Streit über Praxisabgabe: Experten fordern fünf Euro Gebühr pro Arztbesuch

Von

Die Politik streitet noch über die Abschaffung der Praxisgebühr, Statistiken sprechen für sich: Die Abgabe bringt nichts, die Zahl der unnötigen Arztbesuche bleibt hoch. Gesundheitsökonomen empfehlen nun eine Lösung, die für viele Patienten noch teurer würde - mit fünf Euro pro Arztbesuch wäre man dabei.

Kontaktgebühr in der Praxis: Jeder Arztbesuch soll kosten Fotos
dapd

Hamburg - Was denn jetzt? Zehn Euro wieder einstecken - oder doch weiter für den ersten Arztbesuch im Quartal einplanen? In Gedanken haben sich die Versicherten in Deutschland bereits mehrfach von der Praxisgebühr verabschiedet, seit Wochen schwelt die Diskussion über die Zahlung, die seit 2004 in Deutschland erhoben wird.

Zuletzt hatte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) erklärt, die Zahlung auf den Prüfstand stellen zu wollen. Dann - Kommando zurück - dementierte Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU: Es werde keine Änderung geben. Tatsächlich steht die CDU/CSU mit dieser Meinung zunehmend allein, auch die SPD und die Linke sind für eine Abschaffung. Ihr Antrag wird aktuell im Bundestag beraten. Die Linken schreiben, die Praxisgebühr habe ihre Ziele verfehlt.

So zeigten Studien, dass vor allem Geringverdiener aus finanziellen Gründen nicht zum Arzt gehen, auch wenn es notwendig ist. Das könne sich negativ auf die Gesundheit auswirken und Zusatzkosten zur Folge haben.

Praxisgebühr hält nicht vom Arztbesuch ab

Tatsächlich haben Gesundheitsökonome um Jonas Schreyögg vom Hamburg Center for Health Economics schon 2009 in einer Studie ermittelt: Die Praxisgebühr hat ihr Ziel, die Zahl der unnötigen Arztbesuche zu senken, verfehlt.

Mit Daten des sozio-ökonomischen Panels, einer Wiederholungsbefragung von rund 20.000 Menschen in rund 11.000 Haushalten, die bereits seit 25 Jahren durchgeführt wird, konnten sie die Zahl der Arztbesuche der Deutschen vor der Einführung der Praxisgebühr, im Jahr der Einführung und auch danach ermitteln.

Gemessen wurde dabei nicht nur das "Vorher/ Nachher", es gab auch eine Kontrollgruppe (die Privatversicherten, die ja keine Praxisgebühr zahlen müssen). Andere Effekte, wie etwa eine Grippewelle, von der alle betroffen sind (auch die PKV-Versicherten), wurden rausgerechnet.

Das Ergebnis: Durch die Praxisgebühr ist kein signifikanter Rückgang der Arztbesuche feststellbar, sagt Jonas Schreyögg, pro Quartal seien die Arztbesuche um 2,6 Prozent zurückgegangen, auch der stärkere Rückgang in 2004 war nur vorübergehend.

Die Wissenschaftler folgern: entweder die Praxisgebühr ganz streichen oder aber in eine Kontaktgebühr umwandeln. Mehrere Studien aus den USA hatten gezeigt, dass dadurch eine deutlich höhere Wirkung erzielt werden konnte. So sei in Washington State mit Einführung einer Pauschale von fünf Dollar pro Arztbesuch die Zahl der Arztbesuche um 16 Prozent gesunken.

Krankenkassen könnten Kontaktpauschale erstatten

"Das Design der Zuzahlungen ist allerdings sehr wichtig, es muss vermieden werden, dass chronisch Kranke oder Menschen mit geringem Einkommen benachteiligt werden." So könnten in diesen Fällen die Krankenkassen nach Antrag die Kosten übernehmen.

Da bereits heute rund 40 Prozent aller Versicherten von der Praxisgebühr befreit sind - darunter alle Privatversicherte, chronisch Kranke und Geringverdiener - glaubt Schreyögg auch nicht an die in anderen Studien festgestellte Benachteiligung. Per Kontaktgebühr könnten allerdings die Menschen, die unnötig oft zum Arzt gehen, eher angesprochen werden.

Tatsächlich gehen viele Deutsche gar nicht so häufig zum Arzt, wie man vielleicht glaubt - das geht aus dem jüngsten Bericht des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) hervor. Es hatte die Zahl der Arztbesuche pro gesetzlich Versichertem im Jahr 2007 ermittelt.

