Falsche Erinnerungen Das Leben - eine einzige Erfindung

Von Marion Rollin

2. Teil


BLACK-OUTS, Verwechslungen und verzerrte Erinnerungen - was Menschen häufig besorgt an sich selbst wahrnehmen, ist letztlich oft ein Segen. "Unser ganzes Leben ist eine Erfindung", so spitzt Harald Welzer es zu, S-zialpsychologe und Leiter der Gruppe "Erinnerung und Gedächtnis" am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. "Es gehört zur menschlichen Normalität, sich falsch zu erinnern. Das korrekte Erinnern ist das Anomale." Zwar forme das Gedächtnis das Ich, Erinnerung bilde sich aber erst in der Gemeinschaft, in der Kommunikation mit anderen heraus. Welzer spricht vom "kommunikativen Gedächtnis". Ein Ereignis sei nicht das, was passiert sei, sondern das, was erzählt werden könne.

Deutlich zeigt sich dies in Erinnerungsgemeinschaften, etwa bei Menschen, die sich über ihre Kriegserfahrungen austauschen. Die zunächst individuellen Berichte werden sich oft von Treffen zu Treffen immer ähnlicher, bis sie schließlich in eine kollektive Erinnerung münden.

Dieses Phänomen brach sich Bahn anlässlich eines Vortrags des Koblenzer Historikers Helmut Schnatz über den schweren Bombenangriff auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945. Unter den Zuhörern waren viele ältere Dresdner, die sich daran erin-nerten, wie britische Tiefflieger sie gejagt hätten, während sie vor den Flammen durch die Straßen flüchteten. Mehrere Teilnehmer sagten, sie hätten sie noch genau vor Augen, "die silbrig schimmernden Mustangjäger".

Doch Schnatz konnte belegen, dass dies unmöglich geschehen sein konnte, weil der durch den Bombenangriff erzeugte gewal-tige Feuersturm jeden Tiefflug unmöglich gemacht hatte. Auch hatte eine Auswertung britischer Flugeinsatzpläne und Logbücher keinen Beleg für eine solche Menschenhatz geliefert. Die Zuhörer waren empört. "Ich protestiere dagegen", rief ein alter Mann, "dass fremde Historiker, die gar nicht in Dresden zu Hause sind, über unsere Heimatstadt schreiben dürfen." Hundertfacher Applaus.

Bei der Erinnerung an traumatische Erlebnisse ist das Gedächtnis besonders unzuver-lässig: Erfahrungen wie die Dresdner Bombennacht können - ähnlich wie die einer Vergewaltigung - extremen Stress und damit zusammenhängende biochemische Prozesse im Gehirn auslösen, die eine Speicherung von Erinne-rungen empfindlich stören. Nur noch Fragmente des ursprüng-lichen Ereignisses gelangen dann ins Langzeitgedächtnis. Um verstehbare Zusammenhänge bemüht, übernimmt das Gedächtnis dann die kreative Aufgabe, die Lücken zu schließen. Welzer vermutet, dass Erinnerungen an emotional belastende Situationen deutlich mehr hinzugedichtete Episoden enthalten als solche an "normale" Ereignisse.

WIE UNBEKÜMMERT das Gedächtnis auf "seinen" persönlichen Erinnerungen besteht und diese auch gegen bessere Einsichten verteidigt, zeigte sich bei Reaktionen auf die Wehrmachtsausstellung in den 1990er Jahren. Von 1433 gezeigten Fotos hatten zwar zwei Fotos falsche Unterschriften, 20 weitere missverständliche, doch alle anderen waren korrekt und dokumentierten erstmals die furchtbaren Verbrechen, an denen sich auch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg beteiligt hatte. Damals war der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt ein junger Oberleutnant. Nach gut 50 Jahren, während eines "Zeit"-Forums, wandte er sich wütend an den Historiker und Ausstellungsmacher Hannes Heer: "Sie müssen anerkennen, dass andere Leute anderes erlebt haben, als was Sie aus Ihren Dokumenten generell herauslesen."

Das Gedächtnis lässt sich nur schwer überzeugen. Der Schriftsteller Martin Walser hat dieses Dilemma in seinem viel diskutierten Vortrag "Über Deutschland reden" thematisiert. Er habe das Gefühl, sagte Walser, er könne mit seiner unbeschwerten Erinnerung an seine Kindheit im nationalsozialistischen Deutschland nicht nach Belieben umgehen: "Es ist mir nicht möglich, meine Erinnerung mithilfe eines inzwischen erworbenen Wissens zu belehren." Ein ihm bekannter Ortsgruppenleiter etwa erscheine noch immer als der, der er schon damals für ihn gewesen sei: ein "hilflos bayrisch-fränkisch quakender Mann in einer schreiend gelbbraunen Uniform, die nirgends hingehörte, nicht in die Gegend und nicht in die Jahreszeit".

Dem Gedächtnis, dem intimsten Gefährten des Menschen, lassen sich keine Zügel anlegen; seine Einfälle sind unberechenbar. Viele Erinnerungen, wie die von Walser, sind zwar authentisch, zeigen aber nur einen sehr beschränkten Ausschnitt der Realität. Daneben gibt es Erinnerungen, die der Realität sehr nahe kommen, aber alles andere als authentisch sind.

