Facebook-Experiment "Wer täuscht, braucht Zustimmung"

Für eine Facebook-Studie wurden Hundertausende Mitglieder unfreiwillig zu Versuchskaninchen. Der Psychologe Fredi Lang erklärt, welche Regeln dabei verletzt wurden.

Facebook-Logo: "Gegen jede Regel"
DPA

Facebook-Logo: "Gegen jede Regel"

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Lang, Hunderttausende Facebook-Mitglieder wurden unwissentlich zu Studienteilnehmern, ihre Neuigkeitenseite wurde manipuliert. Dürfen Psychologen Menschen einfach so zu Versuchskaninchen machen? Für Mediziner gibt es zahlreiche Auflagen.

Lang: Ganz ohne Täuschung kommt die Forschung in der Psychologie nicht aus. Aber wenn man im Einzelfall täuschen muss, braucht man eine klare Zustimmung. Zwar wird in psychologischen Studien das Innere des Menschen erforscht, niemand bekommt neue Impfstoffe injiziert oder ein noch unbekanntes Medikament verabreicht, aber natürlich gibt es Richtlinien.

Zur Person
  • BDP Verband
    Fredi Lang, arbeitet beim Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen in Berlin. Er ist Experte für die Festsetzung von Studien-Richtlinien in Deutschland und auf europäischer Ebene.

SPIEGEL ONLINE: Und die wurden in dem Fall Facebook verletzt?

Lang: Ja. Auch wenn in den AGB des Unternehmens darauf hingewiesen wird, dass das Verhalten der Nutzer untersucht und erforscht wird, müssen diese in jedem Fall vorher und nachher informiert werden. Zudem hätten die Wissenschaftler durchaus anders vorgehen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie hätten sie es besser gemacht?

Lang: Eine Regel sagt: so wenig Versuchspersonen wie nötig einbinden. Es hätten sicher nicht 300.000 Menschen sein müssen. Eine andere Regel sagt, dass Täuschungen zu vermeiden sind. Die Forscher hätten also auch beobachtend vorgehen können - einzelne Nutzer auswählen, die eher positiv schreiben und andere, die negativer agieren. Und diese dann analysieren. Das wäre aber mehr Arbeit gewesen.

Ethische Richtlinien für Tests in der Forschung (Auszüge)
6. Verzicht auf eine auf Aufklärung basierende Einwilligung in die Forschung
Psychologen können auf eine auf Aufklärung basierende Einwilligung nur dann verzichten (1) wenn vernünftigerweise davon ausgegangen werden kann, dass die Teilnahme an der Forschung keinen Schaden oder kein Unbehagen erzeugt, das über alltägliche Erfahrungen hinausgeht, und wenn die Forschung sich
(a) auf gängige Erziehungsmethoden, Curricula oder Unterrichtsmethoden im Bildungsbereich bezieht;
(b) auf anonyme Fragen/Fragebögen, freie Beobachtungen oder Archivmaterial bezieht, dessen Enthüllung die teilnehmenden Personen nicht den Risiken einer straf- oder zivilrechtlichen Haftbarkeit, finanzieller Verluste, beruflicher Nachteile oder Rufschädigungen aussetzt und bei denen die Vertraulichkeit gewährleistet ist;
(c) auf Faktoren bezieht, welche die Arbeits- und Organisationseffizienz in Organisationen betreffen, deren Untersuchung keine beruflichen Nachteile für die teilnehmenden Personen haben können und bei denen die Vertraulichkeit gewährleistet ist, oder (2) wenn die Forschung anderweitig durch Gesetze und Verordnungen erlaubt ist.
8. Täuschung in der Forschung
(a) Psychologen führen keine Studie auf der Basis von Täuschung durch, es sei denn, sie sind nach gründlicher Überlegung zu dem Schluss gekommen, dass der Einsatz von Täuschungstechniken durch den voraussichtlichen bedeutsamen wissenschaftlichen, pädagogischen oder praktischen Erkenntnisgewinn gerechtfertigt ist und dass geeignete alternative Vorgehensweisen ohne Täuschung nicht zur Verfügung stehen.
(b) Psychologen täuschen potenzielle Teilnehmer und Teilnehmerinnen nicht über solche Aspekte einer Forschungsarbeit, von denen vernünftigerweise angenommen werden kann, dass sie ernsthafte physische und/oder psychische Belastungen erzeugen.
(c) Psychologen klären jede Täuschung innerhalb eines Experiments so früh wie möglich auf, vorzugsweise am Ende der Teilnahme, aber spätestens am Ende der Datenerhebung und erlauben den teilnehmenden Personen das Zurückziehen ihrer Daten.
9. Aufklärung der Forschungsteilnehmer und Forschungsteilnehmerinnen
(a) Psychologen informieren die an ihren Untersuchungen Teilnehmenden sobald wie möglich über das Ziel, die Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus ihrer Forschungsarbeit, und sie unternehmen geeignete Schritte, um jedes Missverständnis, das teilnehmende Personen haben könnten und das ihnen bewusst ist, zu korrigieren.
(b) Wenn wissenschaftliche oder ethische Überlegungen es rechtfertigen, solche Informationen zu verzögern oder zurückzuhalten, ergreifen Psychologen geeignete Maßnahmen, um eventuellen Schaden und Risiken abzuwenden beziehungsweise möglichst gering zu halten.
(c) Wenn Psychologen erfahren, dass Aspekte ihrer Forschung teilnehmenden Personen Schaden zugefügt haben, unternehmen sie geeignete Schritte, um diesen Schaden zu minimieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Macher der Studie verteidigen ihr Vorgehen. Sie sagen, sie hätten sich einfach für die emotionale Wirkung von Facebook interessiert.

