Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Familie und Individualität: Wie das Ich entsteht

Von Renate Nimtz-Koester

Schützender Hort, strenge Prägeanstalt oder kreative Keimzelle: Was Kinder in ihrer Familie erleben, formt ihre Persönlichkeit. Manchmal wirkt familiärer Einfluss über Generationen. Doch die Prägung ist kein unentrinnbares Schicksal.

"Religion, Familie und Gemeinschaft geben nur die Bühne ab - das Stück muss jeder selber schreiben."
PICO DELLA MIRANDOLA (ÜBER DIE WÜRDE DES MENSCHEN)

Der Mann mit den fünf Namen war Satiriker aus Leidenschaft, und so kannte er auch keinen Respekt vor einer Institution, die zu seiner Zeit noch heilig war: "Die Familie (familia domestica communis, die gemeine Hausfamilie) kommt in Mitteleuropa wild vor", spottete er, "und verharrt gewöhnlich in diesem Zustande."

Offensichtlich war Kurt Tucholsky alias Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel oder Kaspar Hauser auf diese Spezies gar nicht gut zu sprechen: "Als Gott am sechsten Schöpfungstage alles ansah, was er gemacht hatte, war zwar alles gut, aber dafür war auch die Familie noch nicht da", schrieb er weiter: "Einmal, nur ein einziges Mal friedlich ohne Familie dahinleben dürfen", das sei doch "die Sehnsucht des Menschengeschlechtes".

Tucholskys Aversion gegen die Familie wurzelte in eigener Erfahrung. Als Autor von "Rheinsberg" und "Schloss Gripsholm" erheitert der kluge Humorist und freisinnige Polemiker seine Leser zwar bis heute. Und manch blühender Übermut kann den Eindruck erwecken, Kurt Tucholsky habe die Leichtigkeit des Seins voll ausgekostet.

Aber die spielerische Oberfläche täuscht: "Tief unten knistert die Angst", gestand Tucholsky in Versen, die ihn selber spiegeln. Zeitlebens kämpfte er schreibend gegen Resignation und Trauer an: "Hinter den dicken Stäben meiner Ideale", dichtete er 1918, "lauf ich von einer Wand zur andern Wand." Doch selbst wenn der Wärter die Türe offen ließe: "Man geht ja nicht."

"Da betrieb einer öffentlich Psychoanalyse", sagt Tucholsky-Biograf Michael Hepp, "sezierte seine eigenen Leiden und Empfindungen." Zerrissen und rastlos reiste Tucho umher, träumte sich, kaum mit der lebenslang geliebten Frau verheiratet, wieder fort. Auch andere Liebesbeziehungen zerbrachen. Die "Sehnsucht nach der Erfüllung", ein Lebensthema, das er in vielen Briefen nennt, blieb ungestillt - bis zu seinem Ende mit 45 Jahren, das möglicherweise ein Selbstmord war.

Unter dem Begriff "Peter-Pan-Syndrom" hat der amerikanische Psychologe Dan Kiley resümiert, was auch die Leiden des berühmten Autors ausmachte: Angst, Suche nach Nähe und gleichzeitige Fluchtreaktionen, dabei der verborgene Wunsch, auf immer Kind zu bleiben. Dieses beschwerliche Bündel, so wissen die Seelenkundler, ist Folge einer tieftraurigen Kindheit - und dort ist es auch Tucholsky aufgeladen worden.

Kurt, das Kind aus gutbürgerlich-jüdischer Familie wurde, wie seine Geschwister, von der unerbittlichen Mutter malträtiert. "Ich könnte wie ein Gott in Frankreich leben, hätte ich die verfluchten Bälger nicht." Als schreiende, übellaunige Tyrannin beherrschte die Frau ihre beiden Söhne und Tochter Ellen. Anerkennung oder gar Liebe gab es niemals: "Wir waren ein Nichts", schrieb später Ellen.

Der geliebte, vielbeschäftigte Vater hatte auf das häusliche Leben wenig Einfluss, der 15-jährige Kurt musste dessen qualvollen Syphilistod miterleben und auch, wie die Mutter dem Sterbenden das Morphium verweigerte.

"Wir alle haben unser Glücksvermögen in der Kindheit erworben. Wird es dort gestört, bleibt es ein Erwachsenenleben lang gestört", warnt Wolfgang Bergmann, Kinderpsychologe und Lerntherapeut in Hannover. "Es darf Streit und Konflikt geben, aber niemals Lieblosigkeit." Denn aus versagter Liebe und enttäuschter Sehnsucht, so der Psychologe, "erwachsen Identitätsnöte und Weltverlorenheit".

In schlichten Bildern erklärt es der australische Familientherapeut Steve Biddulph: Läuft zu Hause alles klar und liebevoll, so sei "die Familie ein Garten, in dem das Selbstbewusstsein der Kinder wächst und gedeiht". Nach 25 Jahren Praxiserfahrung weiß der Erziehungsexperte und Autor weltweit gelesener Elternratgeber aber auch, dass die heimische Umwelt "eine Wüste sein kann", in deren Gefühlsdürre alles Grün verkommt.

Die Kreativität bahnte sich, im Falle Tucholsky, trotz aller Nöte ihren Weg. Und "die Selbstheilungskräfte der Kinder sind enorm", so Bergmanns tröstliche Erfahrung. Oftmals kann die seelische Entbehrung kompensiert und später zum Guten gewendet werden. Bergmann: "Ein Junge, der an seinem Vater sehr gelitten hat, kann selber ein besonders behutsamer Vater werden."

"Höchstes Glück der Erdenkinder sei doch die Persönlichkeit", lässt Goethe seine Suleika im "West-östlichen Diwan" sagen: Die ausgewogene, starke, sichere Persönlichkeit, die jeder sein möchte - wie kann sie in ihrer Keimzelle, der Familie, gedeihen? Wie stark ist die Macht dieses engen Verbundes, die im juristischen Fachausdruck gar als "elterliche Gewalt" daherkommt? Wie weit kann der Apfel unter welchen Bedingungen vom Stamm fallen?

Den Genpool der Ahnen und die direkte Umwelt zugleich bietet jede Familie ihren Sprösslingen, betonen Gerhard Vagt und Nina Krüger, Entwicklungspsychologen an der Universität Hamburg. Grundlegend für die Herausbildung von Persönlichkeit und Identität sei die "Bindung", die im Wechselspiel zwischen Mutter und Säugling entsteht.

Über die elementare Bedeutsamkeit der innigen Beziehung zwischen Mutter und Kind in den ersten drei Jahren schrieb schon Anna Freud vor mehr als einem halben Jahrhundert. In der modernen "Bindungsforschung" werden nun diese Erkenntnisse wiederbelebt und erweitert.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Familienbande: Kreative Keimzelle, strenger Hort
Fotostrecke
Familienbande: Kreative Keimzelle, strenger Hort


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: