Falsche Silben: Babys überflügeln Erwachsene beim Regel-Lernen

Wenn Kleinkinder sprechen lernen, dann passiert das normalerweise in beeindruckendem Tempo. Deutsche Forscherinnen haben nun herausgefunden, dass die Babys Grundbausteine der Sprache schneller erkennen als Erwachsene.

Messung der Hirnströme eines Babys (Archivbild): "le-wi-to" statt "le-wi-bu" Zur Großansicht
dapd/ MPI/ CBS

Messung der Hirnströme eines Babys (Archivbild): "le-wi-to" statt "le-wi-bu"

Leipzig/Washington - Irgendwann ist es da, das erste Wort. Die Sprachentwicklung bei Kindern passiert normalerweise mit großer Geschwindigkeit - auch lange Zeit bevor die Kleinen selbst sprechen. So ist bekannt, dass Säuglinge schon sehr früh die Grammatikregeln einer Sprache lernen können - selbst wenn sie diese noch gar nicht beherrschen.

Nun zeigt sich: Die Kleinkinder erkennen sogar besser als Erwachsene, welchen Regeln gesprochene Sprache folgt. Schon im Alter von drei Monaten lernen sie schnell, welche Silben zusammengehören und welche nicht.

Wissenschaftlerinnen vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig hatten Babys und Erwachsenen Silben vorgespielt, die immer in bestimmter Abfolge miteinander verknüpft waren. Dann mischten sie auch einige abweichend zusammengesetzte Silbenfolgen darunter - und verletzten so die unausgesprochene Sprachregel.

"Die Gehirnreaktion der Kinder zeigte uns, dass sie diese Verletzungen erkannten, also die Regel automatisch extrahiert hatten", erklärt Erstautorin Jutta Mueller. Den erwachsenen Probanden sei dies hingegen nicht gelungen. Selbst als sie aufgefordert wurden, gezielt nach Regeln in dieser Fantasiesprache zu suchen, schafften dies nur einige, wie die Forscherinnen im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten.

Falsche Silben, hohe Töne

Für ihre Studie hatten die Forscherinnen 65 drei Monate alten Säuglingen jeweils 20 Minuten lang verschiedene Silbenkombinationen vorgespielt. In diesen dreisilbigen Kunstworten war die Einstiegssilbe "le" immer mit der Endsilbe "bu" kombiniert und die Anfangssilbe "fi" mit "to" als Endsilbe.

"Solche Abhängigkeiten zwischen nicht benachbarten Silben bilden einen der Grundbausteine menschlicher Sprache und finden sich bei vielen grammatikalischen Regeln", erklärt Mueller. Von Zeit zu Zeit trat in dem Sprachstrom aber eine Silbe in der falschen Kombination auf, beispielsweise "le-wi-to" statt des richtigen "le-wi-bu". Damit wurde die Regel verletzt.

Zusätzlich wurde ab und zu auch eine Silbe in einer höheren Tonlage gesprochen. Die Hirnstrommessungen zeigten, dass nur die 32 Babys, die auf diese Tonhöhenunterschiede mit einer Abweichung in den Kurven des Elektroenzephalogramms (EEG) reagierten, auch die Regelabweichung erkannten.

Die 33 Säuglinge, deren Gehirn dazu noch nicht in der Lage war, reagierten dagegen überhaupt nicht auf die abweichenden Silben. Wie die Forscherinnen berichten, gab es einen ähnlichen Zusammenhang auch bei den 36 Erwachsenen, die den gleichen Test absolvierten: Die 10 Teilnehmer, die nach Aufforderung die Regel entdeckten, reagierten ebenfalls im EEG stärker auf Tonhöhenabweichungen als die 26, die die Regel gar nicht identifizieren konnten.

Lernen durch bloßes Zuhören

"Die Fähigkeit, die ungeschriebenen Regeln der Sprache zu verstehen, entwickelt sich bereits in frühester Kindheit", schreiben Mueller und ihre Kolleginnen. Auch wenn Säuglinge im ersten Lebensjahr noch nicht selbst sprechen, lernen sie komplexe Sprachmuster quasi automatisch schon durch bloßes Zuhören. Bei Erwachsenen sei diese Fähigkeit zur automatischen Regelerkennung offenbar verlorengegangen - deshalb falle ihnen auch das Sprachenlernen viel schwerer als Kindern.

Die Studie ergab aber auch, dass die automatische Regelerkennung erst dann funktioniert, wenn das Gehirn eine bestimmte Reifestufe beim Verarbeiten von Lauten erreicht hat: Nur die Babys, deren Gehirn auch schon auf abweichende Tonhöhen in der Sprachfolge reagierte, bemerkten auch die falschen Silbenkombinationen.

