Öffentliche Meinung Fake News werden nicht die Wahl entscheiden

Werden Bots, Desinformation und Echokammern den Bundestagswahlkampf bestimmen? Wird Propaganda bei Facebook den Radikalen Wähler zutreiben? Ein Blick in die Forschung gibt Antworten.

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Es ist in den vergangenen Monaten viel gesprochen und geschrieben worden über Fake News, Filterblasen, Echokammern und Hassrede, über Social Bots und gezielte Leaks. In der Tat mehren sich die Belege, dass aus einer ganz bestimmten Richtung einiger Aufwand betrieben wird, um den gesellschaftlichen Diskurs in westlichen Demokratien zu beeinflussen und damit auch Wahlergebnisse .

Das bislang extremste europäische Beispiel sind die sogenannten "MacronLeaks", in denen offenbar nicht einmal ihre Verbreiter etwas Inkriminierendes gefunden hatten. Also fälschten sie stattdessen noch ein paar Dokumente, ohne Erfolg. Eine Taktik übrigens, die man auch aus anderen Zusammenhängen kennt.

Fotomontage mit Schulz und KZ-Insassen

Auch für den deutschen Informationsmarkt werden Nachrichten gefälscht. Ich hatte diese Woche das Glück, gemeinsam mit David Schraven auf einem Podium zu sitzen, dem Leiter des Recherchebüros Correctiv, das jetzt für auf Facebook verbreitete Behauptungen Fake-News-Factchecking betreiben soll.

Schraven kennt das Problem aus der Nähe und erzählte beispielsweise von der frei erfundenen, aber sogar mit gefälschten Dokumenten untermauerten Behauptung, der Vater von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sei ein SS-Mann und KZ-Kommandeur gewesen. Die Geschichte, ich habe ein bisschen recherchiert, ist schon über ein Jahr alt.

Im März 2016 tauchte sie beispielsweise in einem polnischen Blog auf, komplett mit einem aus der Wikipedia kopierten Bild eines echten SS-Mannes, der in Wahrheit aber Koch hieß, nicht Schulz. Im Januar 2017 griff dann eine deutschsprachige Rechtspropaganda-Website mit russischer Domain das Märchen auf, garniert mit einer Fotomontage mit Schulz und abgemagerten KZ-Insassen.

Diese Geschichte sei im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen gezielt in Facebook-Gruppen für Wahlkreise gestreut worden, in denen die AfD sich gute Chancen ausrechnen konnte, sagt Schraven. Teils mit Erfolg, zum Beispiel in Gegenden, wo viele Russlanddeutsche leben. Schraven hat Sorge, dass solche Methoden auch im Bundestagswahlkampf fruchten könnten.

Ein kleiner Vergleich mit den USA

Vermutlich hat er mit seiner Sorge Recht, aber ich halte die Gruppe, die so zu erreichen ist, für relativ klein. Um zu erklären, warum, ist ein kleiner Vergleich zwischen Deutschland und den USA hilfreich.

Im Kern geht es um die Frage, wie Plattformen wie Facebook die Meinungsbildung beeinflussen. Mein ehemaliger Kollege Konrad Lischka und ich haben dazu diese Woche ein 80-seitiges Arbeitspapier veröffentlicht, das Sie hier herunterladen können. Aber keine Angst, hier kommt eine Kurzfassung:

Ob algorithmisch sortierte Medieninhalte Menschen in Echokammern treiben, in denen sie nur noch lesen und sehen, was ihrer politischen Meinung entspricht, hängt zum Beispiel von der politischen Polarisierung des jeweiligen Landes ab. Die USA sind massiv polarisiert, der politische Diskurs ist vergiftet. Und das wird seit Jahrzehnten immer schlimmer - auch dank massiv parteiischer Massenmedien wie "Fox News".

Man könnte auch sagen: US-Medienkonsumenten sind mit Fake News, die primär der Festigung ihres Weltbildes dienen, schon seit vielen Jahren vertraut. Ein gewaltiger Teil der Anhänger der Republikaner bezieht seine Informationen nur von "Fox".

In Deutschland hingegen nimmt die Parteienbindung seit Jahrzehnten ab, was unter anderem mit Verhältniswahlrecht und wechselnden Koalitionen zu tun hat. Die Einzigen, die hierzulande extreme Polarisierung anstreben, sind die Hardcore-Fans von AfD und Pegida.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Um aber Geschichten wie "Hillary Clinton betreibt einen Kinderschänderring in einer Pizzeria in New York" aus dubiosen Quellen unbesehen Glauben zu schenken, ja sie selbst weiterzuverbreiten, braucht es zudem ein gewaltiges Maß Abscheu für den politischen Gegner. Ist die vorhanden, greifen auch kognitive Mechanismen wie die Bestätigungsverzerrung noch besser: Was ins Weltbild passt, wird geglaubt, was nicht passt, wird abgewertet.

Gleichzeitig lohnt ein rechtsgerichtetes bis verschwörungstheoretisches mediales Ökosystem, wie es in den USA existiert, sich eben erst so richtig, wenn man ein großes Publikum hat. Seiten, die ähnlich abgedreht sind wie "Inforwars" oder "Ending the Fed" gibt es auf Deutsch durchaus - sie sind aber Nischenpublikationen für wenige. Viel Geld ist damit nicht zu holen. Die "Nachrichten"-Seite des berüchtigten Kopp-Verlags etwa wurde aufgrund mangelnder Erlöse wieder eingestellt.

