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Bizarrer Dokumentarfilm: Wenn sich die Sonne um die Erde dreht

Von , New York

Erde und Sonne: Geozentrisches Weltbild wurde schon im Mittelalter widerlegt Zur Großansicht
NASA

Erde und Sonne: Geozentrisches Weltbild wurde schon im Mittelalter widerlegt

Ist die Erde der göttlich bestimmte Fixpunkt des Universums? Ein Dokumentarfilm aus den USA befeuert die längst widerlegte Theorie. Hinter dem Film stecken dubiose Gestalten, Mitwirkende distanzieren sich schon vor dem Start.

Kate Mulgrew ist eine Science-Fiction-Ikone. Von 1995 bis 2001 spielte sie Captain Kathryn Janeway in der TV-Kultserie "Star Trek: Raumschiff Voyager". Als dessen Kommandantin legte sie 70.000 Lichtjahre zurück und traf Aliens und Asteroiden.

Seither hat die US-Schauspielerin zwar viele andere, anspruchsvollere Rollen gemeistert, zurzeit etwa in der Netflix-Hitshow "Orange Is the New Black". Doch bis heute identifizieren die Fans sie mit der "Voyager"-Chefin - als Autorität für interstellare Belange, fiktive wie reale.

Das wird ihr nun zum Verhängnis. Ist sie doch unverkennbar die Sprecherin eines neuen Filmtrailers über, nun ja, das Geheimnis Weltall: "Alles, was wir über unser Universum zu wissen glauben", sagt sie, gefolgt von einer dramatischen Kunstpause, "…ist falsch".

Wenn Mulgrew nur geahnt hätte, wem sie da ihre Stimme lieh - und ihre Glaubwürdigkeit.

"The Principle" heißt der Film, für den sich die Schauspielerin verwendet, assistiert von einer Reihe durchaus seriöser US-Wissenschaftler. Ein ernstzunehmender Dokumentarfilm also, so scheint es, über "eine der hitzigsten Debatten dieses Jahrhunderts": die ewige, nie geklärte Frage, warum und wie die Welt funktioniert.

"Drastisch kontroverse Natur"

Den Endschnitt des Films haben bisher nur wenige gesehen. Anfang April fand in West-Hollywood ein Screening für handverlesene Gäste statt. Auch ein Premierendatum steht noch nicht fest. Nach Angaben der Produzenten liegt das am "anspruchsvollen Charakter des wissenschaftlichen Inhalts und der drastisch kontroversen Natur unseres Films".

Einen wenn auch kryptischen Vorgeschmack gibt der Trailer; er wirbt mit cineastischem Pomp: Digitale Planeten zischen vorbei, man sieht Sterne und Gewitterwolken über Paris, die Musik schwillt an, Wissenschaftler sprechen von einer "Krise der Kosmologie", vom "größten Mysterium der Schöpfung", vom "Moment der Wahrheit" und davon, dass "die Zukunft sehr trübe aussieht": "Alles Leben wird sterben."

Zwischen den Zeilen propagiert der Film, der irgendwann "im Frühjahr" in die US-Kinos kommen soll, eine abstruse, längst widerlegte, aber stets wiederkehrende Idee: dass sich die Sonne um die Erde dreht und die Erde gar der göttlich bestimmte, fixe Angelpunkt eines rotierenden Universums ist.

"Galileo irrte, die Kirche hatte recht"

Das sogenannte geozentrische Weltbild gibt es schon sehr lange. Spätestens Kopernikus, Kepler und Galilei widerlegten es zwar mit ihren Beobachtungen. Doch bis heute gibt es unbelehrbare Geozentriker.

Einer von ihnen ist der Mann hinter "The Principle", der christlich-konservative US-Autor Robert Sungenis. In seinem schon etwas angestaubten Buch "Galileo Was Wrong, The Church Was Right" ("Galileo irrte, die Kirche hatte recht") versucht er, "der Bibel ihren verdienten Platz zu geben und zu zeigen, dass an der Wissenschaft nicht viel dran ist".

Sungenis gehört zu jenen Verschwörungstheoretikern, die unter anderem glauben, dass die Mondlandung 1969 gestellt worden sei, die 9/11-Anschläge aufs Konto staatlicher "Insider" gingen und die Fukushima-Atomkatastrophe 2011 die Folge einer israelischen Atombombe gewesen sei.

Schlimmer noch: Er hat über seine einstige Organisation Catholic Apologetics International (CAI) antisemitische Tiraden verbreitet und behauptet, dass der Tod von sechs Millionen Juden im Holocaust unbewiesen sei. Das Southern Poverty Law Center, das US-Hassgruppen beobachtet, hat ihn im Visier.

