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Experimentelle Archäologie: Bier aus der Bronzezeit

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In Irland gibt es Tausende flache Erdhügel aus der Bronzezeit. Ihre Funktion war bislang unbekannt. Zwei Archäologen vermuten, dass es sich um Brauereien handelte und machten die Probe aufs Exempel: Sie brauten Ale wie vor 3000 Jahren - mit durchschlagendem Erfolg.

Es war ein ziemlich verkaterter Morgen. Der irische Archäologe Billy Quinn saß beim Frühstück und philosophierte über die nur allzu menschliche Veranlagung, sich Mittel und Wege zur Bewusstseinsveränderung zu suchen. Und da hatte Quinn plötzlich die Idee. Das Ding, das er gerade ausgrub, war nichts anderes, als eben so eine Anlage zur Herstellung bewusstseinsverändernder Mittel. Das Ding war eine bronzezeitliche Brauerei.

Allgemein sind die seltsamen Anlagen wie jene, an der Quinn gerade arbeitete, als fulacht fiadh (sprich: full-oct fi-ah) bekannt. Flache, grasbedeckte Erdhügel mit einer Grube oder einem Trog in der Mitte, darum eine hufeisenförmige Setzung aus verbrannten Steinen. Etwa 4500 davon sind in ganz Irland bekannt, und jedes Jahr werden noch mehr gefunden. Nach Radiokarbondatierungen stammt die große Mehrheit der fulacht fiadh aus der Zeit von 1500 - 500 v. Chr.

So weit, so gut - doch was machten die Leute mit diesen Gruben? Fleisch kochen, sagen die einen. Das Wasser wurde mit heißen Steinen zum Sieden gebracht und Jagdbeute konnte so haltbar gemacht werden. Baden, sagen die anderen. Eine Art bronzezeitliches Dampfbad. Färben, Schmieden, Gerben waren weitere Vorschläge. Zumindest in einem waren sich alle einig: In den Gruben wurde eine Flüssigkeit erhitzt. Für Billy Quinn und seinen Kollegen Declan Moore war ganz klar, dass es sich bei der Flüssigkeit um Bier handeln musste: "Obwohl wir zugeben, dass die Anlagen auch multifunktional gewesen sein könnte - eine Art bronzezeitliche Küchenspüle."

Jetzt fehlte nur der Beweis. Also machten sich Quinn und Moore auf die Pilgerreise an alle Orte, die traditionell mit Bier in Verbindung gebracht werden. In Barcelona besuchten sie einen Kongress über prähistorisches Bierbrauen, auf den Orkneys gingen sie bei einem Hobbybrauer in die Lehre, in Belgien und Bayern lernten sie das Brauen mit heißen Steinen und im Nahen Osten spürten sie den Anfängen der Bierkultur nach.

Gagelstrauch und Mädesüß für den "süffigen Geschmack"

Im Frühsommer dieses Jahres war es dann so weit. In Quinns Garten in Cordarragh wurde ein Schwein geschlachtet - Brauen macht hungrig -, ein großes Feuer entzündet und eine Grube gegraben. Hinein kam ein 60 Jahre alter Holztrog, ein Erbstück von Quinns Onkel. Da hinein passten etwa 350 Liter Wasser. Nach zwei Stunden waren sowohl das Schwein gar als auch die Steine heiß. Schaufel für Schaufel gaben die Archäologen sie ins Wasser, bis dieses etwa eine Temperatur von 60 bis 70 Grad Celsius erreicht hatte. Dann kam die Gerste hinzu. Nach einer Dreiviertelstunde konstanten Rührens und dem gelegentlichen Nachlegen heißer Steine schwamm in dem Trog feinste, süße, sirupartige Stammwürze. "Für den süffigen Geschmack haben wir uns einfach umgeschaut und gepflückt, was im Garten so zu finden war", erklärt Quinn die Braumethode. Gagelstrauch und Mädesüß kamen in kleinen Mullsäckchen dazu, dann wurde das Gebräu in 75-Liter Plastikkanister abgefüllt. Zum Schluss noch eine handvoll Hefe, und dann hieß es erstmal Warten.

Nach drei Tagen war aus dem Wasser-Gerste-Gemisch ein "sehr schmackhaftes, schaumiges, kupferfarbenes Ale" geworden. Zum Testen schmissen Quinn und Moore eine große Party. Das Experiment war ein voller Erfolg: "Die Leute tranken das Bier gleich literweise", sagt der Neubrauer. Zwar verdienen die beiden Archäologen immer noch mit Wühlarbeit ihr Geld. "Aber wir sind jetzt Picobrewer", deklariert Quinn stolz im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der englische Begriff bezeichnet Brauer, die Mengen zwischen der bescheidenen Quote einer Homebrewery und dem bereits professionellen Ausschank einer kleinen Microbrewery produzieren.

Leider ließ sich das sensationelle Ergebnis bislang nicht so richtig wiederholen. Schuld daran waren allerdings weniger die Braukünste von Quinn und Moore, als vielmehr die fortgeschrittene Jahreszeit. Mit jedem Brauversuch im Quinnschen Garten waren bereits mehr aromatisierende Zutaten verblüht. "Wir haben es so lange versucht, bis schließlich beim vierten Anlauf im Herbst das Gebräu nur noch eine ziemlich schlicht schmeckende, trübe Brühe war", sagt Quinn.

Jetzt warten die beiden auf den Frühling, wenn Gagelstrauch und Mädesüß wieder im Überfluss zu haben sind. Und in der Zwischenzeit widmen sie sich ihrem eigentlichen Job. "Wir graben jetzt wieder Knochen aus", sagt Quinn mit Bedauern in der Stimme, "das ist ziemlich langweilig."

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Irland: Brauen wie vor 3000 Jahren

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