Fachverlag "Nature" macht Artikel frei lesbar

Das renommierte Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlicht seine Artikel künftig gratis im Internet. Die Texte können am Bildschirm gelesen werden - allerdings nur, wenn man den direkten Link kennt.

Große Fachjournale: Lesen gratis bei "Nature"

Große Fachjournale: Lesen gratis bei "Nature"


London/New York - Schon seit Jahren kämpfen Wissenschaftler für einen freien Zugriff auf Forschungsergebnisse. Open Access heißt die Bewegung, die Schluss machen will mit horrend teuren wissenschaftlichen Zeitschriften, deren Inhalte meist aus öffentlich finanzierten Forschungsprojekten stammen.

Das renommierte Fachblatt "Nature" setzt nun, wenn man so will, ebenfalls auf Open Access. Denn zumindest das Lesen von Artikel soll künftig grundsätzlich möglich sein. Die PDF-Versionen der Artikel werden von einem speziellen Viewer im Browser angezeigt, man kann sie jedoch weder ausdrucken noch abspeichern. Dadurch können Nachrichtenseiten und Blogs jedoch künftig direkt auf die Vollversionen wissenschaftlicher "Nature"-Papers verlinken. Bislang waren nur Links zum Abstract möglich, der Kurzfassung eines Artikels.

Ganz so einfach, wie es klingt, ist das Lesen von Artikeln jedoch nicht. Der Aufruf einer Studie wird nicht direkt über die Nature-Webseite möglich sein, sondern nur über einen speziellen Link, der zahlenden Abonnenten zur Verfügung gestellt wird. Der Link ist im Prinzip geheim.

Etwa hundert ausgewählte Medien wiederum, darunter auch SPIEGEL ONLINE, hat die Naturegruppe auf eine sogenannte Whitelist gesetzt. Diese Medien nutzen auf ihren Seiten den Standardlink zu Papern, der üblicherweise zum Abstract führt. Am sogenannten Referer erkennt der Nature-Server jedoch, dass der Surfer einen Nature-Link etwa auf spiegel.de angeklickt hat und wird automatisch auf das frei lesbare Paper umgeleitet.

Mit dem Schritt will die Nature-Gruppe nach eigener Aussage auch Wissenschaftlern die Arbeit erleichtern. "Wir wissen, dass Forscher bereits Inhalt weitergeben, oft über versteckte Ecken im Internet oder über umständliche, zeitraubende Methoden", sagte der Managing Director der Verlagstochter Digital Science, Timo Hannay. Man wolle Forschern "eine sowohl bequeme als auch legitime Alternative" zur Verfügung stellen, "um Zugang zu den Informationen zu bekommen, die sie benötigen.

Natürlich zielt der freie Lesezugriff auch auf soziale Medien wie Twitter und Facebook. Die Links zu Artikeln können dort künftig von jedermann gepostet werden, sofern diese bekannt sind, und sie führen Interessenten nicht wie bislang zu einer Bezahlschranke, sondern zum Viewer. Die Neuerung gilt nicht nur für "Nature", sondern für alle 48 Fachmagazine der Nature Publishing Group.

Auch Open Access kostet Geld

Der Druck auf Wissenschaftsverlage hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr erhöht. Universitätsbibliotheken bezahlen viel Geld für Fachmagazine, in denen Artikel ihrer eigenen Mitarbeiter abgedruckt sind. Mathematiker von Unis weltweit verfassten 2012 sogar einen Boykottaufruf gegen die Verlagsgruppe Elsevier. Die Preispolitik von Elsevier führte 2013 dazu, dass die Universität Konstanz wichtige Abos kündigte. 2012 hatte bereits die Mathematische Fakultät der TU München das Elsevier-Paket abbestellt.

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Open-Access-Journalen. Weil der Zugriff gratis ist, stellen die Magazine den Autoren jedoch die Bearbeitung ihrer Fachartikel in Rechnung. Die Preise dafür liegen zwischen einigen hundert bis einigen tausend Euro - je nach Aufwand der Prüfung der Paper.

Ergänzung: In der ersten Version dieses Artikels wurde der Eindruck erweckt, man könne Nature-Artikel direkt über die Webseite des Verlags aufrufen und frei lesen. Das stimmt jedoch nicht. Der Aufruf einer Studie wird nur über einen speziellen Link möglich sein, der zahlenden Abonnenten zur Verfügung gestellt wird, oder über Links von ausgewählten Newsseiten, darunter SPIEGEL ONLINE. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

hda

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
kook1979 03.12.2014
1.
Tolle Sache. Hoffentlich macht das Schule.
rothaus_baden 03.12.2014
2.
Ein Schritt in die richtige Richtung.
_thilo_ 03.12.2014
3. Ein nicht ganz so kleiner Schritt für einen Verlag, aber ein grosser Fortschritt für die Wissenschaft
Wie bereits im Artikel erwähnt: Die ganz überwiegende Mehrheit der wissenschaftlichen Publikationen wird an Universitäten und damit auf Kosten der Allgemeinheit erarbeitet. Dieses Wissen sollte damit auch der Allgemeinheit zur Verfügung stehen! Man wird Lösungen finden müssen, damit alle Verlage dies in Zukunft werden leisten können ...
herkurius 03.12.2014
4. Wass'n Quatsch?!
Was man am Bildschirm lesen kann, ist bereits auf den eigenen Computer heruntergeladen. Technisch lässt es sich nicht unterbinden, daß man darauf zugreifen und es an einem bekannten Speicherplatz im Computer in einem bekannten Format abspeichern kann. Firefox bietet z.B. "in Datei drucken" an und erlaubt mit Rechtsklick über "Seiteninformationen anzeigen" auch das Abspeichern aller denkbaren Medien-Inhalte.
cauri_12 03.12.2014
5.
Die Nature Publishing Group geht mit super Beispiel, aber nicht als erste voran. PlosOne ist schon ein sehr beliebtes Open Access, Veröffentlichungsportal, was den grossen Häusern der Rang ablaufen könnte. Eine schlaue Reaktion der nature Macher!!
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