Exotische Krankheit Gepeinigt von der Geisterhand

Die Hand schnellt nach oben, teilt plötzlich Ohrfeigen aus, beginnt den Hals zu würgen: "Geisterhand" heißt das seltene Syndrom, dem Neurologen jetzt auf der Spur sind. Ein Patient: "Die Hand ist wie ein Kind, man muss sie erziehen – mit Zuckerbrot und Peitsche."

Von Daniela Ovadia


Vor einigen Monaten erlitt Herr A. einen Schlaganfall. Mit Lähmungserscheinungen in der linken Körperhälfte – vor allem in Arm und Bein – lieferte man ihn ins Krankenhaus ein. Die Untersuchung ergab: Verschluss der rechten vorderen Hirnschlagader. Daraus resultierten zwei Schädigungen – eine im rechten prämotorischen Areal und eine im vorderen Teil des Balkens, dem Verbindungsstück der beiden Gehirnhälften.

Geisterhand: "Ständig führt die linke Hand absurde Züge aus, die ich mit rechts korrigieren muss", berichtet Patient A.
GEHIRN&GEIST/Stefanie Schmitt

Geisterhand: "Ständig führt die linke Hand absurde Züge aus, die ich mit rechts korrigieren muss", berichtet Patient A.

Der rüstige Mittsechziger erholte sich zunächst auf geradezu wundersame Weise. Bei seiner Entlassung zehn Tage nach dem Anfall hatte er seine motorischen Fähigkeiten schon fast vollständig zurückgewonnen. Doch einige Wochen später bat Herr A. um eine Nachuntersuchung: Seine linke Hand, erklärte er, sei außer Rand und Band.

Als der Patient die Abteilung für Neuropsychologie des Niguarda-Krankenhauses in Mailand betrat, in der ich zu dieser Zeit arbeitete, war sein Problem unübersehbar: Während sein rechter Arm beim Gehen die typischen Pendelbewegungen machte, führte der linke tatsächlich ein regelrechtes Eigenleben. Mal schnellte er in die Höhe, dann wieder sank er herab, griff nach imaginären Dingen oder zerrte seinem Besitzer an Hemd und Hose.

Nachdem sich Herr A. auf einen Stuhl gesetzt hatte, griff er mit der rechten Hand nach einem Stift und reichte ihn der linken herüber: "Dann haben wir wenigstens ein bisschen Ruhe", erklärte er und fuhr fort: "Seit ich wieder zu Hause bin, ist diese Hand wie besessen. Ich kann sie überhaupt nicht kontrollieren, sie macht einfach, was sie will!"

Während Herr A. sprach, fuchtelte der angesprochene Übeltäter wild in der Luft herum. Dann, im nächsten Moment, schnellte die Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger in die Höhe – wie ein Schüler, der sich auf die Frage des Lehrers meldet. Herr A. redete indes ungerührt weiter.

"Es ist ein wahrer Albtraum. Wenn ich mit der rechten Hand ein Stück Fleisch auf die Gabel spieße, pflückt es mir die linke wieder von den Zinken. Wenn das Telefon klingelt und ich die rechte Hand ausstrecke, um den Hörer abzunehmen, schießt die linke hervor und hält das Telefon einfach fest. Ich schaffe es nicht, den Hörer ans Ohr zu führen. Das Gleiche beim Schach – ich bin ein leidenschaftlicher Spieler: Ständig führt die linke Hand absurde Züge aus, die ich mit rechts korrigieren muss. Meine Freunde haben sich daran gewöhnt und nehmen es hin. Doch gegen den Computer spiele ich schon nicht mehr, weil ich die Züge da nicht rückgängig machen kann. Es ist, als ob sich meine Hände streiten: Die rechte folgt meinem Willen, die linke verhält sich wie ein aufsässiges Kind. Und wissen Sie was: Manchmal bekomme ich eine Ohrfeige – von meiner eigenen Hand!"

Herr A. hatte diese Störungen schon in den ersten Tagen im Krankenhaus bemerkt, sie jedoch zunächst als Hirngespinste abgetan: "Das schien so absurd. Ich dachte, ich bilde mir das nur ein. Eigentlich habe ich gewusst, dass da etwas nicht stimmt. Aber ich habe nichts gesagt, aus Angst, Sie würden mich noch länger dort behalten oder gar in die Psychiatrie stecken! Dabei fühlte ich mich wie in einem Horrorfilm, eine teuflische Macht schien von mir Besitz ergriffen zu haben. Nur dass sie sich in meinem Fall mit einem Arm zufrieden gab. Deshalb bin ich hier: Sie müssen die Hand dazu bringen sich zu beruhigen, sonst werde ich noch verrückt!"

Wem gehört diese Hand?

Prompt flatterte die Hand vor dem müden Gesicht des Patienten auf und ab und vollführte rätselhafte Tänze. Mir war bereits ein konkreter Verdacht gekommen – auch in Anbetracht der vom Schlaganfall betroffenen Hirnregionen. Zunächst ließ ich es jedoch auf ein Experiment ankommen.

Als die linke Hand von Hern A. einen Moment lang still dalag, und zwar außerhalb seines Gesichtsfelds, da berührte ich sie und fragte: "Wem gehört diese Hand?" "Keine Ahnung", erklärte Herr A., "mir nicht." "Wo ist denn Ihre linke Hand?" "Irgendwo da", erwiderte Herr A. und deutete nach links. "Und wem gehört diese Hand?" "Das kann ich Ihnen nicht sagen: Vielleicht wurde sie mir vor meiner Entlassung im Krankenhaus angenäht, weil die alte nicht richtig funktionierte. Ehrlich gesagt wäre mir eine gelähmte Hand lieber als die hier, die mich ganz offensichtlich nicht ausstehen kann!"

Diese Reaktion des Herrn A. gab meinen Kollegen und mir endgültig Gewissheit. Er litt unter dem seltenen Alien-Hand-Syndrom (AHS). Dabei handelt es sich um eine bisher noch wenig erforschte neurologische Störung, die sowohl die motorischen Fähigkeiten als auch das Bewusstsein beeinträchtigt: Eine Hand entzieht sich jeder willentlichen Kontrolle. Der Patienten wiede-rum sieht sich außer Stande, das als fremd empfundene Glied zu kontrollieren, und muss es oft mit physischer Gewalt disziplinieren.



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