Fields-Medaillen für Mathematiker Deutschland kann mit Sieg rechnen

Anfang August treffen sich Tausende Mathematiker in Rio zur Vergabe der Fields-Medaillen, der höchste Preis ihres Fachgebiets. Als Topfavorit gilt das Bonner Ausnahmetalent Peter Scholze.

Mathe-Muffel oder Überflieger?
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Mathe-Muffel oder Überflieger?

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Die Deutschen haben gute Erinnerungen an Rio de Janeiro. Am 13. Juli 2014 besiegte die Fußballnationalmannschaft das Team von Argentinien hier mit 1:0 und holte den Weltmeistertitel. In wenigen Tagen ist ein weiterer Triumph Deutschlands in Rio möglich. Doch diesmal geht es nicht um Sport, sondern um Mathematik.

Vom 1. bis zum 9. August versammeln sich Zahlentheoretiker, Algebra-Spezialisten, Statistiker und Geometrie-Profis aus der ganzen Welt zum International Congress of Mathematics (ICM). Und gleich am ersten Tag werden die begehrten Fields-Medaillen vergeben, die renommierteste Auszeichnung des Fachgebiets. Über die Gewinner entscheidet eine Jury der International Mathematical Union (IMU).

Schon seit Monaten diskutieren Mathematiker in Foren und auf Tagungen über die Favoriten für die vier Medaillen. Es kursieren viele Namen möglicher Preisträger. Genannt werden unter anderem der Italiener Alessio Figalli, die Ukrainerin Maryna Viazovska, der Rumäne Ciprian Manolescu, der Basilianer Fernando Codá Marques und die Französin Sophie Morel.

Topfavorit aus Bonn

Man darf davon ausgehen, dass es unter den diesjährigen Preisträgern auch mindestens eine Frau geben wird. Die Zunft der Mathematiker war über Jahrzehnte von Männern dominiert - Fields-Medaillen gingen von 1936 bis 2010 ausschließlich an männliche Forscher. Erst 2014 war erstmals eine Frau unter den Preisträgern: die Iranerin Maryam Mirzakhani, die tragischerweise 2017 im Alter von nur 40 Jahren gestorben ist.

Als absoluter Topfavorit für die Fields-Medaille 2018 gilt Peter Scholze aus Deutschland. Der 30-Jährige führt mehrere inoffizielle Internetvotes mit klarem Vorsprung an. Wenn man mit Mathematikern spricht, hört man immer wieder den Satz: "Scholze ist dran".

Bonner Ausnahme-Mathematiker Peter Scholze

Wer ist der Mann, was kann er, und wo kommt er her? Das lesen Sie hier im ausführlichen Porträt auf SPIEGEL+.Der Bonner hat eine Blitzkarriere hingelegt. Für Studium und Dissertation brauchte er vier Jahre - mit 24 war er Professor, der jüngste Deutschlands. Er erhielt diverse Auszeichnungen - unter anderem den Clay Research Award, den Preis der European Mathematical Society und den Leibniz-Preis. In seiner Dissertation entwickelte Scholze ein neues mathematisches Werkzeug - das der sogenannten perfektoiden Räume. Damit lassen sich knifflige Probleme aus der Zahlentheorie geometrisch lösen.

Scholze wäre der zweite deutsche Mathematiker, der die Fields-Medaille bekommt. 1986 hatte Gerd Faltings, wie Scholze aus Bonn, den Preis für den Beweis der Mordell-Vermutung erhalten.

Eifersucht von Alfred Nobel?

Die Fields-Medaille gilt als inoffizieller Nobelpreis für Mathematik. Doch dieser Vergleich hinkt: Zum einen gibt es die Fields-Medaillen nur alle vier Jahre - dann meist für vier Gewinner. Zum anderen existiert dabei eine Altersbegrenzung, die es beim Nobelpreis so nicht gibt. Eine Fields-Medaille kann nur bekommen, wer im Jahr der Verleihung höchstens 40 Jahre alt ist.

Mathematiker bedauern übrigens durchaus, dass es für sie keinen eigenen Nobelpreis gibt. Der fehlende Preis wird immer wieder mit einer angeblichen Eifersüchtelei zwischen Alfred Nobel und dem schwedischen Mathematiker Magnus Gösta Mittag-Leffler erklärt. Mittag-Leffler soll der Legende nach ein Auge auf Nobels Frau geworfen haben, worauf dieser den Mathematikern einen eigenen Preis verwehrte.

In Wahrheit war Nobel gar nicht verheiratet, außerdem gibt eskeine Belege für einen Streit zwischen Nobel und Mittag-Leffler. Nobel hielt die Mathematik schlicht nicht für bedeutend genug, um ihr einen eigenen Preis zu stiften.

So mussten die Mathematiker ihren eigenen Preis erfinden, was sie dann in den Dreißigerjahren auch taten. Das Preisgeld betrug 1936 noch 1500 kanadische Dollar, inzwischen liegt es bei 15.000.

Das Länderranking der Fields-Medaillen führen die USA und Frankreich an - gefolgt von Russland und Großbritannien. Deutschland ist mit bislang einer Auszeichnung in der Geschichte des Preises weit abgeschlagen. Dabei gehörte das Land zumindest bis zur Nazizeit zu den Topnationen der Welt - Gelehrte wie David Hilbert, Felix Hausdorff, Emmy Noether, Georg Cantor und Bernhard Riemann prägten die Entwicklung des Fachs maßgeblich.

Erste Fields-Medaille für eine Frau

Sollte Peter Scholze am 1. August tatsächlich eine Fields-Medaille bekommen, könnte Deutschland immerhin zu Belgien aufschließen, das mit Pierre Deligne und Jean Bourgain bereits zwei Preisträger hat.

Ein verblüffende Fügung dabei ist die akademische Verwandtschaft von Scholze und Deligne. Der Belgier ist der Doktorvater von Michael Rapoport, jenem Mathematikprofessor, bei dem Scholze in Bonn promoviert hat. Die Medaille bliebe quasi in der Familie.

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