Ein Viertel der Kassenmitglieder ging höchstens vier Mal im Jahr zum Arzt, ein zweites Viertel kommt auf zehn Arztbesuche und ein drittes Viertel auf bis zu 22. Die 25 Prozent der Versicherten mit den meisten Arztbesuchen sehen dagegen im Schnitt 40-mal im Jahr einen Mediziner.

Nach Angaben des ZI nehmen damit rund 16 Prozent der Versicherten die Hälfte aller Arztkontakte in Anspruch. Chronisch Nierenkranke, Menschen, die mit einem transplantierten Organ leben, Krebspatienten und andere von einem langwierigen Leiden Betroffene fallen in diese Gruppe.

Der Antrag der Linken, die Praxisgebühr zu streichen, wurde am Donnerstag bis auf Weiteres in den Gesundheitsausschuss vertragt. Derzeit würden im Auftrag von Ressortchef Daniel Bahr weiter diverse Modelle durchgerechnet.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 241 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. sehr billig
Nonvaio01 22.03.2012
Zitat von sysopDie Politik streitet noch über die Abschaffung der Praxisgebühr, die Zahlen sprechen für sich: Die Praxisgebühr bringt nichts, die Zahl der unnötigen Arztbesuche bleibt hoch. Gesundheitsökonomen empfehlen eine Lösung, die für die Patienten viel teurer würde - mit fünf Euro pro Arztbesuch wäre man dabei. Streit über Praxisabgabe: Experten fordern*fünf Euro Gebühr pro Arztbesuch - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,823183,00.html)
kostet in Irland 55€
2. Und mal wieder...
champagnero 22.03.2012
werden Unwahrheiten über die Privatversicherten verbreitet. Hat das Methode? Es ist mitnichten so, dass ich als privat versicherter Beamter keine Praxisgebühr bezahle. Sie wird zwar nicht direkt beim Arzt entrichtet, sie wird mir allerdings bei der Abrechnung durch die Beihilfestelle einbehalten. Und das Absurde ist, die Beihilfe zahlt zwar nur die Hälfte meiner Rechnung, zieht aber die GANZE Praxisgebühr ein.
3. also....
Kalandar 22.03.2012
... wenn man erreichen möchte, dass es weniger unsinnige Arztbesuche gibt, dann sollte man die Attestpflicht in der Uni abschaffen. Dadurch würde sich wahrscheinlich nicht mal mehr viel verändern. Wenn jemand ein Attest braucht, geht er zum Arzt und sagt: "Ich hab nicht gelernt" Inzwischen weiß doch jeder Arzt, dass es so ist und die Studenten lügen nicht mal mehr bezüglich des Grundes. Es kostet halt Praxisgebühr, aber das leistet man sich eher als eine nicht bestandene Klausur. Sicher gibt es noch andere Gründe für unsinnige Arztbesuche, aber ich wollte nur auf diesen einen hinweisen.
4. Vernünftig
matthias_b. 22.03.2012
Ich plädiere schon lange für diese Lösung. Das würde endlich die "jetzt hab ich schon bezahlt, also muss ich soviel davon ausnutzen wie ich kann"-Mentalität eindämmen. Andersrum wäre der einzelne Arztbesuch pro Jahr wenn ich mal richtig krank bin und eine Krankschreibung brauche für mich als Geringverdiener wieder nicht eine so große Hürde.
5.
kjartan75 22.03.2012
Zitat von sysopDie Politik streitet noch über die Abschaffung der Praxisgebühr, die Zahlen sprechen für sich: Die Praxisgebühr bringt nichts, die Zahl der unnötigen Arztbesuche bleibt hoch. Gesundheitsökonomen empfehlen eine Lösung, die für die Patienten viel teurer würde - mit fünf Euro pro Arztbesuch wäre man dabei. Streit über Praxisabgabe: Experten fordern*fünf Euro Gebühr pro Arztbesuch - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,823183,00.html)
Oh Gott, 5 Euro pro Arztbesuch? Ich bin ja nun auch nicht, ein häufiger Arztgeher, aber gerade jetzt plage ich mich z. B. mit einer Erkrankung rum, bei der die Antibiotika nicht anschlagen und ich deshalb täglich zur Kontrolle zum Arzt muss, weil der sich noch nicht zu drastischeren Maßnahmen entscheiden will...Okay, das wären dann schon mal 5x5 nur dass mir überhaupt der Zutritt gewährt wird.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Gesundheitssystem
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 241 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Gesundheitssystem: Wofür die Kassen Geld ausgeben

Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.