Luftverschmutzung durch Kaminöfen Leider dreckig

Ein Kamin gilt als behaglich, natürlich und sogar nachhaltig. Wie Messungen zeigen, tragen die Öfen jedoch erheblich zur Feinstaubbelastung bei.

Schornstein (Symbolbild)
Getty Images/Johner RF

Schornstein (Symbolbild)

Von Güven Purtul


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Gemütliche Wärme mit Holz als nachhaltigem Brennstoff - das ist das Image, das die Ofenbranche gern verbreitet. Viele halten Heizen mit Holz ohnehin für eine saubere Sache. Bund und Länder fördern den Trend zur Holzheizung sogar mit Verweis auf den Klimaschutz.

Doch was zu Hause für behagliche Wärme sorgt, entpuppt sich außerhalb der eigenen vier Wände als ein Problem für die Luftqualität: Denn Holzöfen sind Feinstaubschleudern. Nach einer Berechnung des Umweltbundesamts entsteht bei der Verbrennung von Holz im Schnitt 2500-mal mehr Feinstaub als bei einer Gasheizung.

In Deutschland gibt es gut elf Millionen mit Holz betriebene sogenannte Kleinfeuerungsanlagen. Laut Umweltbundesamt stoßen sie im Jahr 2016 insgesamt etwa doppelt so viel Feinstaub aus wie alle Lkw- und Pkw-Motoren. Und das, obwohl die meisten nur als Zusatzheizung zu Komfortzwecken in Herbst und Winter laufen. Der Grund: Dieselfahrzeuge werden mit Partikelfiltern ausgestattet, "Komfortöfen" eher nicht. So hat sich deren Nutzung zu einer bedeutenden Quelle für Feinstaub entwickelt.

Die Abgase aus Kaminöfen spielen auch im Streit über Verkehrsemissionen eine Rolle

Wie Untersuchungen jetzt zeigen, spielen die Öfen sogar im Grenzwertstreit des Straßenverkehrs eine Rolle. Beispiel Frankfurter Allee in Berlin-Friedrichshain: An der stark verkehrsbelasteten Messstation schlagen die Werte für Feinstaub immer wieder stark aus. Da die Herkunft des Feinstaubs unklar war, haben unter anderem Mitarbeiter der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz sowie Fachleute aus dem brandenburgischen Umweltministerium und dem Bundesamt für Risikobewertung (BfR) in einem Forschungsprojekt gezielt Levoglucosan als Indikator für die Holzverbrennung gemessen.

"Wir konnten zeigen, dass an den Überschreitungstagen im Mittel zwölf Prozent des Feinstaubs von der Holzverbrennung verursacht werden", sagt Sebastian Clemen vom Berliner Luftgüte-Messnetz (Blume). Das Ergebnis überrascht, vor allem, da die Forscher den Gesamtfeinstaub betrachtet haben, also alle Staubpartikel, die kleiner sind als zehn Mikrometer.

Besonders kleine Partikel dringen tief in die Lunge ein

"Bei der Holzfeuerung haben wir prinzipiell eher noch kleinere Partikel, die aber bei der Messung kaum ins Gewicht fallen", sagt Professor Ralf Zimmermann vom Helmholtz Zentrum München. An der Universität Rostock untersucht der Chemiker Abgase aus Verbrennungsprozessen mit einem Aerosol-Massenspektrometer.

Vor allem interessiert er sich für die kleinsten Partikel und deren Fracht. "Wenn im Mittel zehn Prozent des Feinstaubs in der Stadt aus der Holzverbrennung kommen, dann hört sich das nicht viel an, aber von den krebserregenden Verbindungen entfallen 30 bis 40 Prozent auf diese Quelle. Holzrauch enthält viel mehr polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe als zum Beispiel Dieselabgas." Die kleinen Partikel sind noch gefährlicher, weil sie tief in die Lunge eindringen können.

Für Feinstaub kleiner als 2,5 Mikrometer (PM 2,5) gilt ein Jahresmittelwert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (µg/m3). Doch laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte der Grenzwert bei zehn Mikrogramm pro Kubikmeter liegen, wie in der Schweiz. Auch bei PM 2,5 lag die Frankfurter Allee 2017 mit 17 µg/m3 an der Spitze. Überraschend ist der Blick rund 20 Kilometer nach Süden, ins Berliner Umland: Die Messstation in Blankenfelde-Mahlow liegt an einer grünen Wiese ohne großen Verkehrsfluss. Dennoch ist der Jahresmittelwert für PM 2,5 dort genauso hoch wie an der Frankfurter Allee. Holzöfen haben daran wohl einen maßgeblichen Anteil.

Partikelfilter für Kamine gibt es zwar - sie werden aber kaum verkauft

Dass die Verbrennung von Holz zur Luftverschmutzung beiträgt, ist lange bekannt. Kaminhersteller haben Maßnahmen zur Emissionsreduktion entwickelt, die sich jedoch nicht am Markt durchsetzen konnten, weil sie die Öfen verteuern. Auch Partikelfilter sind verfügbar, werden jedoch kaum verkauft.

