Fett-Veranlagung Forscher sind Übergewichts-Genen auf der Spur

Dicker Hintern wegen des Erbguts? Jetzt haben Forscher den bisher besten Beleg für einen Zusammenhang zwischen Genom und Gewicht gefunden: das FTO-Gen. Fraglich ist noch, welchen Einfluss es genau hat - jeder sechste Europäer könnte betroffen sein.


Als "mysteriöses", "weitverbreitetes" Fettleibigkeits-Gen bezeichnet die Wissenschaftszeitschrift "Science" einen Überraschungsfund britischer Mediziner: "Der erste eindeutige Beleg, der zu erklären hilft, warum einige Menschen fett werden und andere dünn bleiben." Mit dem Helfen ist das so eine Sache, aber überraschend war der Fund allemal.

Gen und Genuss: Forscher finden den bislang härtesten Zusammenhang zwischen Ergbut und Fettleibigkeit
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Gen und Genuss: Forscher finden den bislang härtesten Zusammenhang zwischen Ergbut und Fettleibigkeit

Andrew Hattersley und Timothy Frayling von der Peninsula Medical School analysierten zusammen mit Kollegen von der Oxford University die Erbgut-Sequenzen von Zuckerkranken: Knapp 2000 Datensätze von Diabetes-Patienten verglichen sie mit fast 3000 Sequenzen gesunder Kontrollpersonen. Eigentlich wollten sie genetische Faktoren der Zuckerkrankheit untersuchen. Dazu analysierten sie die Varianz von nahezu 500.000 unterschiedlichen genetischen Markern. Auf Chromosom 16 lauerte dann die Überraschung.

Ein Gen namens FTO war bei den Diabetikern überraschend häufig verändert. Das ließ die Forscher stocken, denn FTO hatte keinen Einfluss auf die Insulinproduktion im Körper - wie die anderen Gene, bei denen man einen Zusammenhang mit der Zuckerkrankheit vermutet. FTO schien sich direkt auf den Körpermasseindex (BMI, siehe Kasten) auszuwirken.

Mit doppelte Gen-Variante drei Kilo schwerer

Insgesamt 41 Wissenschaftler stürzten sich auf "sprichwörtlich jede einzelne Studie, die wir finden konnten", sagte Andrew Hattersley. Jede Forschungsarbeit, in der das FTO-Gen und der Körpermasseindex erfasst wurden, ging ein. So flossen Daten von fast 39.000 Menschen in die Studie ein, die nun in der Wissenschaftszeitschrift "Science" veröffentlicht wurde.

Das Ergebnis klingt beeindruckend: Wer eine bestimmte Variante von FTO im Erbgut trägt, wiegt wahrscheinlich mehr als jemand ohne die Variante. Fanden sich gleich zwei der veränderten FTOs im Genom, waren die untersuchten Personen im Durchschnitt drei Kilogramm schwerer als ohne Menschen ohne diese Variante - und ihre Wahrscheinlichkeit, Adipositas (Fettleibigkeit) zu entwickeln, war 1,67 Mal höher.

Doch heißt das, Dicke müssen jetzt zum Gentest? Immerhin tragen 16 Prozent der Europäer, also rund jeder Sechste, zwei Kopien der verdächtigten Genvariante im Erbgut. Und was würde ihnen eine FTO-Untersuchung bringen? Können sich Schleckermäuler andererseits beruhigt zurücklehnen?

"Das klingt jetzt etwas gehässig, aber anhand eines einzelnen Gens kann man kaum mehr diagnostizieren als mit einer Personwaage", sagte Hans-Georg Joost, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (Dife) in Potsdam-Rehbrücke zu SPIEGEL ONLINE. Er erforscht selbst die genetischen Grundlagen von Diabetes und an seinem Institut wurde ein komplexes Mausmodell für die Erbfaktoren von Fettleibigkeit entwickelt.

Was "Fett-Gene" machen und bedeuten, ist meist unklar

"Wir wissen daraus, wie variabel das ist", sagte Joost. Schlimmer noch, selbst in der Vererbung von einer Generation zur nächsten, werde die Anlage für Fettleibigkeit nur etwa zur Hälfte durch Gene bestimmt. Andere Effekte trügen zum Rest bei - und seien noch wenig erforscht. Tatsächlich melden Forscher immer wieder, "das" Fett-Gen gefunden zu haben. Was das genau bedeutet, bleibt aber meist unklar.

  • Auch bei FTO wissen die Wissenschaftler bislang nicht, was genau das Gen tut. Forscher würden "ein Wettrennen veranstalten", um sein Funktion herauszufinden, sagte Jeffrey Flier von der Harvard Medical School in Boston. Doch bislang ist der Wissensstand ganz schlicht: Bei dickeren Leuten tritt öfters verändertes FTO auf, so etwas nennen Forscher eine Assoziation.
  • Im vergangenen Jahr veröffentlichten Forscher, ebenfalls in "Science", eine Studie über die gewichtige Rolle des Gens INSIG2. Für diese Assoziation wurden sie gefeiert - offenbar voreilig. Denn just die Autoren der neuen, riesengroßen Studie konnten den vermeintlichen INSIG2-Zusammenhang nicht reproduzieren. Wenigstens dieses Schicksal könnte der FTO-Studie erspart bleiben. Die Datenbasis gilt als sehr solide. "Keine Frage, das ist korrekt", kommentierte Francis Collins, Leiter des Humangenomprojekts.
  • Erst Anfang April zeigten Ernährungsforscher aus Jena und Potsdam aber im Experiment mit Mäusen, dass auch schadhafte Gene nur dann zum Fettbauch führen, wenn auch die Ernährung entsprechend nachteilig ist: "Ungesundes Essen, nicht Veranlagung macht dick", schien die Lehre daraus zu lauten. Schlechte Gene lassen schlechte Gewohnheiten stärker zu Tage treten. "Für den Einzelnen ist Veranlagung immer nur eine Wahrscheinlichkeit", sagte Joost.

"Fettleibigkeit ist wohl die härteste Nuss in der gesamten Genetik", gibt der Potsdamer Forscher zu bedenken. Nach seinen Schätzungen könnten zwischen 20 und 50 Gen-Varianten "das Gewicht eines Menschen in eine bestimmte Richtung drücken". Ob sie es aber auch tun, hängt wohl stark vom individuellen Verhalten ab.

Gene verändern sich nicht in ein, zwei Jahrzehnten

"Die Tatsache, dass in den letzten 20 bis 30 Jahren statistisch das Gewicht zugenommen hat, ist auch irgendwie tröstlich", sagt Joost, "denn Gene ändern sich ja nicht so schnell." Wenig Bewegung und Ballaststoff-arme Ernährung seien hingegen eindeutige Trends der letzten Jahre. "Diese beiden Komponenten sind das allerwichtigste", sagte er. Für den einzelnen sind also die Gene ziemlich uninteressant.

Auch die Autoren der Studie selbst betonen, dass ihre Ergebnisse eher für die weitere Forschung relevant sind, weniger für die Diagnose oder gar die Behandlung von fettleibigen Patienten. Experte Joost findet eine andere Frage viel spannender - und wohl auch leichter zu beantworten: Warum fanden seine Kollegen gerade bei Zuckerpatienten die FTO-Häufung? "Das könnte für die zukünftige Risikoabschätzung für Typ-II-Diabetes sehr interessant werden", sagte er.

stx



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