Explosionsstrategie: Termiten opfern sich für ihr Volk

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Termiten-Arbeiter fackeln nicht lange: Steht die Lage schlecht, sprengen sie sich selbst in die Luft und setzen dabei eine Flüssigkeit frei, die ihre Gegner lähmt oder tötet. Forscher haben das Phänomen jetzt genauer untersucht.

Explosive Rucksäcke: Die Taktik der Termiten-Terminatoren Fotos
R. Hanus

Sieht man die verschiedenen Mitglieder einer Termitenkolonie nebeneinander, erscheinen die kleinen Arbeiter neben den riesigen Soldaten harmlos. Doch der Eindruck täuscht. Denn auch die Arbeiter können sich als gefährliche Gegner entpuppen. Sie verfügen über einen letzten Verteidigungsmechanismus, den sie in ausweglosen Situationen einsetzen.

Werden sie etwa von artfremden Termiten attackiert, sprengen sie einen Teil ihres Rückens auf. Eine Flüssigkeit spritzt heraus, in der sich kleine blaue Kristalle befinden. Der Tropfen ist nicht nur klebrig, sondern auch giftig für die Angreifer; die Flüssigkeit kann sie lähmen oder töten. Für die verteidigenden Termiten endet dies auf jeden Fall tödlich. Wenn die Insekten ihre explosiven Rucksäcke absprengen, tritt aus dem Riss nicht nur das Sekret aus, sie verlieren dabei auch einen Teil ihrer inneren Organe.

Dass sich Termiten mancher Arten auf diese Weise in einem Kampf opfern, haben Biologen schon vor Jahrzehnten beobachtet. Ein Team um Jan Šobotnik von der tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag und Thomas Bourguignon von der japanischen Hokkaido University hat dieses Verhalten nun genauer studiert. Im Wissenschaftsmagazin "Science" berichten die Forscher unter anderem von der Zusammensetzung des von den Termiten freigesetzten Sekrets.

Für ihre Arbeit untersuchten die Forscher Termiten der Art Neocapritermes taracua, die sie in Französisch-Guayana eingesammelt hatten. Neocapritermes-Arten finden sich in Süd- und Mittelamerika. In den Kolonien dieser Art leben mindestens 100.000 Termiten, schätzt Bourguignon. Die Soldaten stellen allerdings nur einen Bruchteil der Bewohner - weniger als ein Prozent, nimmt der Forscher an. Das erklärt, warum die Arbeiter ihren Teil zur Verteidigung beitragen.

Bei vielen Arbeiter-Termiten entdeckten die Biologen am Rücken zwei längliche dunkelblaue Flecken an der Grenze von Brust und Hinterleib, einige waren fleckenlos. Die "blauen" Arbeiter waren deutlich aggressiver als die "weißen", wenn sie artfremden Termiten begegneten. Sie kämpften immer, wenn ihnen ein Gegner zu nahe kam - und sie sprengten auch schneller ihre Rucksäcke ab, wenn ihre Feinde sie packen konnten.

Ältere Termiten sind besser bewaffnet

Zusätzlich ist das Sekret der blauen Arbeiter gefährlicher, wie sich in Tests mit je 40 Arbeitern der Termiten-Art Labiotermes labralis herausstellte. Nur drei dieser Tiere waren eine Stunde, nachdem sie im Labor mit einem Tropfen der Flüssigkeit in Kontakt gekommen waren, noch fit. Elf waren bewegungsunfähig, 26 tot. Die von den weißen Arbeitern freigesetzte Flüssigkeit erwies sich als deutlich harmloser: Lediglich fünf feindliche Termiten erlagen ihr, vier waren bewegungsunfähig - die restlichen 31 überstanden die Behandlung unbeschadet.

Die blaue Farbe stammt von kleinen Kristallen, die nach Angaben der Forscher in einem Paar spezieller Drüsen erzeugt werden. Sie machen das Sekret offensichtlich gefährlicher. Entfernten die Forscher die Kristalle, war der abgesonderte Tropfen für feindliche Termiten weniger gefährlich. Fügten sie dagegen dem Sekret von weißen Arbeitern Kristalle hinzu, wurde dieses schädlicher. Weitere Analysen zeigten, dass die Kristalle aus einem Protein bestehen. Die Wissenschaftler nehmen an, dass eine Reaktion zwischen den Kristallen und der ausgestoßenen Flüssigkeit dazu führt, dass das Sekret seine verheerende Wirkung entfaltet.

Da die blauen Arbeiter häufiger außerhalb des Nestes nach Futter suchen als die weißen, müssten sie auch öfter auf Gegner treffen, sagt Bourguignon. "Wahrscheinlich kämpfen sie nicht nur gegen Termiten anderer Arten, sondern auch gegen weitere Gegner - etwa Ameisen." Gegen diese sei das blaue Sekret allerdings weniger wirksam.

Aber warum tragen nicht alle Termiten-Arbeiter den blauen Sprengstoffrucksack mit sich herum? Wie stark sie bewaffnet sind, hängt von ihrem Alter ab. Das konnten die Forscher nachweisen, indem sie das Gewicht der vorhandenen Kristalle zur Schärfe der Mandibeln der Tiere in Bezug setzten. Die Mundwerkzeuge der Termiten nutzen sich kontinuierlich ab und können nicht erneuert werden; daher lässt sich aus ihrem Zustand auf das Alter der Tiere schließen. Wenn die Insekten altern, können sie schlechter Futter sammeln und fressen. Gleichzeitig bauen sie aber Kristalle auf. Alte Termiten sind also die gefährlicheren Gegner.

Damit haben sie etwas mit den Ameisen gemein, mit denen sie weitläufig verwandt sind - denn schon vor gut 20 Jahren prägten Biologen den Spruch, dass Menschen ihre jungen Männer in den Krieg schicken, Ameisen dagegen ihre alten Frauen.

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