Teure Fachzeitschriften: Mathematiker proben Aufstand gegen Verlage

Von Holger Dambeck

Wem gehören die Gedanken von Wissenschaftlern? Weltweit empören sich Forscher über die teils horrenden Abo-Gebühren für Fachmagazine. Renommierte Mathematiker gehen nun neue Wege, um ihre Erkenntnisse zu veröffentlichen.

Bibliothek der TU Ilmenau: Fürs Publizieren bezahlen - oder fürs Lesen? Zur Großansicht
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Bibliothek der TU Ilmenau: Fürs Publizieren bezahlen - oder fürs Lesen?

Berlin - Der Streit um den Zugang zu wissenschaftlichen Aufsätzen schwelt schon länger. Universitätsbibliotheken bezahlen viel Geld für Fachmagazine, in denen Artikel ihrer eigenen Mitarbeiter abgedruckt sind. Die darin beschriebenen Studien sind häufig mit Steuermitteln finanziert - aber für den Zugriff darauf kassiert mancher Fachverlag sehr hohe Gebühren.

Bei Open-Access-Magazinen wie PLoS ONE ist das anders: Hier sind die Artikel frei im Internet verfügbar. Aber das ist eine Ausnahme, der Zugriff auf viele Wissenschaftsmagazine kostet Geld. Die Preispolitik der Verlagsgruppe Elsevier empörte Mathematiker so sehr, dass sie 2012 einen weltweiten Boykott ihrer Wissenschaftsmagazine organisierten.

Nun berichtet der Mitinitiator des Boykotts, der britische Mathematiker Timothy Gowers, über mögliche nächste Schritte weg vom herkömmlichen Verlagsmodell. Beim sogenannten Episciences Project will er gemeinsam mit Kollegen das Prinzip von Open Access um Kommentar- und Diskussionsfunktionen erweitern. Zu jedem publizierten Fachartikel soll es eine Webseite geben, auf der sich Forscher über den Artikel austauschen können. Epijournale könnten eine Art Edelversion von Open Access werden, schreibt Gowers in seinem Blog.

Schon im April soll ein neues Fachblatt über additive Kombinatorik erscheinen. Als Mitstreiter hat Gowers unter anderem Terence Tao gewonnen, der im vergangenen Jahr einen großen Schritt zur Lösung der Goldbachschen Vermutung gemacht hat - ein bislang ungelöstes Primzahlrätsel.

Das neue Fachblatt soll für Leser wie für Autoren kostenlos sein. Zum Konzept von Tao und Gowers gehört eine enge Anbindung an die Plattform arxiv.org, auf die Physiker und Mathematiker schon seit Jahren Artikel hochladen - lange bevor sie in Fachmagazinen erscheinen. 2002 entschied sich der russische Mathematiker Gregori Perelman für arxiv.org, um seinen spektakulären Beweis der Poincaré-Vermutung zu veröffentlichen. Betreiber von arxiv.org ist die Cornell University. An den Kosten von fast einer Million Dollar pro Jahr beteiligt sich die private Simons Foundation.

Preprints und angenommene Artikel auf einer Plattform

Fachverlage sind alles andere als begeistert von diesem Prozedere, aber es erleichtert Debatten über neue Ideen. Forscher können sich gegenseitig auf Fehler hinweisen und bekommen frühzeitig mit, woran Kollegen gerade arbeiten. Zudem sind die Artikel dauerhaft archiviert und zugänglich, wenn auch als Preprints und nicht im Layout und in der endgültigen Version der jeweiligen Fachzeitschrift.

"Ein Epijournal wird eine eigene Homepage haben mit Links zu allen Artikeln, die akzeptiert wurden", erklärte Gowers gegenüber SPIEGEL ONLINE. Zu jedem angenommenen Paper werde es eine eigene Webseite auf dem Server des Journals geben. Dieser enthalte dann Links zu Preprints und dem akzeptierten Artikel. Die Paper selbst würden wahrscheinlich auf arxiv.org gespeichert sein. Diese Artikelseite könne für nicht-anonyme Kommentare genutzt werden und kurze Statements der Journalherausgeber, was an einem Paper besonders bemerkenswert ist.

Peer Review soll auch bei Epijournals Standard sein. Schließlich stellt erst die Begutachtung von Artikeln durch Forscherkollegen die hohe Qualität von Fachmagazinen sicher. Viele Wissenschaftler arbeiten schon seit Jahren als Peer Reviewer für diverse Magazine - bekommen dafür aber von den Verlagen kein Geld - es ist Teil ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Daran wird sich auch bei einem Epijournal nichts ändern.

