39.000 Jahre alte Höhlenkunst Erstmals Gravuren von Neandertalern entdeckt

Kunstwerke auf Fels wurden bislang ausschließlich dem modernen Menschen zugeschrieben. Doch jetzt haben Forscher in einer Höhle in Gibraltar erstmals Gravuren entdeckt, die von Neandertalern stammen sollen. Sie sind 39.000 Jahre alt.

DPA/ The Gibraltar Museum/ Clive Finlayson

Es ist eine Premiere für die Anthropologie: Erstmals haben Forscher Felsgravuren von Neandertalern gefunden. In einer Höhle in Gibraltar stieß das internationale Team auf kreuzförmige Einkerbungen, die mindestens 39.000 Jahre alt sind.

Die Gorham-Höhle in Gibraltar an der Südspitze der Iberischen Halbinsel mit Blick aufs Meer ist seit Langem als ehemalige Behausung von Neandertalern bekannt. Die Wissenschaftler um Ruth Blasco und Clive Finlayson vom Gibraltar-Museum haben die Gravuren auf einer etwa einen Quadratmeter großen, natürlichen Plattform entdeckt, die rund 40 Zentimeter über dem Niveau des damaligen Höhlenbodens lag.

Die unterste Deckschicht über der Gravur datierten die Forscher mit geochemischen Analysen auf ein Alter von 39.000 Jahren. Die Symbole selbst müssen also älter sein, schreibt das 17-köpfige Team im Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences". Zu der Zeit sei der moderne Mensch noch nicht in dieser Gegend angekommen. Die in der Deckschicht gefundenen Werkzeuge werden der sogenannten Moustérien-Kultur und damit dem Neandertaler zugeordnet.

317 Schläge in die Rille

Die Experten schließen aus, dass die Vertiefungen versehentlich entstanden sind. Sie unternahmen dazu Versuche mit Kalkstein, wie er am Boden der Höhle vorliegt, und zerschnitten darauf mit spitzen oder klingenförmigen Steinen die Haut eines Schweins. Die dabei entstandenen Rillen unterschieden sich nach Angaben des Teams deutlich von den gefundenen Felsgravuren. Diese stellten somit keine Gebrauchsspuren dar, sondern dekorative Muster.

Um die tiefsten Rillen zu erzeugen, brauchten die Wissenschaftler mindestens 54 Schläge. Für die acht größeren und fünf kleineren Rillen der Felszeichnung kalkulieren sie insgesamt zwischen 188 und 317 Schläge. "Wir folgern, dass diese Gravuren ein absichtliches Muster darstellen, erdacht, um von seinem Neandertaler-Schöpfer gesehen zu werden und - unter Berücksichtigung seiner Größe und Lage - auch von den anderen in der Höhle", schreibt das Team.

Der gravierte Kalkstein war überdeckt von Schichten aus Sand, Ton und anderen Gesteinen. Den Erkenntnissen der Forscher zufolge wanderten Phosphor- und Manganionen aus der Deckschicht in die oberste Schicht des Kalksteins. Aus dem tieferen Kalkstein selbst gelangten Magnesium und Kalzium an die Oberfläche. Diese mineralische Härtung des Kalksteins habe die Felsgravuren besonders gut konserviert.

Kunstwerke an Höhlenwänden wurden bisher nur dem Homo sapiens eindeutig zugeschrieben. Erste Zweifel an dieser These weckte eine im Juni 2012 erschienene Studie über Malereien in einer Höhle in Spanien. Hier kamen neben dem modernen Menschen auch Neandertaler als Urheber in Frage.

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boj/dpa



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TS_Alien 01.09.2014
1.
Eine interessante Entdeckung. Neben den für sich sprechenden Fakten wird zusätzlich spekuliert (wie bei vielen archäologischen Entdeckungen). Muss das sein? Niemand weiß, ob das ein Kunstwerk ist oder nicht. Niemand wird es jemals wissen.
cj89 02.09.2014
2. Erfreulich
Mich erfreuen die Entdeckungen der letzten Jahre über Neandertaler! Sie scheinen intelligenter gewesen zu sein als die grunzenden Primitiven, als die wir sie kennengelernt haben seit ihrer Entdeckung. Am erstaunlichsten finde ich jedoch, dass wir Europäer 2% an Neandertalergenen in uns tragen. Je mehr ich über sie erfahre desto glücklicher bin ich darüber!
Miere 02.09.2014
3. Ach, waren die da nicht ausgestorben?
Hatten Sie nicht selbst hier auf SPON vor einigen Wochen einen Artikel, dass eine neue Studie bewiesen habe, die Neandertaler seien schon vor 40k Jahren ausgestorben? Ja was denn nu? Eins ist klar, alles hängt von sicherer Datierung ab.
Ursprung 02.09.2014
4. In der richtigen Zeit
Es gab keinen Grund zu vermuten, Neandertaler haetten keine Zeichnungen in Felsen und andere Untergruende zu machen gehabt oder es nicht gekonnt. Nichtfunde heisst ja nicht Nichtexistenz, sondern nur Nichtfunde. Prima, dass heute Archaeologen so sorgfaeltig vorgehen, lieber erstmal irgend eine Deckschicht genau zu analysieren, bevor sie abgekratzt wird. Meistens, um darunter vielleicht nichts zu finden. Diesmal haben die was gefunden. Ist doch prima. Ob Gibraltar damals wie heute ein Enklave aus alten Zeiten uebrig Gebliebener war, ringsum das Territorium jedoch bewohnt ist von Leuten aus der richtigen Zeit?
jhea 02.09.2014
5. Ich bin immer wieder erstaunt
was die alten Kulturen, bzw Neanderthaler so alles zu werke brachten :)
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