Experten-Zweifel: Kann New Orleans wieder aufgebaut werden?

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New Orleans steht mittlerweile fast komplett unter Wasser. Die Schäden verhindern nach Meinung von Experten einen schnellen Wiederaufbau. Möglicherweise muss die Stadt ganz aufgegeben werden, da sie seit Jahren immer tiefer unter das Meeresspiegelniveau sinkt.

Feuerwehleute in New Orleans: Wasser überall
AFP

Feuerwehleute in New Orleans: Wasser überall

Um New Orleans machen sich Wissenschaftler schon seit Jahren große Sorgen. Die Stadt sinkt Jahr für Jahr immer tiefer unter das Meeresspiegelniveau, gleichzeitig erhöht sich der Wasserstand der Meere. Obendrein schrumpft das Mississippi-Delta, das die Stadt vor dem Meer schützt. Als das neue Atlantis wurde die Stadt schon bezeichnet - die Bilder aus der mittlerweile fast komplett überfluteten Stadt scheinen dies zu bestätigen.

Die Absinkrate der Stadt, der Verlust von Marschland und der Anstieg des Meeresspiegels ließen Geologen wie Chip Groat vom US Gelogical Survey (USGS) schon vor fünf Jahren das Schlimmste befürchten: New Orleans könnte binnen hundert Jahren ganz verschwinden.

Möglichweise wird die düstere Vision viel früher Realität, als sich das Groat je ausgemalt hat. Zwar drehte der Hurrikan "Katrina" kurz vor New Orleans ab, so dass die Schäden geringer waren als anfangs befürchtet. Dann brach jedoch der Deich am See Pontchartrain - seitdem läuft die unter Meeresniveau liegende Stadt mit Wasser voll. "Die Schüssel füllt sich", sagte Bürgermeister Ray Nagin in einem Interview mit einem lokalen Fernsehsender. Bis zu 80 Prozent sollen mittlerweile überflutet sein. In manchen Teilen soll das Wasser bis zu sechs Meter hoch stehen.

Ein neues Atlantis?

Der Versuch, ein 60 Meter langes Leck in einem Schutzdamm in New Orleans zu reparieren, schlug fehl, wie Nagin berichtete. Zudem sei der Generator einer nahe gelegenen Wasser-Pumpstation zusammengebrochen. Es sei damit zu rechnen, dass bisher noch verschonte Stadtteile binnen weniger Stunden ebenfalls mehr als drei Meter hoch unter Wasser stehen würden, sagte er dem Fernsehsender CNN.

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Satellitenbilder: "Katrina" aus dem All gesehen

Leitende Techniker der Wasserversorgung erwarteten, dass der Wasserspiegel in Teilen der Stadt die Höhe des nahe gelegenen Lake Pontchartrain erreichen wird. Die Behörden erklärten, dass alle Maßnahmen zur Eindämmung der Fluten gescheitert seien. Die Bewohner der Stadt könnten nicht vor Ablauf eines Monats nach Hause zurückkehren.

Ob es tatsächlich gelingt, binnen vier Wochen alles Wasser wieder abzupumpen, lässt sich derzeit kaum vorhersagen. Aber selbst wenn man das Wasser irgendwann los wäre: Was dann von der Stadt zum Vorschein kommt, wäre möglicherweise kaum zu retten. Von Holzgebäuden, die über Tage oder gar Wochen im Wasser gestanden haben, und das bei Außentemperaturen jenseits der 30 Grad, dürfte kaum etwas Brauchbares übrig bleiben. "Das Holz dünstet auf und wird morsch", erklärt Michael Gronau vom Technischen Hilfswerk Kiel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Und auch massivere Bauten werden im Wasser aufschwemmen, porös werden und ihre Stabilität verdienen. Probleme könnte auch das auf dem Untergrund stehende Wasser bereiten: Wenn der Boden zu sehr aufweiche, verlören Gebäude ihre Statik, sagt Gronau.

"Nährböden für alles was kreucht und fleucht"

Auch Heike Böhmer vom Institut für Bauforschung in Hannover fürchtet schlimme Folgen: "Da wird nicht viel übrig bleiben", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Besonders problematisch seien alle Gebäude, in denen organische Dämmmaterialien verbaut seien: Feuchtigkeit und Hitze schüfen dort "ideale Nährböden für alles was kreucht und fleucht", sagte die Bauingenieurin. Für Menschen hochgefährliche Schimmelpilze und der Gebäude zerfressende Hausschwamm würden sich vermutlich gemütlich einnisten im langsam trocknenden New Orleans.

Hochleistungspumpe (vom THW): Das Gerät schafft bis zu 15.000 Litern pro Minute
THW

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"Ein Neubau aus Ziegeln braucht ohne technische Hilfen etwa drei Jahre, bis er durchgetrocknet ist", erklärte Böhmer. Um mit Hilfe von Heiz-Apparaturen eine Wohnfläche von 100 Quadratmetern zu trocknen, müsse man vier bis sechs Wochen einkalkulieren. New Orleans sei aber eine Großstadt mit Abertausenden von Gebäuden. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das hinkriegt", sagte Böhmer.

Für die besonders große Gefährdung von New Orleans durch Hurrikans machen Wissenschaftler übereinstimmend den Menschen verantwortlich. Flüsse wurden ausgebaggert, Deiche gebaut, Feuchtgebiete trockengelegt. Marschland saugt beispielsweise Wasser auf, falls eine Flutwelle vom Meer sich Richtung New Orleans bewegt und mildert diese so ab. Infolge der Trockenlegung sind jedoch immer mehr Feuchtgebiete verschwunden.

Die Eindeichung des Mississippis verhindert, dass im Wasser mitgeführte Sedimente sich ablagern könnten - dadurch senkt sich das Land immer schneller weiter ab. Ende 1998 wurde ein Rettungsplan für die Region vorgelegt. In "Coast 2050" schlugen Geologen Ausgaben von bis zu 14 Milliarden Dollar vor. Ohne weitere Eingriffe des Menschen könnte das schützende Mississippi-Delta bis 2090 verschwunden sein, warnten die Wissenschaftler.

Ob es überhaupt sinnvoll ist, New Orleans an alter Stelle wieder aufzubauen - dieser Frage werden sich Politiker, Ökonomen und Wissenschaftler wohl in den nächsten Wochen stellen müssen.

Willi Streitz von der Katastrophenforschungsstelle der Universität Kiel beschäftigt sich gewissermaßen von Berufs wegen mit der Kurzsichtigkeit der Menschen. Was nach einer Katastrophe wie der in New Orleans letztlich entschieden werde, sei natürlich "auch eine Frage der Kosten". Die Erfahrung zeige aber auch: "Unter dem Eindruck so mächtiger Ereignisse werden oft Millionen, manchmal Milliarden unsinnigerweise verbrannt."

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