"Aus unserer Sicht sollte der Grenzwert perspektivisch bei zehn Milligramm liegen", sagt Ingo Hartmann vom Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ) in Leipzig. In einem Forschungsprojekt konnte Hartmann den Feinstaubausstoß eines Holzofens um 90 Prozent senken, indem er verfügbare Reduktionstechniken wie eine elektronische Luftregelung, einen Katalysator und einen Partikelfilter kombinierte. Zudem seien die verbliebenen Partikel deutlich weniger giftig. Hartmann unterstützt die Bemühungen des Umweltbundesamts, einen Blauen Engel für emissionsarme Öfen zu etablieren. Auf strengere Grenzwerte wagt der Forscher indes nicht zu hoffen.

Geltende Grenzwerte werden in der Praxis oft nicht eingehalten

Dabei wäre es schon ein Fortschritt, wenn die geltenden eingehalten würden. In der Praxis überschreiten viele Holzöfen den Feinstaubgrenzwert von 40 Milligramm pro Kubikmeter. Dies zeigte das von der Europäischen Union finanzierte Forschungsprojekt BeReal von 2016. Ingo Hartmann bestätigt das: "Wir haben in den letzten Jahren schon mehrere Öfen gemessen und haben immer wieder festgestellt, dass wir die Typenprüfwerte, die da zertifiziert sind, nicht erreichen."

Von staatlicher Stelle kontrolliert und abgestellt werden diese Überschreitungen offenbar nicht. Eine Umfrage des ZDF-Magazins "Frontal21" unter den 16 Bundesländern zeigt: Die Behörden überprüfen so gut wie gar nicht, ob Einzelraumfeuerstätten Grenzwerte einhalten. Nur Brandenburg plant für 2019 erste Prüfungen.

Das Umweltministerium von Baden-Württemberg kennt die BeReal-Ergebnisse, Dennoch sieht sich das von Franz Untersteller (Grüne) geführte Haus nicht in der Pflicht, zu überprüfen, ob die Öfen in der Praxis die Grenzwerte auch einhalten, die der Hersteller angibt, sagte der Minister auf Anfrage für diese Recherche.

Allerdings hat man auch im Ländle registriert, dass sich immer mehr Bürger über den Gestank aus Holzheizungen beschweren. Und so formulierte Unterstellers Ministerium einen Antrag zur Änderung der Vorschriften: Der grüne Minister fordert nicht etwa strengere Emissionsgrenzwerte, sondern höhere Schornsteine.

Mehr zum Thema: "Frontal 21", Dienstag, 5. Februar, um 21 Uhr im ZDF


Zusammengefasst: Die Verbrennung von Holz führt bei besonders kleinen Partikeln zu einem höheren Feinstaubausstoß als der Verkehr. Forscher fordern daher strengere Grenzwerte für Holzöfen. Doch bisher werden vielerorts nicht einmal die geltenden Bestimmungen im Rahmen der Marktüberwachung überprüft. Dabei gibt es Belege dafür, dass viele Öfen diese massiv überschreiten. Statt strengerer Grenzwerte und mehr Überwachung werden von der Politik höhere Schornsteine gefordert.



insgesamt 161 Beiträge
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depribär 05.03.2019
1.
Wir wohnen sehr nett im speckgürtel von München. Die kaminöfen in unsere kleinen Siedlung machen einen Aufenthalt im Freien unerträglich.
ironcock_mcsteele 05.03.2019
2.
Es reicht, im Winter durch Neubaugebiete zu fahren. Es stinkt wie bei einem Waldbrand. Bevor der Diesel verboten wird, sollte man sich überlegen, ob das Land es dulden muss, dass immer mehr Menschen heizen wollen wie vor 10.000 Jahren.
alphabit 05.03.2019
3.
Danke für den Beitrag. Dasz Holzöfen der Hauptverursacher für PM2.5 und PM10 sind ist in den USA und Kanada schon seit mehr als 30 Jahren bekannt, und die sogenannten Umweltexperten in Deutschland sollten wohl mal die englische Literatur zum Thema lesen. In Kanada gab es deshalb auch schon Initiativen wo man alte Holzöfen gegen effiziente neue umtauschen kann, die eine höhere Verbrennungstemperatur erreichen und dadurch Staubemissionen deutlich verringern. Da sieht man dann auch keinen Rauch mehr aus dem Schornstein kommen.
harald441 05.03.2019
4. Na und?
Der nächste Luftzug trägt den Kaminofenqualm weg und verdünnt ihn mit der 3. Potenz der Entfernung zum Schornstein. Der nächste Regen wäscht ihn aus der Luft und die ach sogefährlichen Feinstubkörnchen in Mikrometergröße düngen die Wiese. Fazit: In der Umgebung meines Kaminofenschornsteins ist noch kein Tier verendet, kein Mitmensch hat einen Erstickungsanfall bekommen, und kein Baum ist eingegangen. Also was wollt Ihr altdeutschen Besserwisser denn nun?
mescal1 05.03.2019
5. Ach, wie muss es schön sein
in der Stadt zu wohnen. Nach dem Diesel wird wohl auch noch der Kaminofen ausgesperrt. Fröhliche Gemütlichkeit wünsche ich euch allen.
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