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Figuren-Test: Geometrie ist im Hirn verankert

Das Verständnis für Geometrie ist offenbar eine angeborene Fähigkeit aller Menschen. Ureinwohner aus dem Amazonasgebiet können mit Kreis, Linie und Quadrat gut umgehen - obwohl ihre Sprache keine Begriffe dafür enthält. SPIEGEL ONLINE zeigt einen Teil des Tests, den die Ureinwohner absolvierten.

Eine Schule haben die meisten Mundurukú noch nie von innen gesehen, Messwerkzeuge sind ihnen unbekannt, sie kennen nicht einmal Wörter für geometrische Figuren. Das machte die Ureinwohner des Amazonas-Regenwaldes zu idealen Kandidaten für einen Test, mit dem sich prüfen lässt, ob Menschen nur Dinge begreifen können, für die sie Worte besitzen.

Ein Team um Stanislas Dehaene vom Collège de France in Paris hat während einer Reise durch entlegene Amazonas-Gebiete Dörfer der Mundurukú besucht und die Bewohner zu Geometrietests gebeten.

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Geometrie-Test: Erkennen Sie die Figuren?

Zuerst sollten die Probanden geometrische Konzepte wie Linien, Punkte, Kongruenz oder Symmetrie intuitiv erfassen. Zu jedem Begriff hatten die Wissenschaftler ein sechsteiliges Bild vorbereitet, bei dem ein Teil dem Oberbegriff nicht gerecht wurde - beispielsweise eine Ellipse unter fünf Kreisen. Die Testkandidaten mussten in ihrer Sprache benennen, welches Teilbild sie "hässlich" oder "merkwürdig" fanden.

Das Resultat: Zumindest was die Geometrie betrifft, geht es auch ohne die passenden Worte. Durchschnittlich erkannten die Mundurukú in 66 Prozent der Fälle das falsche Objekt. Selbst sechsjährige Kinder konnten bei dem Test gut mithalten, schreiben Dehaene und seine Kollegen im Fachblatt "Science" (Bd. 311, S. 381). In der euklidischen Geometrie mit Linien, Punkten, Parallelen und rechten Winkeln lag die durchschnittliche Trefferquote gar bei 84 Prozent.

Die Ureinwohner bewiesen auch, dass sie sich anhand einer Landkarte orientieren können. Die Wissenschaftler bauten drei unterschiedliche Kästen auf und versteckten unter einem Kasten einen Gegenstand. Mit Hilfe einer Zeichnung, auf der das Versteck mit einem Stern gekennzeichnet war, sollten die Testpersonen das verborgene Stück finden. 71 Prozent der Teilnehmer bestanden den Test und bewiesen damit, dass sie die zweidimensionale geometrische Information auf der Karte mit der realen Umgebung verbinden können.

Später wiederholten die Wissenschaftler mit Schulkindern und schulgebildeten Erwachsenen aus den USA die Tests. Die Mundurukú schnitten unabhängig von ihrem Alter genauso gut ab wie die amerikanischen Schüler, nur die Erwachsenen mit geometrischen Vorkenntnissen waren insgesamt erfolgreicher als die Amazonas-Bewohner.

Die Schlussfolgerung der Forscher: Obwohl formale Bildung die geometrischen Fähigkeiten anscheinend verbessert, gibt es ein universelles, auch ohne Ausbildung vorhandenes Verständnis für Geometrie.

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