Experimente mit tödlichen Viren Streit um Biolabor mitten in Hurrikan-Zone

Ausgerechnet im Einzugsgebiet gefährlicher Hurrikane eröffnet in wenigen Tagen ein Hochsicherheitslabor, in dem US-Forscher mit tödlichen Erregern experimentieren wollen. Anwohner fürchten die Freisetzung von Viren, Experten halten diese Ängste für übertrieben.

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Die Standortwahl ist alles andere als glücklich: In Galveston, auf einer kleinen Insel vor der texanischen Küste, wird am 11. November ein Biolabor eingeweiht, in dem Forscher nach Abwehrstrategien gegen Bioterrorismus fahnden sollen. Es ist eines der beiden sogenannten National Biocontainment Laboratories der USA, in denen mit hochgefährlichen Erregern wie Ebola und Marburg experimentiert wird.

Biolabor in Galveston (Webcam-Aufnahme): "Die ganze Insel kann weggespült werden"

Biolabor in Galveston (Webcam-Aufnahme): "Die ganze Insel kann weggespült werden"

Ausgerechnet hier hatte im September der Hurrikan "Ike" gewütet und den Ort Galveston schwer verwüstet. Der Wirbelsturm jagte meterhohe Wellen auf die Gebäude zu. Der Gedanke, dass hier schon bald an Biowaffen erforscht werden, erzeugt große Ängste bei den Anwohnern. "Das ist in meinen Augen vollkommen verrückt", sagte Jim Blackburn, ein auf Umweltthemen spezialisierter Anwalt aus Houston der "New York Times". Ken Kramer von der ökologischen Bewegung Sierra Club erklärte, ein stärkerer Sturm als "Ike" bilde ein großes Risiko, dass gefährliche Erreger freigesetzt werden könnten.

Das Labor gehört zur University of Texas und ruht auf rund 40 Meter langen Pfeilern, die in den Boden getrieben wurden. Das siebenstöckige Haus soll Stürme bis zu einer Windgeschwindigkeit von 225 km/h standhalten. "Ike" brachte es auf 160 km/h. Die Baukosten lagen bei 174 Millionen Dollar, ein Teil der Gelder kommt direkt aus Washington.

Am Galveston National Laboratory soll an Therapien, Impfstoffen und Diagnosewerkzeugen für natürlich auftretende Krankheiten wie Sars, durch das West-Nil-Virus ausgelöste Encephalitis und Vogelgrippe gearbeitet werden, heißt es in der Selbstdarstellung des Labors. Es gehe aber auch um Mikroben, die von Terroristen verwendet werden könnten.

"Das Labor wird immer noch da stehen"

Rona Hirschberg vom National Institute of Allergies and Infectious Diseases sagte, es habe keine politischen Gründe für die Wahl des Standorts gegeben. Die "New York Times" hatte berichtet, sowohl der US-Präsident George W. Bush, einst Gouverneur von Texas, als auch weitere texanische Politiker hätten sich für das Projekt in Galveston eingesetzt. Laut Hirschberg hat die "Gegenwart von einigen der besten Virologen des Landes" letztlich den Ausschlag gegeben - deshalb seien auch Bedenken wegen der bestehenden Hurrikangefahr zurückgestellt worden.

"Die ganze Insel kann weggespült werden, aber das Labor wird immer noch da stehen", sagte James W. LeDuc, stellvertretender Direktor der Einrichtung. So habe auch Hurrikan "Ike" keine Schäden angerichtet. Der Sturm habe nur etwas Wasser unter einer Tür hindurch ins Gebäude gedrückt, erklärte LeDuc. Es sei ausgeschlossen, dass Krankheitserreger entweichen könnten.

Ähnlich sieht das auch Bernhard Fleischer, Vorstand am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. "Gebäude von Hochsicherheitslaboren sind sehr robust", sagte er SPIEGEL ONLINE. In Hamburg werde im kommenden Jahr ebenfalls ein solches Labor eröffnet. "Das ist ein Gebäude innerhalb eines anderen Gebäudes, komplett ummantelt mit Edelstahl." Die Gefahr, die von einem Hurrikan ausgeht für das Gebäude in Galveston ausgehe, sei gering. "Ein Erdbeben könnte gefährlicher sein", meinte er.

Das US-Labor will nach eigenen Angaben alle Experimente 24 Stunden vor dem möglichen Eintreffen eines Wirbelsturms einstellen. Die Räume sollen dann dekontaminiert und die Erreger in Tiefkühlschränke in den oberen Stockwerken geschafft werden.

"Die Viren werden in Plastikröhrchen aufbewahrt, die zugeschraubt oder zugeschweißt werden", erklärte Fleischer. Gekühlt würden die Röhrchen in der Regel mit flüssigem Stickstoff. Ihre Temperatur liege dann bei etwa minus 180 Grad Celsius.

Das Schlimmste, was laut Fleischer passieren kann, ist, dass die Erreger wegen eines längeren Stromausfalls auftauen. "Möglicherweise könnten dann kostbare Proben verloren gehen." Beim Auftauen gingen Viren binnen weniger Stunden kaputt. "Die halten nur wenig aus - Gott sei Dank", sagte der Experte für Tropenmedizin. Die einzigen Ausnahmen seien Anthrax und Q-Fieber-Bakterien.



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