Experten-Warnung Gift aus gesprengter Kriegsmunition bedroht Kieler Förde

Forscher schlagen nach drei Unterwasser-Sprengungen in der Kieler Außenförde Alarm: Minen und Sprengköpfe liegen jetzt ungeschützt offen am Grund. Immer mehr Gift droht ungehindert in die Ostsee zu gelangen. Die Behörden sind schon länger gewarnt - bestreiten aber die Gefahr.

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Nur zweieinhalb Kilometer vor Schleswig-Holsteins Küste in der Nähe von Kiel schlummert die tödliche Gefahr: In zehn Meter Wassertiefe liegt ein gewaltiges Waffenarsenal. Etwa 70 Torpedo-Sprengköpfe und Minen sind verstreut auf einer Fläche so groß wie ein Fußballplatz. Reste von Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg gibt es auch andernorts in Nord- und Ostsee, längst sind sie auf Seekarten verzeichnet. Dieses Depot aber war unbekannt, bis Taucher vor zwei Jahren darauf stießen.

Die Metallhüllen waren durchgerostet. Schutzlos lag die Munition am Grund des Meeres. Die Taucher meldeten den Unterwasser-Schrottplatz den Behörden. "TNT-Sprengstoff bröckelt ins Wasser", sagt der Umweltgutachter Stefan Nehring SPIEGEL ONLINE. Das dort offen liegende TNT (Trinitrotoluol) ist hochgiftig. Es schädigt Lebewesen schon in geringer Dosis. Bei Menschen kann es Krebs und Hepatitis auslösen.

Nehring und andere Wissenschaftler warnen nun vor den Folgen der schleichenden Wasservergiftung und erheben schwere Vorwürfe gegen die Behörden. Denn Schleswig-Holsteins Umweltministerium sah jahrelang keinen Handlungsbedarf - bis vor drei Wochen ein NDR-Fernsehteam eine behördliche Drehgenehmigung beantragte und Unterwasseraufnahmen durchführte.

Drei Sprengungen sollen die Lage verschlimmert haben

Noch am selben Tag, am 16. Oktober, führten Kampfmittelräumer drei Sprengungen durch. Einen Tag später lief der NDR-Beitrag, in dem auch ein Vertreter des Ministeriums zu Wort kam. Er sagte, dass die Munition nun mit Sediment bedeckt sei und deshalb erst in 100 bis 200 Jahren durchrosten werde.

Stimmt nicht, sagen die Taucher. Sie haben den Fund in der Kieler Außenförde begutachtet - vor und nach der Explosion. "Die Sprengungen haben die Lage verschlechtert", sagt Nehring. Drei Krater würden nun am Meeresgrund klaffen. Manche der Sprengköpfe seien zerbrochen, es entweiche mehr TNT als zuvor. Außerdem bestehe weiterhin Explosionsgefahr, zum Beispiel wenn ein Anker einem Sprengkörper einen Schlag versetze, sagt Nehring.

Schleswig-Holsteins Umweltministerium teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, dass von der Munition in der Kieler Außenförde keine Bedrohung ausgehe.

Versenkte Munition in Nord- und Ostsee: Explosionskörper sind "allgegenwärtig"

Versenkte Munition in Nord- und Ostsee: Explosionskörper sind "allgegenwärtig"

"Die Behörden verstecken sich hinter ihrem Nichtwissen", sagt Gerd Liebezeit vom Forschungszentrum Terramare in Wilhelmshaven. Es sei "nicht in Ordnung", dass die Verschmutzung einfach hingenommen werde. Die Folgen seien kaum einzuschätzen, sagt der Meereschemiker. Kleintiere, Fische und Pflanzen, die die Substanz aufnähmen, würden weniger Nachkommen zeugen. Die Erbsubstanz der Lebewesen werde geschädigt.

Dass Menschen das Gift in bedrohlicher Dosis zu sich nehmen könnten, sei nicht auszuschließen, sagt Liebezeit. Zwar löse sich TNT nur äußerst langsam im Wasser, und es verteile sich schnell. Doch möglicherweise würden Strömungen das Gift in Klumpen an die nahe gelegene Küste transportieren. "Es bleibt Spekulation, solange das Risiko nicht wissenschaftlich untersucht wurde", sagt Liebezeit.

Umweltministerium sieht keinen Handlungsbedarf

Auch das für die Minenräumung zuständige Wasser- und Schifffahrtsamt in Lübeck zeigt sich besorgt: Kampfstoffe würden eigentlich nur beseitigt, wenn sie eine Gefahr für die Schifffahrt darstellen. Liege allerdings TNT frei, müsse die Sache geprüft werden, sagte der stellvertretende Amtsleiter Jörg Fräßdorf zu SPIEGEL ONLINE. Die Auswirkungen auf die Natur zu untersuchen, sei jedoch Aufgabe des Umweltministeriums - das wiederum keinen Handlungsbedarf sieht.

Dass deutsche Behörden nach dem Fund von Sprengstoff im Meer die Verantwortung abschieben, ist nicht neu. So weigert sich die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern seit Jahren, die Gefahr von Brandbombenresten zu untersuchen, die regelmäßig an die Nordküste Usedoms gespült werden. Dabei erleiden Strandbesucher bei dem Kontakt mit den Phosphorbrocken immer wieder schwere Verbrennungen. Die Bundestagsfraktion der FDP, die dazu vor einem Jahr 19 Fragen an die Bundesregierung richtete, erhielt eine einsilbige Antwort: Der Umgang mit Munitionsaltlasten sei Aufgabe der Länder. Diese scheinen sich dem Thema allerdings wenig verpflichtet zu fühlen. So habe Schleswig-Holstein noch keine eigene Untersuchung in Auftrag gegeben, sagt Nehring.

Hunderttausende Tonnen Munition wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in Ost- und Nordsee verklappt. Die Entsorgung verlief Nehring zufolge zuweilen chaotisch. Größere Mengen Munition seien nicht an den vorgesehenen Stellen versenkt worden, weil die Bootsführer per Ladung entlohnt worden seien und so schnell wie möglich die nächste Fracht hätten aufnehmen wollen. Entsprechend verstreut lägen die Kampfstoffe am Meeresboden.

Weitere unentdeckte Depots vermutet

Niels-Peter Rühl vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) beruhigt: Die Positionen des explosiven Materials seien bekannt, der Meeresboden ausreichend durchforstet. Doch der Fund in der Kieler Außenförde offenbart, dass noch immer mit Überraschungen gerechnet werden muss. Es werde unzureichend nach den Altlasten gesucht, moniert Heinrich Hühnerfuß von der Universität Hamburg. Weitere Depots könnten unentdeckt sein und gefährlich werden, warnt der Meereschemiker.

Diesen Verdacht nährt auch die Untersuchung einer Forschergruppe um Jürgen Schulz-Ohlberg vom BSH: Auf dem Meeresgrund vor der Pommerschen Küste entdeckte das Team vier Eisenobjekte - vermutlich Munition. Im Sand vergraben fanden die Forscher weitere 130 Eisenteile, von denen unklar ist, um was es sich handelt.

Abseits der Entsorgungsrouten lägen vermutlich ebenfalls Munitionsreste, sagt Nehring. Diesen Verdacht äußerten schon vor zwölf Jahren die Ostsee-Anrainerstaaten in einer gemeinsamen Erklärung der sogenannten Helsinki-Kommission - und empfahlen die Suche nach dem Gefahrgut.

"Ostsee stark kampfmittelbelastet"

Insbesondere Fischer werden immer wieder Opfer von explodierender Munition oder giftigem Senfgas. Wieviele Verletzte es gibt, ist unklar. Nehring: "Nur in Dänemark müssen Unfälle gemeldet werden. Dort gibt es mehr als 20 Opfer im Jahr." Der Forscher wirft den Behörden vor, aus Angst vor Kosten und negativen Folgen für den Tourismus detaillierte Untersuchungen zu vermeiden.

2001 äußerte sich die schleswig-holsteinische Landesregierung zu dem Problem. In einem Fischerei-Bericht gab sie zu, Explosionskörper seien in der Ostsee "allgegenwärtig". Die Küstengewässer der Ostsee seien "auch außerhalb der bekannten Versenkungsgebiete stark kampfmittelbelastet", schrieb sie in einer Antwort auf eine FDP-Anfrage und gab sich gewissenhaft: Sobald eine konkrete Gefahr bekannt werde, "zum Beispiel durch vom Meeresgrund freigespülte Munition, sucht der Kampfmittelräumdienst des Landes nach den Kampfmitteln, birgt und vernichtet sie".



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