Überraschende Datierung Neandertaler-Knochen deutlich älter als angenommen

Haben Neandertaler und moderne Menschen tatsächlich über Zehntausende von Jahren Seite an Seite gelebt? Neue Untersuchungen an alten Knochen lassen Zweifel aufkommen: Der Neandertaler könnte demnach erheblich früher verschwunden sein als angenommen.

Von Thomas Wagner-Nagy

Vor 50.000 Jahren: Neandertaler starben wohl 10.000 Jahre früher aus als angenommen
DPA

Vor 50.000 Jahren: Neandertaler starben wohl 10.000 Jahre früher aus als angenommen


Hamburg - Wann starb der letzte Neandertaler? Die Frage treibt Wissenschaftler nicht zuletzt deswegen um, weil die Antwort auch wichtige Rückschlüsse auf die Geschichte des modernen Menschen liefern könnte. Eine Forschergruppe aus Europa und Australien hat fossile Knochen aus Südspanien mit modernster Technik neu untersucht und kommt zu dem Schluss: Der Neandertaler verschwand in dieser Region wohl 10.000 Jahre früher als bisher gedacht. Das berichtet das Team um Rachel Wood von der Universität Oxford

Die Iberische Halbinsel galt gemeinhin als letztes Refugium des Neandertalers, bevor er aus bis heute ungeklärten Gründen ausstarb. Die Forscher um Rachel Wood von der Oxford University untersuchten nun 215 Knochen aus zwei der elf bekannten Fundstätten in Spanien: der Halbhöhle Jarama VI in der Provinz Guadalajara in Zentralspanien und der Zafarraya-Höhle im Süden des Landes.

Sie ergänzten dabei die bewährte Radiokarbonmethode um ein Verfahren namens Ultrafiltration. So konnten die Wissenschaftler Verunreinigungen - vor allem nachträglich eingelagerte Kohlenstoffmoleküle - aus dem Kollagen der Knochen entfernen, die ihren Angaben zufolge zu einer jüngeren Datierung geführt hatten. "Bei früheren Messungen wurden die Verunreinigungen nicht sauber genug herausgefiltert", erklärt Co-Autor Thomas Higham.

Wie die Forscher Proceedings of the National Academy of Sciences schreiben, haben sie mit der neuen Methode die Überreste auf ein Alter von etwa 50.000 Jahren datiert. Das liege an oder über der Nachweisgrenze der Radiokarbonmethode. Vorherige Bestimmungen waren von etwa 36.000 Jahren ausgegangen; die Knochen galten damit als die letzten bekannten Spuren des Neandertalers. Nun aber stellt sich heraus, dass sie mindestens 10.000 Jahre älter sind als bisher angenommen.

Damit müsse womöglich auch die Geschichte des modernen Menschen umgeschrieben werden, so die Forscher. Denn zahlreiche Überreste von Neandertalern und frühen Homo sapiens legten den Schluss nahe, dass beide Menschenarten vor etwa 35.000 bis 40.000 Jahren im heutigen Spanien nebeneinander existiert haben.

Es sei daher strittig, wann genau die späten Neandertaler in der Gegend ausstarben und wie lange sich ihr Lebensraum mit dem der modernen Menschen überlappte, folgern Wood und ihre Kollegen. Dabei können sie allerdings auch nach den neuen Messungen nicht mit Sicherheit sagen, dass der Neandertaler vor 50.000 Jahren gänzlich verschwand.

Heißes Klima setzt Fossilien zu

Eine einzige Ausgrabungsstätte in der Region könnte den Gegenbeweis liefern. Proben aus der Fundstelle Cueva Antón bei Murcia sind auch nach der neuen Datierung rund 38.000 Jahre alt, die Fundstücke aber wenig aussagekräftig: Nur Kohlestücke und einige wenige Steinartefakte sind dort erhalten, Knochen hat man hingegen nicht gefunden. "Noch können wir nicht sagen, ob es sich tatsächlich um Relikte der Neandertaler handelt", sagt Higham. "Wir warten gespannt auf eine anstehende Publikation, die uns darüber aufklärt, ob tatsächlich Neandertaler oder doch schon moderne Menschen dort gelebt haben."

