Exorzisten und Schwulen-Heiler Dämonen auf dem Psychiaterkongress

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2. Teil: Der Konversionstherapeut steigt aus, ein Exorzist erklärt in knappen Worten, warum er auf dem Kongress gut aufgehoben ist


Vor einigen Tagen erschien auf der Internetseite zum Kongress eine Stellungnahme der Veranstalter, der Psychiatrie und der Medizinischen Psychologie der Medizinischen Universität Graz. Wegen der "Emotionalisierung und Ideologisierung der Debatte" habe Hoffmann seinen Beitrag zurückgezogen, "da ihm eine geordnete wissenschaftliche Diskussion nicht mehr möglich erschien".

Die Veranstalter bedauerten die Absage, weil man dazu stehe, dass "eine akademische Diskussion möglich sein muss" und sich gegen "jede Form von Intoleranz, von welcher Seite auch immer sie vorgetragen wird", verwahre. Zwei von mehr als hundert Veranstaltungen der Tagung seien "in geradezu grotesker Weise ins Zentrum des öffentlichen Interesses gestellt" worden. Inzwischen sind sowohl diese Stellungnahme als auch alle Hinweise auf Hoffmanns abgesagte Teilnahme von den Kongress-Webseiten verschwunden.

Kongress-Organisator Raphael Bonelli von der Grazer Universitätsklinik für Psychiatrie ist über die Aufregung überrascht. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE versichert er, man habe mit "Zwangstherapien oder sonstigen Diskriminierungen" Homosexueller nichts am Hut. Bonelli ist Mitglied der ultrakonservativen katholischen Organisation Opus Dei - einer Organisation, die Homosexualität als widernatürlich und therapiewürdig betrachtet.

Bonelli betont jedoch, er sei für seine Patienten "ausschließlich Arzt und Psychotherapeut und nicht Seelsorger", denn alles andere wäre ein Missbrauch ärztlicher Kompetenz: "Ich habe noch nie einem meiner homosexuell orientierten Patienten daraus einen Vorwurf gemacht oder ihn gar zur 'Konversion' gedrängt." Der Workshop über Exorzismus sei nicht auf Initiative der Kongressveranstalter, sondern auf den Vorschlag psychiatrischer Kollegen ins Programm gehoben worden. Im Tagungsprogramm werde "Religiosität durchaus auch als ein Phänomen wahr- und ernst genommen, das dem Psychiater bei der Behandlung eines Patienten helfen kann".

Der Exorzist darf trotzdem sprechen

Der Auftritt des Exorzisten Larry Hogan steht weiterhin im Kongressprogramm. Das Magazin "Profil" zitiert den Fachmann fürs Dämonische mit den Worten, es müsse ja niemand zu seinem Vortrag kommen. Außerdem spreche im gleichen Workshop anschließend ein Gegner seiner Ansichten.

Die Gegenthese des Psychiaters Hartmann Hinterhuber von der Universität Innsbruck: Überzeugungen psychisch Gestörter, den Teufel in sich zu haben, seien "dramatisch - und auch heute noch oft tödlich". Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Hinterhuber, er sei schon "verwundert" über die Aussage, dass Psychose-Symptome als dämonische Angriffe erkannt werden könnten. Das sei "ein Rückfall in eine vorwissenschaftliche Medizin". Die Diskussion über das Thema halte er aber durchaus für sinnvoll, deshalb nehme er daran teil.

In einer weiteren Stellungnahme vom 12. September bestehen die Veranstalter darauf, dass "im Rahmen eines interdisziplinären Kongresses, bei dem die Psychiatrie, Psychologie, Psychotherapie in den Dialog mit Religionswissenschaft, Philosophie und Theologie" träten, das Thema Exorzismus "durchaus von Interesse" sei. Außerdem sei man der Überzeugung, "dass es dem wissenschaftlichen Umgang mit dem Thema nicht schadet, wenn ein in diesem Bereich erfahrener Seelsorger selbst zu Wort kommt".

Die Notwendigkeit für einen Diskurs können Kritiker wie der Verhaltenstherapeut Christoph Wagner aber beim besten Willen nicht erkennen. Zum Wesen der Wissenschaft gehöre schlicht, dass alles, was als nicht wissenschaftlich prüfbar entlarvt werde, auf dem Müll lande. Das Verfahren des "peer review" sei ein Mittel der Qualitätssicherung und keine Zensur. Wagner: "Sonst könnte man auch einen psychiatrischen Kongress über Hexenverbrennungen abhalten."



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