Fettleibigkeit: Atlas der dicksten Amerikaner

Zwei Drittel der US-Einwohner sind übergewichtig oder fettleibig - und binnen 25 Jahren hat sich ihr Anteil an der Bevölkerung mehr als verdoppelt. Das zeigt eine neue Vergleichsstudie, die eine Aufstellung der fettreichsten Staaten enthält.

Die Korrespondentin von Associated Press nimmt in ihrer Deutung des Berichtes kein Blatt vor den Mund: "Mississippi ist der fetteste Staat der Nation", titelt die Nachrichtenagentur. Der Staat im Süden der USA ist der erste in der Geschichte des Landes, in dem fettleibige Menschen einen Bevölkerungsanteil von über 30 Prozent ausmachen. "Wir haben einen langen Weg vor uns", sagte der Demokratische Abgeordnete Steve Holland. "Wir lieben hier in Mississippi frittiertes Hühnchen und alle anderen frittierten Sachen und alles Fett und allen Speck, den wir bekommen können."

Fettleibig bedeutet: Der oder die Betreffende hat einen Body Mass Index (siehe Kasten) von über 30. Ein Mensch von einer Körpergröße von 180 Zentimetern Körperlänge etwa erfüllt dieses Kriterium ab einem Gewicht von 100 Kilogramm. Ab einem BMI von 25 gilt jemand als übergewichtig. Zählt man die beiden Gruppen zusammen, ergibt sich ein noch beunruhigenderes Bild: Zwei Drittel aller US-Amerikaner fallen in diese Gruppe.

In Mississippi trifft die Definition für Fettleibigkeit auf 30,6 Prozent der Bevölkerung zu. Auf Platz zwei der Fettleibigkeitsskala landete West Virginia mit 29,8 Prozent, auf Platz drei Alabama mit 29,4 Prozent.

In 19 Staaten mehr als jeder Vierte fettleibig

Mehr als ein Viertel der Bevölkerung ist in 19 Staaten fettleibig - dem Bericht der US-Organisation "Trust for America's Health" zufolge fünf Staaten mehr als noch im vergangenen Jahr. Das Wachstum ist rasant. Vergleicht man die Fettleibigkeitskarten der Jahre 1991 und 2004/2006 wird das Tempo deutlich, mit dem die Bürger der USA an Gewicht zulegen (siehe Abbildung): 1991 ist der größte Teil der Karte blau markiert (unter 15% Fettleibige). Die Karte mit Daten aus den Jahren 2004 bis 2006 ist überwiegend hellrot (über 20%) und dunkelrot (über 25%) eingefärbt. Besonders im Süden und Mittleren Westen ist die Bilanz verheerend.

Bis 2010 wollen die US-Gesundheitsbehörden den Durchschnitt für jeden einzelnen Staat wieder auf 15 Prozent senken - ein ehrgeiziges Ziel. Die schlankesten Amerikaner leben dem Bericht zufolge heute in Colorado - aber selbst dort liegt der Anteil der Fettleibigen noch bei 17,6 Prozent.

All diese Werte dürften das tatsächliche Ausmaß der Gewichts-Krise der USA sogar eher unter- als überschätzen - denn die Daten wurden in Telefonbefragungen durch die US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) erhoben. Der eine oder andere Teilnehmer, fürchten Fachleute, habe sich womöglich etwas leichter gemacht, als er wirklich ist. Tatsächlich ergab eine weitere stichprobenartige Studie der CDC im vergangenen Jahr einen landesweiten Anteil Fettleibiger von 32 Prozent. Für diese Studie waren Menschen tatsächlich gewogen worden.

Fetthaltige Ernährung und Bewegungsmangel

Als Hauptursachen für das desolate Bild, das 85 Prozent der US-Bürger inzwischen als "Epidemie" wahrnehmen, gelten die üblichen Verdächtigen: einseitige, zu fetthaltige Ernährung und Bewegungsmangel. Als wichtiger Faktor zweiter Ordnung gilt Armut: Familien, die wenig Geld zur Verfügung haben, tendieren zu frittiertem Essen, weil sich so die Kalorienzahl billig erhöhen lässt. Außerdem wird in armen Gegenden gerade von Kindern weniger im Freien gespielt, Geschäfte mit frischem Obst und Gemüse liegen nicht in Reichweite.

James Marks von der Robert Wood Johnson Foundation, die den Bericht mitfinanziert hat, sprach von einer "vernichtenden Bilanz". Man befinde sich "mitten in einer Krise der öffentlichen Gesundheit, die immer noch rasend schnell schlimmer wird." Dennoch, so Marks weiter, "behandeln wir die Situation wie eine Unannehmlichkeit, nicht wie einen Notfall. Im vergangenen Jahr sind die Fettleibigkeitsanteile in 22 Staaten größer geworden, und in keinem einzigen kleiner. Das ist kein Forschritt."

In Mississippi hat man immerhin begonnen, sich dem Problem ernsthaft zu widmen: Ein neues Gesetz fordert von den Schulen mindestens 150 Minuten körperliche Aktivität und 45 Minuten Gesundheitserziehung pro Woche für alle Schüler bis zur achten Klasse. Bislang war der Sportunterricht dort ein Wahlfach.

cis/AP

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