Wir sind jetzt vorbereitet

All das heißt nicht, dass es Echokammern für Menschen mit bizarren Vorstellungen nicht auch hierzulande gibt, von Chemtrails bis "Migrationswaffe". Je weiter draußen jemand in seinen Vorstellungen ist, desto schädlicher können algorithmische Sortierungen sein.

Bislang aber erreichen solche Gruppen keine wahlentscheidenden Größenordnungen. Zwar wird der eine oder andere Wähler womöglich von Propaganda dazu gebracht werden, eine bestimmte Partei zu wählen. All das aber, da bin ich mir ziemlich sicher, wird die Bundestagswahl im Herbst nicht entscheiden.

Eine offene Frage bleibt allerdings: Wenn doch irgendwann Daten über deutsche Politiker - etwa aus dem Bundestags-Hack - gezielt lanciert werden, die wirklich Belastendes enthalten, könnte das die Wahl durchaus beeinflussen. Doch auf eins sind wir jetzt vorbereitet: Die deutsche Öffentlichkeit mit gefälschten Leaks zu narren, wird nach der breiten Diskussion der letzten Monate deutlich schwieriger werden.

Bleibt also zu hoffen, dass die Wähler auf Basis dessen entscheiden werden, worum es eigentlich geht: politische Inhalte.

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insgesamt 119 Beiträge
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jojack 25.06.2017
1. Wieso immer FOX news?
Kein Artikel über die Parteilichkeit der US-Medien lässt FOX news aus. Freilich ohne zu erwähnen, dass sich die konservative Berichterstattung von FOX spiegelbildlich bei MSNBC findet, nur dass da eben einseitig positiv über die Demokraten berichtet wird. Überhaupt kann keine Rede davon sein, dass die US-Medien insgesamt einseitig wären - allenfalls leben zahlreiche Medienvertreter in einer Blase, die recht zuverlässig vom Empfinden der amerikanischen Bevölkerung abschirmt. Diese Blase gibt es auch hierzulande: die Medien sind eher links verortet, die Deutschen wählen dennoch eher konservativ.
haidor 25.06.2017
2. Unbegreiflich
Es ist mir unbegreiflich, wie die sog. Fakenews Menschen so beeinflussen können. Wenn irgendein „Skandal“ durch die sozialen Netzwerke oder Medien geht, die mein Wahlverhalten beeinflussen könnte, dann wühle ich mich durch verschiedenste Info-Quellen, um den Wahrheitsgehalt zu eruieren. Auch wenn das nicht immer gelingt, so kann man sich doch den vermeintlichen Tatsachen und Lügen nähern. Wie dumm oder dreist muss man sein, wenn man einerseits über die Lügenpresse schimpft, andrerseits aber Meldungen, die ins eigene Weltbild passen, plötzlich als wahr einstuft? Wer nie die eigene Meinung und Sichtweise hinterfragt, verschenkt die Möglichkeit sich und die Gesellschaft weiter zu entwickeln. Wer nicht differenziert und hinterfragt fällt auf die Bauernfänger rein. Und das sind nach Brexit und Trump nachgewiesenermaßen doch eine ganze Menge Wähler. Menschen scheinen einen Glauben zu brauchen, egal ob religiös oder weltlich, egal wie unglaubwürdig und unlogisch er ist. Und je schlichter im Gemüt, desto simpler die Losungen. Das ist wahrscheinlich nichts neues, wird aber durch die Digitalisierung unserer Welt plastisch sichtbar. Man muss nicht einer Meinung sein, aber die andere Meinung sollte schon auf einem Fundament ruhen, dass mich auch zum Nachdenken bringt. Aber beim Nachdenken scheinen viel überfordert zu sein. Ich habe den Eindruck, dass die Evolution bei etlichen spurlos vorüber gezogen ist. Das kann einen schon Sorge bereiten. Zumindest mir.
Tim van Beek 25.06.2017
3. Ihr Wort in Gottes Ohr
...aber ich bin da nach den Beobachtungen der letzten zwei Jahre irgendwie weniger optimistisch, denn anscheinend kann keine Behauptung, kein Betrug offensichtlich und dumm genug sein, als dass das nicht von Millionen von Menschen akzeptiert würde, wenn es nur zu ihrem Weltbild passt. Ganz so dumm wie in den USA wird es in D nicht ablaufen, also bin ich auf jeden Fall gespannt, was sich unsere Freunde von den Fake News so für uns ausdenken werden. Nicht vergessen: Für Millionen von Menschen ist anscheinend Obama ein kenianische Muslim und wird es immer bleiben, keine Chance, das noch irgendwie wieder aus den Köpfen zu bekommen.
Kerze der Freiheit 25.06.2017
4.
Fake-News, Unwahrheiten, Verkürzungen und einseitige Gewichtungen bei Kommentaren sind ein großes Problem, das auf jeden Fall von jedem Publizierenden vermieden werden sollte.
pauli96 25.06.2017
5. Sehe ich auch so
In Bezug auf die Wahlentscheidung. Aber das Problem mangelnder Identifikation mit Politik, politischen Parteien und Wahlprogrammen besteht in Deutschland zunehmend auch. Merkel ist das kleinste Übel, Schulz der Hoffnungsträger und die Mehrheit auch politisch interessierten Bürger wendet sich ab. Gut nachvollziehbar.
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