"Dass wir eine so enge Abhängigkeit zwischen der Verarbeitung von Tonhöhenunterschieden und Sprachlernprozessen zeigen konnten, ist spannend", sagt Mueller. Zurzeit untersuchen die Forscherinnen in einer Folgestudie mit derselben Kindergruppe, ob die Babys, die die Tonhöhen im Alter von drei Monaten noch nicht registrierten konnten, diese Verzögerung später wieder einholen oder ob sich dieser Rückstand auch langfristig auf ihre Sprachentwicklung auswirkt.

chs/dapd

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insgesamt 26 Beiträge
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1.
sailor60 11.09.2012
1. Wen überascht das? 2. Was stelle ich mit dieser bahnbrechenden Erkenntniss an? Immerhin - es waren nicht irgendwelche Forscherinnen: Nein, es waren deutsche Forscherinnen. Die einzige Entschuldigung für so etwas ist die Tatsache, dass jede These mal bestätigt sein will.
2. Typisch
Jabba56 11.09.2012
Zitat von sailor601. Wen überascht das? 2. Was stelle ich mit dieser bahnbrechenden Erkenntniss an? Immerhin - es waren nicht irgendwelche Forscherinnen: Nein, es waren deutsche Forscherinnen. Die einzige Entschuldigung für so etwas ist die Tatsache, dass jede These mal bestätigt sein will.
Da haben wir wiedermal einen typischen Wissenschaftsmuffel. Es gibt doch immer wieder Ignoranten ohne Fantasie, denen jede wissenschaftliche Erkenntnis ein Greuel ist, wenn sie nicht sofort in die Teflonpfanne eingebaut werden kann. "Weil, dat kost ja allet unser Jeld!" Zu 1. Es heißt 'überrascht'. Und es ist schon eine beeindruckende Erkenntnis zur kindlichen Entwicklung. Hätten Sie bis zu Ende gelesen, dann hätten Sie gesehen, daß es auch um unterschiedliche Entwicklungsstände geht und Rückstände, die aufgeholt werden oder nicht. Zu 2. Das ist ein Schritt dahin, den Mechanismus des Sprachenlernens zu erforschen und vielleicht bei Erwachsenen zu beschleunigen, zu verbessern. Ebenso den oben erwähnten Kindern, bei denen es Rückstände gibt, zu 'normalem' Entwicklungsstand zu verhelfen.
3. Dummkopf
misako 11.09.2012
Zitat von sailor601. Wen überascht das? 2. Was stelle ich mit dieser bahnbrechenden Erkenntniss an? Immerhin - es waren nicht irgendwelche Forscherinnen: Nein, es waren deutsche Forscherinnen. Die einzige Entschuldigung für so etwas ist die Tatsache, dass jede These mal bestätigt sein will.
1. Forschung ist meistens hypothesengeleitet, daher ist eine "Ueberrschung" nicht das Ziel. 2. Denken Sie lieber nicht darueber nach, was mit den Ergebnisses "angestellt" werden kann. Sie haben ja schon genug fuer die Woche geleistet! Sie waren kuerzlich schon vor dem Abgrund und versuchen jetzt ploetzlich mit zwei Fragen einen grossen Schritt nach Vorne zu machen....
4. Ganz meine Meinung ...
quark@mailinator.com 11.09.2012
Zitat von sailor601. Wen überascht das? 2. Was stelle ich mit dieser bahnbrechenden Erkenntniss an? Immerhin - es waren nicht irgendwelche Forscherinnen: Nein, es waren deutsche Forscherinnen. Die einzige Entschuldigung für so etwas ist die Tatsache, dass jede These mal bestätigt sein will.
Auch mein erster Gedanke ... aber was soll's, man hat war veröffentlicht, egal, wie nützlich es ist. Am besten, man stellt jetzt noch fest, daß Senioren über 90 noch langsamer lernen ... Fällt mir gerade ein ... hieß es nicht in den 80ern, daß Kinder möglichst noch mit 4 Jahren anfangen sollten Fremdsprachen zu lernen, weil das in dem Alter so gut ins Hirn geht ? Das sollte auch nochmal jemand entdecken und auf SPON veröffentlichen.
5.
kfp 11.09.2012
Zitat von misakoForschung ist meistens hypothesengeleitet, daher ist eine "Ueberrschung" nicht das Ziel.
Jein. Es ist aber durchaus sinnvoll, kritisch zu hinterfragen, welche Hypothese eine Studie wert ist oder eben nicht. Wenn jeder sich das Ergebnis tatsächlich schon an den Fingern abzählen konnte, vielleicht eher nicht, es sei denn, die Hypothese der Forscher ist, dass es tatsächlich eine Überraschung geben könnte. Beim Lesen der Überschrift und Kurzzusammenfassung erschien es mir (selbst in der Forschung tätig), als ob das hier eines der leider viel zu häufigen Beispiele ist, wo mittelprächtige bis schlechte Forscher den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, sprich, so in den Details ihrer Arbeit verheddert sind, dass sie völlig aus dem Blick verlieren, sich Gedanken über ein relevantes Ziel zu machen bzw. sinnvolle Fragestellungen zu definieren. Wenn man im Artikel aber ein paar weitere Details dazu liest, scheint die Forschung etwas handfester: Da scheint es eher, als ob man versucht, Details in der Sprachentwicklung besser zu verstehen, Fehlentwicklungen zu detektieren u.ä., woraus man im Zusammenhang mit anderen Ergebnis verrmutlich irgendwann durchaus interessante neue Schlussfolgerungen ziehen und Anwendungen entwickeln kann. Vielleicht ist es also weniger die Fragestellung der Forscher, sondern die zu stark popularisierte SPON-Zusammenfassung, die die Studie trivial erscheinen lässt?
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