Ausgegraben

Ausgrabungen beim Tunnelbau Der Steinzeit-Highway über den Fehmarnbelt

Museum Lolland Falster

Der Fehmarnbelt zwischen der deutschen Insel und dem dänischen Lolland soll die schnellste Verbindung zwischen den Ländern werden. Die Idee, hier eine Straße zu bauen, hatten allerdings schon andere - wie ein gewaltiges Forschungsprojekt belegt.

Die kürzeste Verbindung von Westeuropa nach Südskandinavien führt über ein 18,6 Kilometer breites Hindernis: den Fehmarnbelt, die Wasserstraße zwischen der deutschen Insel Fehmarn und der dänischen Insel Lolland. Wer derzeit von Hamburg nach Kopenhagen fahren will, muss noch die Fähre nehmen - oder das Flugzeug. Doch bald wird es einen Tunnel geben, und dann rückt Dänemark ganz nah. Dann kann man am Morgen noch gemütlich an der Alster frühstücken und sein Mittagessen bereits am Hafen von Kopenhagen mit Blick auf die kleine Meerjungfrau einnehmen - ohne zwischenrein wirklich hungrig zu werden.

Dass man zwischen den heutigen Städten Puttgarden auf Fehmarn und Rødbyhavn auf Lolland am besten über den Belt kommt, ist offenbar keine neue Erkenntnis. Hier führte schon vor 6000 Jahren eine Handelsverbindung über das Wasser. Auf diesem Weg kamen der Ackerbau und die Viehzucht aus Mitteleuropa nach Skandinavien - und mit ihnen neue Technologien.

Getreide, Vieh und Äxte gen Norden

Die Spuren der Menschen, die an dieser Stelle den Belt überquerten, finden Archäologen derzeit bei den Vorarbeiten zu dem geplanten Tunnel. Es ist ein gewaltiges Projekt: Das dänische Staatsunternehmen Femern A/S finanziert noch bis zum Jahr 2017 über das Museum Lolland-Flaster 60 Archäologen, die eine Fläche von fast 300 Hektar untersuchen, bevor die Bagger und Bohrmaschinen anrücken dürfen. Dafür stehen den Ausgräbern an Land rund 21 Millionen Euro zur Verfügung, den Kollegen der Unterwasserarchäologie noch einmal fünf weitere Millionen.

"Der Standort für den Bau des Tunnels wurde nicht zufällig gewählt, sondern dort, wo die Überfahrt nach Deutschland am kürzesten ist. Dieselben Überlegungen haben sicherlich auch schon unsere steinzeitlichen Vorfahren angestellt, als sie Getreide, Vieh und fremdländische Äxte nach Norden transportiert haben", bestätigt die Ausgräberin Anne-Lotte Sjørup Mathiesen.

Keine wilde Ziegen auf Lolland

Zu den ältesten Handelsgütern gehören 6000 Jahre alte Äxte aus Hirschgeweih. Sie sind die ersten Exemplare ihrer Art auf der dänischen Seite des Belts. Entweder brachten Reisende sie von der Insel Fehmarn herüber - oder sie hatten auf Fehmarn derartige Äxte gesehen und fanden die Form so überzeugend, dass sie nach diesem Vorbild nun ebenfalls Hirschgeweihe zu entsprechenden Werkzeugen umarbeiteten.

Die Ausgräber fanden sie in einer Schicht aus feinem Grauschlamm, wie er sich am Boden seichter Gewässer bildet. "Die Äxte wurden dort wahrscheinlich aus religiösen Gründen deponiert", vermutet Sjørup Mathiesen. Dass die Menschen Werkzeuge in flachen Wasserstellen niederlegen, konnten die Ausgräber schon öfter beobachten: "In einigen Fällen haben die Leute sogar große Steine in das Wasser gesetzt, um eine Art Plattform für diese Gaben zu schaffen."

Definitiv vom südlichen Festland kam eine Ziege, deren Schädel Sjørup Mathiesen und ihr Team vergangenen Monat fanden - denn wilde Ziegen gab es auf Lolland nicht, ebenso wenig wie Rinder, Schafe und die frühesten Getreidesorten. Der Schädel lag ebenfalls in der Schicht aus Grauschlamm, wurde allerdings erst rund 400 Jahre später dort niedergelegt.

Neue Technik für den Ackerbau

In dem Schlamm entdeckten die Archäologen noch etwas ganz besonderes: Ein Teil des Gehirns war erhalten. Mit einem Alter von rund 5500 Jahren ist es das älteste Ziegenhirn, das jemals in Dänemark gefunden wurde. Normalerweise bleiben von steinzeitlichen Fundstellen nur die Steine übrig - alles andere Material verrottet. Doch an den Küsten von Fehmarn und Lolland liegt das Grundwasser so hoch, dass alles, was in der Erde steckt, ständig nass ist. So kann kein Sauerstoff an die organische Substanz gelangen - und damit auch keine Zersetzung stattfinden.

Ohne den zerstörenden Sauerstoff blieb sogar das fragile Flechtwerk einer Fischfalle erhalten. Sie bestand ursprünglich aus drei im spitzen Winkel aufeinander zulaufenden Flechtzäunen, die unter Wasser verankert waren. Hatten die Fische sich einmal in dieses Flechtwerk begeben, gab es für sie kein zurück mehr. "Am Ende des spitzen Winkels schwammen sie in eine Art Korb - und waren gefangen", erklärt Sjørup Mathiesen.

"Schuhleistenkeile" im Werkzeugkästen

Auch die Fischfalle stammt aus der Zeit jener Generationen, die als erste seßhaft wurden. Die Jäger und Sammler Lollands suchten sich dafür offenbar genau jene Stelle aus, die Fehmarn am nächsten liegt. Hier fingen sie zwar weiterhin Fische und jagten Wild - aber gleichzeitig probierten sie sich an den neuen Technologien des Ackerbaus, den man bereits auf dem südlichen Festland betrieb. Die archäologischen Funde östlich von Rødbyhavn helfen verstehen, wie genau dieser Übergang zwischen Mittel- und Jungsteinzeit tatsächlich verlaufen ist.

Und die Bande ans Festland reichen sogar noch weiter zurück: Sie bestanden schon vor der Jungsteinzeit. Davon zeugen zahlreiche "Schuhleistenkeile" - eine Art Keil oder Axt, wie sie schon in der Mittelsteinzeit häufig in den Werkzeugkästen der Jäger und Sammler zu finden war. Kurz bevor die Haustiere und neuen Getreidesorten über den Belt kamen und damit die Jungsteinzeit begann, gelangten auch sie schon auf dieser Verbindung von Mitteleuropa nach Lolland.



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2 Leserkommentare
middleearth 29.09.2014
geri&freki 30.09.2014

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