Das belegt der Fall Binjamin Wilkomirski. Sein Buch "Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1938 - 1945" erzählt davon, wie der kleine Binjamin die Lager von Majdanek und Auschwitz überlebt, dann in die Schweiz kommt, eine neue Identität erhält und von Menschen adoptiert wird, die alles daran setzen, seine furcht-baren Erinnerungen an die Zeit in den Lagern auszulöschen.

Das Buch wurde mit emphatischen Rezensionen gefeiert. Dann stellte sich heraus, dass Wilkomirski in Wahrheit Bruno Dössekker heißt, 1941 unehelich geboren und nach mehreren Heimaufenthalten von einer Züricher Familie adoptiert wurde. Den Holocaust kannte er nur aus zweiter Hand: Jahrelang hatte er sich in Literatur, Filme und Zeugenaussagen vertieft und allmählich jene Opfer-Identität angenommen, an die er selbst, daran besteht kein Zweifel, fest glaubte. Dössekkers "Erinnerungen" waren so realitätsnah, dass sie von KZ-Überlebenden, die jahrzehntelang sprachlos geblieben waren, als ein Durchbruch zu ihren Erinnerungen erlebt wurden.

Dürfen Historiker angesichts der trügerischen Auskünfte unseres Gedächtnisses überhaupt noch auf Zeitzeugen zählen? "Das Gedächtnis arbeitet nicht für Historiker", sagt Johannes Fried, "es dient dem Leben, und dieses bedarf fließender Anpassungen." Der renommierte Mediävist der Universität Frankfurt am Main provoziert seine Fachkollegen mit der Forderung, sie sollten sich mit der Neurobiologie des Gedächtnisses beschäftigen, um die Aussagen von Zeitzeugen besser einschätzen zu können. In seinem Buch "Der Schleier der Erinnerung" hat Fried beeindruckende Fallbeispiele für Irrtümer der Geschichtsschreibung zusammengetragen. "Jede Wirklichkeit ist damit Deutung und Konstrukt, ist stets Erinnerung und keine Wahrnehmung", resümiert er.

IRREN IST MENSCHLICH - schon bei viel kleineren Ereignissen. Etwa bei einem Experiment auf einem Universitäts-Gelände: Versuchsleiter hatten einen Campus-Plan in der Hand und fragten Passanten, wie sie zu einem bestimmten Gebäude gelangen könnten. Unerwartet bahnten sich zwei Männer mit einer Tür ihren Weg genau zwischen den beiden Gesprächspartnern hindurch. Diesen Moment nutzten die Forscher, um die Fragenden auszutauschen. In mehr als der Hälfte der Fälle erkannten die Befragten den Wechsel nicht. Erstaunt darüber, wurden die Forscher immer kühner, tauschten Männer gegen Frauen, Junge gegen Ältere aus.

Um mit Alltagssituationen effektiv umgehen zu können, so die Erklärung, benutzen Menschen bewährte Skripte; im geschilderten Fall lautete es: "Wenn mich jemand fragt, antworte ich auch demselben Menschen." Ein Austausch der Person ist nicht vorgesehen.

Ähnliches kann auch bei Tatzeugen passieren, deren Aussagen vor Gericht nach wie vor als wichtigstes Beweismittel gelten. Kriminalgeschichte gemacht hat der Fall Kirk Bloodsworth: Der Seemann wurde 1985 in den USA für schuldig befunden, ein neunjähriges Mädchen vergewaltigt und ermordet zu haben. Fünf Zeugen gaben übereinstimmend an, in ihm den Mann wiedererkannt zu haben, den sie zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts gesehen hatten. Er wurde daraufhin zum Tode und später zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt. Erst 1993 bewies eine DNA-Analyse, dass Bloods-worth nicht der Täter gewesen sein konnte. Einer US-amerikanischen Studie zufolge beruhen 90 Prozent aller Justizirrtümer in den USA auf falschen Zeugenaussagen.

"Als Zeuge ist der Mensch eine Fehlkonstruktion", bestätigt der Strafrechtler Thomas Rönnau von der Bucerius Law School in Hamburg. Horst Herold, einst Präsident des Bundeskriminalamtes, habe den Zeugenbeweis sogar ganz aus dem Strafverfahren verbannen wollen. Nur noch der Sach-beweis sollte gelten. Die unbewussten Irr-tümer, die Erinnerungsfehler, seien das eigentliche Problem für die Justiz, sagt Rönnau, nicht die bewussten Lügen, die man viel eher entlarven könne. Die Vereidigung von Zeugen ist deshalb heute die absolute Ausnahme. Man wolle sie nicht in die Strafbarkeit treiben, heißt es dazu.