Lang: Schon klar, dass die das tun. Für Facebook zählt ja jeder Cent. Dennoch wurde die Integrität der Versuchspersonen verletzt. Die Forscher hätten zumindest ankündigen müssen, dass sie einen Test machen. Dabei reicht eine sogenannte Coverstory, "ihr nehmt an einem psychologischen Experiment teil". Da reicht dann eine generelle Erklärung - im aktuellen Beispiel hätten die Forscher sagen können, dass sie untersuchen wollen, wie schnell einzelne Nutzer auf einen Post reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Was dann aber auch nicht stimmt?

Lang: Richtig, aber die Testperson weiß, dass etwas passieren soll und kann ablehnen. Und direkt im Anschluss muss sie auch über den tatsächlichen Zweck und Ablauf informiert werden. Diese Studie war ein Eingriff in die Selbstbestimmungsrechte des Einzelnen. Das muss umgehend aufgeklärt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert nun mit dem Ergebnis?

Lang: Eigentlich müssten die Daten zu jedem Ergebnis, bei dem nicht das Einverständnis der Probanden ausdrücklich erteilt wurde, gelöscht werden. Der europäische Meta Code und die deutschen und europäischen Richtlinien zur Ethik sind hier eindeutig. Mit diesem Test haben die Forscher und Facebook das Ansehen psychologischer Studien in der Öffentlichkeit stark beschädigt.

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
PeterPan95 30.06.2014
1. Tja...
Die USA sind nicht Europa... Die Skrupellosigkeit von Facebook zeigt einmal mehr, wie klein der Schritt von "Inhalte anbieten" zu "Inhalte manipulieren" ist. Gewisse Bilder werden ja schon gefiltert.
motzbrocken 30.06.2014
2. Aber jetzt
mal ehrlich, zeigt mir den oder diejenige welche sich darüber aufregt. Facebookuser haben doch gar keine Zeit mehr, irgendwas oder irgendjemand aus der wirklichen Realität wahrzunehmen. Jeder der an diesen sogenannten "social medias" teilnimmt, sollte eigentlich wissen, auf was er sich einlässt. Dem ist aber unter Garantie nicht so! Das FB jedes Komma auf potenzielle Geldquellen untersucht, ist auch klar. Warum also nicht die Posts sezieren, analysieren und zu Kohle machen. Skrupellos, egoistisch, verlogen. Wie FB halt so ist. Da gibt es nur eins: nicht jeden Bullshit mitmachen, kritisch bleiben, sleber denken und vor allem reale Freunde suchen, die sich nicht mit einem "gefällt mir" Button abspeisen lassen.
Thorkh@n 30.06.2014
3. ... und wenn das ...
... Freihandelsabkommen in Kraft tritt, kann Facebook sogar womöglich noch auf die Rechtmäßigkeit solcher Schweinereien in Europa klagen. Facebook sperren und wer den Dreck tatsächlich aufrufen will, soll das auf eigene Gefahr via VPN oder einen ausländischen DNS-Server tun. Diese Schafe wollen dann eben einfach geschoren werden.
blaufink 30.06.2014
4.
Dieses „Experiment“ wurde der Öffentlichkeit bekannt. Ich frage mich, von wie vielen Facebook-Experimenten, die bereits stattfanden, wir nichts wissen.
beauce2 30.06.2014
5. sorry,
habe kein Mitleid mit Facebookusern mehr, es ist hinlänglich bekannt, was mit den Daten der User abläuft - und "im Sinn" muss man das ganze wohl noch mal 2 nehmen, um all das einzubeziehen, was doch noch irgendwann herauskommt.
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