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Falsche Erinnerungen: Das Leben - eine einzige Erfindung

Von Marion Rollin

Das Gedächtnis selektiert und verzerrt wichtige Ereignisse. Forscher können gar falsche Erinnerungen erzeugen - etwa an Ballonfahrten, die nie stattgefunden haben. Was nach einem Fehler der Evolution klingt, ermöglicht uns erst, im Alltag zurechtzukommen.

Auf irgendeine geheimnisvolle Weise musste sich der alte Mann mit der Brille, dem blauen Flanellhemd und einem Kranz grauer Haare auf dem Kopf in das Gedächtnis von Chris Coan eingeschlichen haben. Lebhaft schildert der 14-Jährige, wie er im Alter von fünf Jahren in einer Einkaufspassage verloren gegangen ist und wie seine Mutter ihn später in Begleitung des Mannes wiedergefunden hat. "Ich hatte schreckliche Angst", erinnert sich der junge Amerikaner: "Ich hab gedacht, jetzt sehe ich meine Familie nie wieder."

Ins Gedächtnis montiert: Psychologen erzeugen falsche Erinnerungen an Ballonfahrten, die nie stattgefunden haben
DPA

Ins Gedächtnis montiert: Psychologen erzeugen falsche Erinnerungen an Ballonfahrten, die nie stattgefunden haben

Tatsächlich war Chris nie verloren gegangen. Mit einem Trick hatte die Psychologin Elizabeth Loftus von der University of Washington in Seattle ihm die Erinnerung "eingepflanzt": Die Wissenschaftlerin hatte seinen älteren Bruder Jim gebeten, Chris drei wahre Geschichten aus dessen Kindheit zu beschreiben - und eine erfundene. Chris eignete sich auch diese Geschichte an und schmückte sie sogar aus. Als der Bruder ihn nach einigen Wochen aufklärte, konnte Chris es nicht glauben: "Ich erinnere mich doch genau, wie ich geweint habe und wie Mom auf mich zukam und sagte: Mach das nie wieder!"

Gedächtnisforscher sprechen bei solchen Vorgängen von "implantierter Erinnerung". Eine derart manipulierte Episode ist von tatsächlich erlebten Ereignissen subjektiv nicht mehr zu unterscheiden. Was Chris widerfuhr, ist nicht ungewöhnlich: Das autobiografische Gedächtnis des Menschen, in dem er die Erinnerung an Personen, Erlebnisse und Gefühle aufbewahrt, arbeitet höchst unzuverlässig.

Noch leichter als durch erzählte Geschichten lässt sich die Erinnerung durch Bilder manipulieren. Die Psychologin Loftus zeigte Probanden Fotos, auf denen sie sich als Kind zusammen mit einem Verwandten in einem Heißluftballon schweben sahen. Die Hälfte der Befragten erinnerte sich später genau an die auf-regende Ballonfahrt. Doch auch die hatte niemals stattgefunden. Loftus hatte die Kinderfotos der Probanden ohne deren Wissen in Fotos von einem Ballonflug hineinmontiert. Durch Bilder lassen sich Erinnerungen besonders leicht durcheinanderbringen, weil sich die für das Visuelle zuständigen Verarbeitungssysteme im Gehirn mit jenen überlappen, die bei Fantasien aktiv werden.

DIE VERWIRRENDE ERKENNTNIS, dass das Gedächtnis keineswegs ein Archiv ist, das pendantisch die Vergangenheit speichert, beschäftigt Neurobiologen, Psychologen und Sozialwissenschaftler inzwischen weltweit. Noch vor 20 Jahren hielt man das Gedächtnis für eine Art Computer, der unbestechlich aufzeichnet, was faktisch geschehen ist.

Dass dies ein Irrtum war, hatte und hat ungeahnte Folgen, etwa bei Kindesmissbrauchs-Pro-zessen. Die renommierte, aber auch um-strittene Gutachterin Loftus legt immer neue Studien vor, um Richtern zu zeigen, wie wenig Verlass auf das Gedächtnis ist. Wie wenig man den Aussagen von Missbrauchs-Opfern unkritisch Glauben schenken könne, wenn sie sich erst nach Jahrzehnten an die Gewalttat erinnern. Loftus vertritt die Seite der Angeklagten; eine heikle Position.

Doch auch wenn der Streit in der "False Memory"-Debatte kaum lösbar ist - die Studien, die er anstieß, haben die Gedächtnis-Forschung ein gutes Stück vorangebracht. "Eines sollten wir uns klar machen", sagt Loftus, "unser Gedächtnis wird jeden Tag neu geboren."

