarf über Solarenergie gedeckt werden kann, dann können wir (zumindest auf diesem Problem) vorsichtig aufatmen. Natürlich ist unser heutiger Bedarf nicht über Solarenergie zu decken. Einige werden ihre Gewohnheiten ziemlich umstellen müssen, egal, was sie sich und anderen einzureden versuchen. Auf die Lügen von Politik und Industrie geben sowieso nur Vollidioten etwas. Lest den Artikel. q.e.d.
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