Das Episciences Project ist nur eine von mehreren Ideen, die vor und hinter den Kulissen diskutiert werden. "Wir beobachten gerade interessante Experimente in ganz unterschiedliche Richtungen", sagt Günter Ziegler, Mathematikprofessor an der FU Berlin.

Ziegler selbst arbeitet beim Open-Access-Projekt Forum of Mathematics mit. Die beiden neuen Fachblätter "Pi" und "Sigma" sollen im Verlag Cambridge University Press erscheinen und frei zugänglich sein. Die Kosten des Verlags, darunter Textbearbeitung, Formatierung, Verschlagwortung und Online-Archivierung, müssen dann die Autoren selbst übernehmen. Sie sollen bei 600 Euro je Artikel liegen. Das ist viel Geld - im Vergleich zu einem "PLoS"-Journal aber noch günstig. Dort zahlen Autoren bis zu 2900 Dollar Gebühren für eine Publikation.

Wenn sich derartige Modelle durchsetzen, würde der Etat der Uni-Bibliotheken langfristig entlastet. Das Lesen selbst wäre kostenlos, die Kosten des wissenschaftlichen Publizierens lägen bei den Wissenschaftlern selbst und müssten in die Forschungsetats mit einkalkuliert werden. "Es wäre schon ein Fortschritt", sagt Ziegler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir haben derzeit ja kaum eine Kontrolle darüber, wer welches Geld wofür ausgibt."

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insgesamt 26 Beiträge
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1.
z_beeblebrox 25.01.2013
Zitat von sysopWem gehören die Gedanken von Wissenschaftlern? Weltweit empören sich Forscher über die teils horrenden Abo-Gebühren für Fachmagazine. Renommierte Mathematiker gehen nun neue Wege, um ihre Erkenntnisse zu veröffentlichen. Fachzeitschriften: Mathematiker proben Aufstand gegen Verlage - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/fachzeitschriften-mathematiker-proben-aufstand-gegen-verlage-a-878969.html)
In Zeiten des Internets sind solche Verlage so überflüssig wie ein Kropf - oder der berühmte Heizer auf der E-Lok.
2. Ja, aber...
lachender lemur 25.01.2013
Zitat von z_beeblebroxIn Zeiten des Internets sind solche Verlage so überflüssig wie ein Kropf - oder der berühmte Heizer auf der E-Lok.
Die entscheidende Frage ist meiner Meinung nach, wie ein qualitativ hochwertiger Review-Prozess gewährleistet werden kann - im alten wie im neuen System. Das Argument der Verlage vom Elsevier-Schlag ist ja, daß sie durch ihre Einkünfte Herausgeber bezahlen können, dioe hauptberuflich mit den Reviewern kommunizieren. Das funktioniert auch so halbwegs. Bei PLoS bezahlen die Autoren der eingereichten Artikel, nicht die Leser. So ganz ohne Geld wird es womöglich nicht gehen...
3.
Rubeanus 25.01.2013
Zitat von sysopWem gehören die Gedanken von Wissenschaftlern? Weltweit empören sich Forscher über die teils horrenden Abo-Gebühren für Fachmagazine. Renommierte Mathematiker gehen nun neue Wege, um ihre Erkenntnisse zu veröffentlichen. Fachzeitschriften: Mathematiker proben Aufstand gegen Verlage - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/fachzeitschriften-mathematiker-proben-aufstand-gegen-verlage-a-878969.html)
Ich frage mich auch, welchen Sinn und Zweck gedruckte wissenschaftliche Fachzeitschriften - nicht nur in der Mathematik - heute noch haben sollen. Es muss halt gewährleistet sein, dass auch weiterhin Qualitätssicherung stattfindet ("peer review"), aber das dürfte ja mehr eine organisatorische Frage sein.
4. Zeit wirds
schwarzeruhu 25.01.2013
Die Verlage der grossen Wissenschaftsmagazine haben lange genug dafuer kassiert, die Erkenntnisse anderer Leute zu publizieren. Die können weg!
5.
Hamberliner 25.01.2013
Zitat von sysopWem gehören die Gedanken von Wissenschaftlern? Weltweit empören sich Forscher über die teils horrenden Abo-Gebühren für Fachmagazine. Renommierte Mathematiker gehen nun neue Wege, um ihre Erkenntnisse zu veröffentlichen. Fachzeitschriften: Mathematiker proben Aufstand gegen Verlage - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/fachzeitschriften-mathematiker-proben-aufstand-gegen-verlage-a-878969.html)
Gott sei Dank. Endlich. Vorausgesetzt, Autoren wie auch Peer Reviewer müssen ihre Qualifikation unfälschbar nachweisen.
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