Die Kapriolen, die es schlägt, sind höchst verblüffend. Ein dras-tisches Beispiel dafür lieferte unfreiwillig der US-Gedächtnis-forscher Donald Thompson. Er wurde von einem Vergewaltigungsopfer akribisch genau als Täter beschrieben und wiedererkannt. Zu seinem Glück hatte Thompson ein zweifelsfreies Alibi: Zur Zeit des Verbrechens war er live im Fernsehen zu sehen, wo er ein Interview zum Thema Gedächtnisverzerrung gab.

Das Vergewaltigungsopfer hatte zufällig unmittelbar vor der Gewalttat gerade diese Sendung gesehen und dann eine "Fehlattributierung" vorgenommen: Für die Frau sah der Täter wie der Professor aus.

DAS TRÜGERISCHE GEDÄCHTNIS - ein Versehen der Schöpfung? Wohl eher ein geglückter Coup der Evolution. "Das autobiografische Gedächtnis hat wenig mit der Vergangenheit zu tun, es ist vielmehr dafür da, dass wir uns in der Gegenwart und in der Zukunft orientieren können", sagt Hans Markowitsch, Professor für Physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld. Im autobiografischen Gedächtnis lagert die persönliche, subjektiv erlebte Lebensgeschichte. Es ist das komplexeste der Erinnerungssysteme und zugleich dasjenige, das bei Kindern als letztes entsteht, im Alter von etwa drei Jahren, wenn ein Kind eine Vorstellung von seinem Selbst zu entwickeln beginnt. Dass Schimpansen und Menschen, die 99 Prozent des genetischen Codes gemeinsam haben, dennoch grundverschieden sind, liege vor allem am autobiografischen Gedächtnis, sagt Markowitsch. Nur der Mensch kann sich an seine Biografie bewusst erinnern, nur er weiß, wie er eine bestimmte Situation erlebt und wie er sich dabei gefühlt hat.

Die Erinnerungen an die Lebensgeschichte prägen die Persönlichkeit, formen die Identität. Doch nicht etwa die objektiven Lebensdaten spielen dabei die Hauptrolle, sondern Gefühle. Sie sind es, die filtern, was im Langzeitspeicher landet und was gelöscht wird. "Gefühle", sagt Markowitsch, "sind die Wächter unserer Erinnerung."

Wäre das nicht so, würde der Mensch von Informationen geradezu überflutet. So aber ge-langen die Eindrücke aus dem Kurzzeitgedächtnis zunächst ins limbische System. Dort wird deren emotionaler Gehalt bewertet. Nur was als bedeutsam eingeschätzt wird, erreicht die Großhirnrinde, wo Eindrücke als Erinnerungsbild, als "Engramm", abgelegt werden. Wer das autobiografische Gedächtnis trainieren will, müsse, so Markowitsch, "ein Ereignis emotionalisieren - eine Bewertung vornehmen und sich fragen: Wie fühle ich mich gerade?" Wahrscheinlich erinnere man sich selten an das Ereignis selbst, sondern an die Gefühle, die man einst damit verband.

Wie wichtig Gefühle für die Erinnerung sind, wird besonders dann deutlich, wenn sie fehlen. Markowitsch berichtet von einer Patientengruppe, die an dem sehr seltenen Urbach-Wiethe-Syndrom leidet, einer Stoffwechselstörung mit neurologischen Ausfällen, bei der sich Kalk in den Gefäßen der Amygdala, des Mandelkerns, ablagert und dadurch das Gefühlszentrum des Gehirns lahm legt. Diesen Patienten erzählten die Forscher eine Geschichte von einer Frau, die in einem schwarz-gelb geblümten Kleid einen Raum betritt, in dem sie nach einiger Zeit von einem Mann hinterrücks erstochen wird.

Später konnten viele der Patienten zwar ausführlich berichten, was die Frau trug, den Mord aber hatten sie vergessen. "Sie sind nicht mehr in der Lage, eingehende Reize emotional adä-quat zu bewerten", erklärt Markowitsch. Weil ihre Gefühlswelt verarmt ist, vermochten sie die Wertigkeit von Kleiderfarbe und Mord nicht zu unterscheiden. Banales wird behalten, Bedeut-sames gelöscht.