Forum - Das kreative Gedächtnis - manipulierte Erinnerungen?
insgesamt 220 Beiträge
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Seite 1
Joachim Baum 27.10.2006
1.
---Zitat von sysop--- Erinnerungen sind kein Logbuch unseres Lebens, sagen Forscher. An immer neuen Beispielen zeigen sie, wie unser Gehirn verzerrt, manipuliert, gar falsche Erinnerungen erzeugt. Können wir unserem Gedächtnis vertrauen? ---Zitatende--- Möglicherweise hat das ein ehemaliger Bundeskanzler schon geahnt und deshalb seine Erinnerungen so ratzfatz auf den Markt gebracht ;-)
Rainer Helmbrecht 27.10.2006
2.
---Zitat von Joachim Baum--- Möglicherweise hat das ein ehemaliger Bundeskanzler schon geahnt und deshalb seine Erinnerungen so ratzfatz auf den Markt gebracht ;-) ---Zitatende--- Sie kamen mir zuvor;o).
Klo, 27.10.2006
3.
---Zitat von Rainer Helmbrecht--- Sie kamen mir zuvor;o). ---Zitatende--- Mir auch! Aber ob sie dadurch wahrer werden, die Erinnerungen? Das Klo.
Palmstroem, 27.10.2006
4. Was ist Wahrheit?
---Zitat von Klo--- Mir auch! Aber ob sie dadurch wahrer werden, die Erinnerungen? Das Klo. ---Zitatende--- Da müßte man "Wahrheit" erst mal definieren. Da jeder Ich-manipulierte Erinnerungen besitzt, gibt es die "Wahrheit" nicht. Schon unsere Wahrnehmung ist vom Gehirn manipuliert. Ich weiß, daß ich mich belüge, aber auch, dass sie nicht die Wahrheit kennen und Gerd Schröder mich auch belogen hat!
Michael Giertz, 28.10.2006
5.
---Zitat von sysop--- Erinnerungen sind kein Logbuch unseres Lebens, sagen Forscher. An immer neuen Beispielen zeigen sie, wie unser Gehirn verzerrt, manipuliert, gar falsche Erinnerungen erzeugt. Können wir unserem Gedächtnis vertrauen? ---Zitatende--- Okay, laut dem Artikel wissen wir nun, das Spock also eine verkalkte Amygdala hat und deswegen logisch stur wie ein Computer arbeitet ;) Aber nun mal etwas ernsthafter: Das Gehirn ist eben DOCH kein Computer. In einem anderen Forum, in dem es um die Schaffung eines neuen Riesenrechners für eine KI ging, habe ich geklärt gehabt, dass man prinzipiell keinen Computer schaffen könnte, der tatsächlich das menschliche Gehirn 100% kopieren könnte. Das hier wäre so ein Beispiel, wieso die Kopie nicht ans Original heranreichen würde. Denn ein Computer kennt keine Emotionen. Selbst in 100 Jahren, wenn die Technik, Computer zu konstruieren eine ganz andere wäre, der Quantencomputer als Nachfolger des Halbleiterbasierten Computer schon wieder abgelöst wäre, könnte man keinen Computer schaffen, der eben ein Gehirn 1:1 nachbildet - denn es fehlen z.B. die chemischen Botenstoffe, die "Hormone" sozusagen. Es ist nämlich bis heute nicht geklärt, WIE Emotionen vom Gehirn geschaffen werden. Man kann vielleicht Wut, Trauer oder Liebe "simulieren", aber die Grundlage, WIE diese Emotionen entstehen, die kennt ja doch keiner. Nu bin ich aber schön abgeschweift, denn ich wollte beweisen, dass das Gehirn KEIN Computer ist. Beispielsweise ist das Gedächtnis viel komplexer als der "RAM" im Computer. Letzterer speichert nur das, was gerade benötigt wird für die nächsten paar Millisekunden, bevor es entweder abgerufen und gelöscht oder neu geschrieben wird. Damit wäre der RAM bestenfalls mit unserem Kurzzeitgedächtnis zu vergleichen. Wäre also dann die Festplatte im Rechner sowas wie unser Langzeitgedächtnis? Weit gefehlt: Der Inhalt der Platte ändert, rekombiniert oder assoziiert nicht von allein, Dinge, die im Langzeitgedächtnis aber ständig passieren. Die Größe unseres Langzeitgedächtnis kann daher auch nicht in "Terabyte" o.ä. angegeben werden, WEIL eben die Struktur völlig anders ist und Informationen nicht unbedingt getrennt voneinander lagern. Wenn aber unser Gedächtnis ständig assoziiert, ändern usw ist es auch manipulierbar, wie der Artikel wunderbar darlegt. So gesehen ist es durchaus möglich, über diesen Ansatz traumatisierten Patienten zu helfen, in dem man ihre traumatisierenden Erinnerungen kurzerhand "ändert" - eben mit implantierten Erinnerungen. So könnte man beispielsweise Vergewaltigungsopfern helfen. Allerdings gibts auch Gefahren: Man kann so Menschen als "Datenspeicher" für geheime Informationen missbrauchen, in dem man ihnen gezielt Erinnerungen implantiert, die stellvertretend für ein bestimmtes Wort oder eine Zahl stehen. Allerdings hoffe ich, dass die Ethik so etwas verbietet.
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