Auf der Iberischen Halbinsel erschwert vor allem das heiße Klima die Arbeit der Forscher. Es begünstigt nicht gerade die Konservierung organischen Materials, weshalb auch bei einem Großteil der Funde aus der Region eine genaue Datierung nicht mehr möglich ist. "Es besteht die Möglichkeit, dass Neandertaler in anderen Gegenden Europas länger überlebt haben", erklärt Wood. Hinweise auf andere Rückzugsorte, wie beispielsweise den Kaukasus, seien aufgrund früherer Radiokarbondatierungen aber ebenfalls problematisch und kritisch zu hinterfragen.

Higham hält es für "unwahrscheinlich, dass Neandertaler auf der Iberischen Halbinsel länger überlebt haben als anderswo auf dem europäischen Kontinent". Dass sich Neandertaler und moderne Menschen aber ihren Lebensraum teilten, steht für den Archäologen außer Frage: "Für andere Gegenden Europas, beispielsweise in Italien, Großbritannien und Deutschland, können wir ziemlich sicher sagen, dass unsere Verwandten dort vor etwa 40.000 Jahren ausgestorben sind, während der moderne Mensch schon vor 44.000 bis 43.000 Jahren dort auftauchte", erklärt Higham. "Die gemeinsame Zeit von etwa 4000 Jahren ist aber deutlich kürzer als bisher angenommen."

Das Überleben der späten Neandertaler im Süden der Iberischen Halbinsel spiele für Thesen zu ihrem Aussterben eine wichtige Rolle und müsse in jedem Fall neu überdacht werden, meinen die Wissenschaftler.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
abraxas63 06.02.2013
1.
Zitat von sysopDPAHaben Neandertaler und moderne Menschen tatsächlich über Zehntausende von Jahren Seite an Seite gelebt? Neue Untersuchungen an alten Knochen lassen Zweifel aufkommen: Der Neandertaler könnte demnach erheblich früher verschwunden sein als angenommen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/falsche-altersbestimmung-neandertaler-verschwand-frueher-als-gedacht-a-881640.html
Wenn sich frühere Datierungen von Neantertalern als falsch herausstellen, müsste dies dann nicht ebenso für Datierungen von Homo sapiens gelten? Schließlich waren die Methoden bislang immer dieselben. Also lebten sie vielleicht doch längere Zeit gemeinsam nebeneinander her, nur eben früher als bisher angenommen?
zdophers 06.02.2013
2. Nanana,
Zitat von abraxas63Wenn sich frühere Datierungen von Neantertalern als falsch herausstellen, müsste dies dann nicht ebenso für Datierungen von Homo sapiens gelten? Schließlich waren die Methoden bislang immer dieselben. Also lebten sie vielleicht doch längere Zeit gemeinsam nebeneinander her, nur eben früher als bisher angenommen?
wir wollen doch wohl nicht mit Logik an die ganze Sache herangehen?
bafibo 06.02.2013
3. Danke
Zitat von abraxas63Wenn sich frühere Datierungen von Neantertalern als falsch herausstellen, müsste dies dann nicht ebenso für Datierungen von Homo sapiens gelten? Schließlich waren die Methoden bislang immer dieselben. Also lebten sie vielleicht doch längere Zeit gemeinsam nebeneinander her, nur eben früher als bisher angenommen?
Dieselbe Frage stellte sich mir auch beim Lesen des Artikels. Spott über die Logik ist nicht angebracht.
BettyB. 06.02.2013
4. Das ist ein Ding...
Sollten die damals aus der Höhle ausgezogen sein ohne sich abzumelden? Vielleicht sogar ohne schon beim Umzug aususterben?
Tiananmen 06.02.2013
5.
Zitat von abraxas63Wenn sich frühere Datierungen von Neantertalern als falsch herausstellen, müsste dies dann nicht ebenso für Datierungen von Homo sapiens gelten? Schließlich waren die Methoden bislang immer dieselben. Also lebten sie vielleicht doch längere Zeit gemeinsam nebeneinander her, nur eben früher als bisher angenommen?
Wenn ich den Abstract richtig verstanden habe wurden nur Knochen untersucht, die dem Moustérien zugeordnet wurden. Also keine Knochen des modernen Menschen. Vielleicht waren aus den vergleichbaren Fundstellen keine verfügbar.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.