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Experiment in Genf: Gericht weist Eilantrag gegen Superbeschleuniger ab

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Eine private Initiative fürchtet das Ende der Welt, Physiker finden das absurd: Der Genfer Teilchenbeschleuniger LHC weckt diffuse Ängste, doch er darf wie geplant in Probebetrieb gehen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat jetzt einen Eilantrag zum Stopp der Experimente abgewiesen.

Physiker weltweit fiebern derzeit dem Start des größten Experiments des Planeten entgegen: Am 10. September soll der "Large Hadron Collider" (LHC) in den Testbetrieb gehen, die ersten Teilchen werden ihre Runden in dem gigantischen Teilchenbeschleuniger drehen. Es gibt jedoch auch Wissenschaftler, die den Start der Experimente verhindern wollen, weil sie im schlimmsten Fall den Untergang der Erde fürchten.

Ein Eilantrag einer privaten Initiative zum Stopp des LHC ist jetzt vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gescheitert. Dies bestätigte eine Sprecherin des Straßburger Gerichtshofs auf Anfrage. Die LHC-Gegner, darunter der Tübinger Chaosforscher Otto Rössler und der Wiener Philosoph Markus Goritschnig, hatten geltend gemacht, der Teilchenbeschleuniger sei eine Gefahr für die Menschheit. Bei den geplanten Experimenten könnten kleine Schwarze Löcher entstehen, die die Erde verschlucken.

Eine Expertenkommission des Europäischen Teilchenforschungslabor Cern bei Genf, das den LHC betreibt, hatte die Anlage zuvor als sicher bewertet. Zum selben Schluss kam auch die deutsche Kommission für Elementarteilchenphysik (KET). Der US-Physiknobelpreisträger David Gross hatte die Diskussion gar als "albern und absurd" bezeichnet.

"Da sind Gruppenzwänge am Werk"

"Die Entscheidung des Gerichtshofs hat uns überrascht", sagte Markus Goritschnig, der derzeit an der Universität Wien promoviert und die Klage gegen den LHC unterstützt. "Wir halten die in unserer Beschwerde aufgeführten zwölf Punkte für schlagkräftig genug, um noch einmal innezuhalten", erklärte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die private Initiative hat ihre 52-seitige Klageschrift im Internet veröffentlicht.

"Die Leute bauen immer größere Teilchenbeschleuniger, ohne genau zu wissen, was bei den Experimenten herauskommt", sagte der Philosoph. Die wichtigsten Sicherheitsargumente der LHC-Befürworter beruhten auf Hypothesen, genau wie die Sicherheitsbedenken der Gegner.

Nach Goritschnigs Aussage soll es eine Reihe von Forschern geben, die in LHC-Experimenten ein großes Risikopotential sehen. "Aber die wollen sich mit ihren Zweifeln nicht exponieren", erklärte der Philosoph, der Druck aus der Forschergemeinschaft sei zu groß. "Da sind Gruppenzwänge am Werk." Ein Physiker könne es sich kaum leisten, Zweifel an der vorherrschenden Meinung zu äußern. Dies gefährde Forschungsgelder.

Angeblich sollen sogar prominente Physiker zu den heimlichen Unterstützern der Anti-LHC-Initiative gehören. "Otto Rössler hat von Nobelpreisträgern berichtet, die ihm auf die Schulter geklopft haben", sagte Goritschnig. Überprüfen lässt sich diese Behauptung freilich nicht, denn die Wissenschaftler wollten mit ihrem Namen nicht an die Öffentlichkeit gehen, wie Goritschnig betont.

"Wilde Spekulation"

Im LHC wollen Wissenschaftler Atomkerne mit bisher unerreichter Kraft aufeinanderprallen lassen, um Bedingungen zu erzeugen, die denen des Urknalls ähneln. Die Forscher des Cern erhoffen sich davon neue Erkenntnisse über die Anfänge des Universums. In den Experimenten hoffen Physiker zudem, die Existenz bislang nicht nachgewiesener Elementarteilchen zu beweisen, etwa des Higgs-Bosons.

Wilfried Buchmüller, Physiker am Deutschen Elektronen- Synchrotron (Desy) bezeichnete die Theorie zur möglichen Entstehung Schwarzer Löcher am LHC als "wilde Spekulation". Am LHC sei nichts fundamental anders als an früheren Beschleunigern. Ausdrücklich ausschließen will er die Bildung sogenannter Mini Black Holes allerdings nicht. Diese seien jedoch mit Schwarzen Löchern, die man aus der Astrophysik kenne, nicht zu vergleichen.

"Sobald man etwas Neues macht, kann man nie mit absoluter Sicherheit sagen, was passiert, sonst wäre es ja nicht neu", sagte Buchmüller. Für die Mini Black Holes habe man zurzeit keine allgemein akzeptierte Theorie. "Welche Eigenschaften sie hätten, falls es sie überhaupt gibt, weiß man nicht." Dass sie sich verhalten könnten wie Schwarze Löcher, sei lediglich eine Annahme. "Aber selbst wenn dies zutrifft, würden die Mini Black Holes wahrscheinlich in Sekundenbruchteilen wieder zerfallen", betonte er, "weil sie die Masse, die sie verschlucken, wahrscheinlich gleich als Energie wieder abstrahlen."

Auch wenn der Eilantrag gegen den LHC jetzt abgewiesen wurde, beendet ist der juristische Streit um den Beschleuniger noch nicht. Der Gerichtshof wird nach Aussagen einer Sprecherin nun die eigentliche Klage prüfen. Das Verfahren vor dem Straßburger Gericht dürfte mehrere Jahre dauern.

mit Material von dpa und AFP

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