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Forum - Das kreative Gedächtnis - manipulierte Erinnerungen?
insgesamt 220 Beiträge
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1.
Joachim Baum 27.10.2006
---Zitat von sysop--- Erinnerungen sind kein Logbuch unseres Lebens, sagen Forscher. An immer neuen Beispielen zeigen sie, wie unser Gehirn verzerrt, manipuliert, gar falsche Erinnerungen erzeugt. Können wir unserem Gedächtnis vertrauen? ---Zitatende--- Möglicherweise hat das ein ehemaliger Bundeskanzler schon geahnt und deshalb seine Erinnerungen so ratzfatz auf den Markt gebracht ;-)
2.
Rainer Helmbrecht 27.10.2006
---Zitat von Joachim Baum--- Möglicherweise hat das ein ehemaliger Bundeskanzler schon geahnt und deshalb seine Erinnerungen so ratzfatz auf den Markt gebracht ;-) ---Zitatende--- Sie kamen mir zuvor;o).
3.
Klo, 27.10.2006
---Zitat von Rainer Helmbrecht--- Sie kamen mir zuvor;o). ---Zitatende--- Mir auch! Aber ob sie dadurch wahrer werden, die Erinnerungen? Das Klo.
4. Was ist Wahrheit?
Palmstroem, 27.10.2006
---Zitat von Klo--- Mir auch! Aber ob sie dadurch wahrer werden, die Erinnerungen? Das Klo. ---Zitatende--- Da müßte man "Wahrheit" erst mal definieren. Da jeder Ich-manipulierte Erinnerungen besitzt, gibt es die "Wahrheit" nicht. Schon unsere Wahrnehmung ist vom Gehirn manipuliert. Ich weiß, daß ich mich belüge, aber auch, dass sie nicht die Wahrheit kennen und Gerd Schröder mich auch belogen hat!
5.
Michael Giertz, 28.10.2006
---Zitat von sysop--- Erinnerungen sind kein Logbuch unseres Lebens, sagen Forscher. An immer neuen Beispielen zeigen sie, wie unser Gehirn verzerrt, manipuliert, gar falsche Erinnerungen erzeugt. Können wir unserem Gedächtnis vertrauen? ---Zitatende--- Okay, laut dem Artikel wissen wir nun, das Spock also eine verkalkte Amygdala hat und deswegen logisch stur wie ein Computer arbeitet ;) Aber nun mal etwas ernsthafter: Das Gehirn ist eben DOCH kein Computer. In einem anderen Forum, in dem es um die Schaffung eines neuen Riesenrechners für eine KI ging, habe ich geklärt gehabt, dass man prinzipiell keinen Computer schaffen könnte, der tatsächlich das menschliche Gehirn 100% kopieren könnte. Das hier wäre so ein Beispiel, wieso die Kopie nicht ans Original heranreichen würde. Denn ein Computer kennt keine Emotionen. Selbst in 100 Jahren, wenn die Technik, Computer zu konstruieren eine ganz andere wäre, der Quantencomputer als Nachfolger des Halbleiterbasierten Computer schon wieder abgelöst wäre, könnte man keinen Computer schaffen, der eben ein Gehirn 1:1 nachbildet - denn es fehlen z.B. die chemischen Botenstoffe, die "Hormone" sozusagen. Es ist nämlich bis heute nicht geklärt, WIE Emotionen vom Gehirn geschaffen werden. Man kann vielleicht Wut, Trauer oder Liebe "simulieren", aber die Grundlage, WIE diese Emotionen entstehen, die kennt ja doch keiner. Nu bin ich aber schön abgeschweift, denn ich wollte beweisen, dass das Gehirn KEIN Computer ist. Beispielsweise ist das Gedächtnis viel komplexer als der "RAM" im Computer. Letzterer speichert nur das, was gerade benötigt wird für die nächsten paar Millisekunden, bevor es entweder abgerufen und gelöscht oder neu geschrieben wird. Damit wäre der RAM bestenfalls mit unserem Kurzzeitgedächtnis zu vergleichen. Wäre also dann die Festplatte im Rechner sowas wie unser Langzeitgedächtnis? Weit gefehlt: Der Inhalt der Platte ändert, rekombiniert oder assoziiert nicht von allein, Dinge, die im Langzeitgedächtnis aber ständig passieren. Die Größe unseres Langzeitgedächtnis kann daher auch nicht in "Terabyte" o.ä. angegeben werden, WEIL eben die Struktur völlig anders ist und Informationen nicht unbedingt getrennt voneinander lagern. Wenn aber unser Gedächtnis ständig assoziiert, ändern usw ist es auch manipulierbar, wie der Artikel wunderbar darlegt. So gesehen ist es durchaus möglich, über diesen Ansatz traumatisierten Patienten zu helfen, in dem man ihre traumatisierenden Erinnerungen kurzerhand "ändert" - eben mit implantierten Erinnerungen. So könnte man beispielsweise Vergewaltigungsopfern helfen. Allerdings gibts auch Gefahren: Man kann so Menschen als "Datenspeicher" für geheime Informationen missbrauchen, in dem man ihnen gezielt Erinnerungen implantiert, die stellvertretend für ein bestimmtes Wort oder eine Zahl stehen. Allerdings hoffe ich, dass die Ethik so etwas verbietet.
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