"Kaum zu glauben, dass es jemand ernst nimmt"

Und nun widmet sich Sungenis den Mysterien des Universums. Klar, dass die Plausibilität auch da zu kurz kommen dürfte. Dabei wird gerade wieder intensiv über kosmologische Rätsel diskutiert. "Cosmos: A Spacetime Odyssey", eine vom populären Astrophysiker Neil deGrasse Tyson moderierte US-Dokuserie über die Entstehung des Lebens, sorgt weltweit für Aufsehen. In Deutschland läuft sie unter dem Titel "Unser Kosmos: Die Reise geht weiter" im National Geographic Channel.

Auf diesen Zug wollte Sungenis mit "The Principle" wohl aufspringen. Dabei verbündet er sich mit den Kreationisten, die die Evolution ablehnen - auch das eine in den USA wieder ernstgenommene "Lehre", die etliche US-Bundesstaaten sogar zum Pflichtcurriculum an Schulen gemacht haben.

In den Vereinigten Staaten gelten solche Debatten keineswegs als abwegig. Einer Gallup-Umfrage zufolge sehen 46 Prozent der Amerikaner ihren Ursprung in göttlicher Schöpfung. 32 Prozent finden, dass Gott zumindest "die Hände im Spiel hatte". Nur 15 Prozent glauben an die Evolutionslehre, nach der Homo sapiens aus früheren Lebewesen hervorgegangen ist.

Schon im Vorfeld von "The Principle" wird intensiv in Blogs diskutiert, meist mit spöttischem Unterton. Auch einige der in dem Film aufretenden Wissenschaftler versuchen sich eiligst zu distanzieren. Er habe nie mitgearbeitet, schrieb der Kosmologe Lawrence Krauss im Online-Magazin "Slate": "Kaum zu glauben, dass jemand im 21. Jahrhundert die Vorstellung ernst nimmt, dass die Sonne sich um die Erde dreht oder die Erde der Mittelpunkt des Universums ist."

"Könnte unwissenschaftlicher nicht sein"

Auch die Kosmologen Max Tegmark vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und George Ellis von der University of Capetown in Südafrika gingen auf Abstand: "Diese geozentrischen Argumente könnten unwissenschaftlicher nicht sein", so Tegmark, der jüngst mit einem Buch über die Mathematik des Alls und Paralleluniversen Aufsehen erregte.

Sungenis' Partner, der Produzent Rick DeLano, freut sich jedoch über jede Kritik. "Es ist eine Ehre, zu sehen, wie dieser kleine, unabhängige Wissenschaftsfilm plötzlich einer konzertierten Internet-Attacke ausgesetzt wird", erklärte er.

Am schlimmsten aber scheint sich Mulgrew hintergangen zu fühlen. "Ich bin keine Geozentrikerin", stellte sie über Facebook klar, als bekannt wurde, wofür sie sich da hat einspannen lassen. "Ich war nur eine bezahlte Stimme - und eine falsch informierte obendrein."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 103 Beiträge
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1. Tja
bluejuly 23.04.2014
bei all der Aumerksamkeit die der Film jetzt bekommt könnte er sich am Ende sogar finanziell lohnen. Wie wäre es denn mal mit einem Film über die Miasmen? Oder N-Strahlen? Oder vielleicht über Polywasser? So lässt sich auch mit dem größten Unsinn noch Geld verdienen.
2. Das ist eine Theorie von vielen...
kilroy-was-here 23.04.2014
Besucht man in Washington DC das aero space museum in der Smithsonian museum mall, dann stellt man fest, dass in einem Bewegungsmodell beide Therien (Erde Mittelpunkt versus Sonne Mittelpunkt) einwandfrei 'drehen', also funktionieren. Erst mit 'Zusatzinformation', wie Hubble Teleskope, Raumfahrt im Allgemeinen, findet eine Theorie zum Durchbruch...
3. Aber...
Heigoto 23.04.2014
wie passt diese geozentrische Theorie denn zu der Tatsache, dass die Erde eine Scheibe ist :-;)
4. Evolutionslehre?
astsaft 23.04.2014
Bitte was? Evolution ist quasi eine wissenschaftlich belegte Tatsache. Dass daran überhaupt noch jemand ernsthaft zweifelt...
5. Spektakulär!
kayhawai 23.04.2014
Eigentlich wollte ich es noch für mich behalten und dann demnächst mit einem spektakulären Enthüllungsfilm die Welt erschüttern - aber ich verrate es schon jetzt: Die Schwerkraft gibt es gar nicht! In Wirklichkeit werden WIR ALLE mit Hilfe kleiner unterirdischer Magneten über den Planeten gesteuert! Wahnsinn!
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Atheismus und Religion
Evolution und göttliche Schöpfung
AFP
Als Charles Darwin 1859 mit seinem Buch "Die Entstehung der Arten" ("On the Origin of Species") die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch den theistischen Religionen einen schweren Schlag: Trete die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung, so die Befürchtung von Kirchenvertretern, könnte sie Gott überflüssig machen.
Kreationismus
Der Kreationismus postuliert, dass das Universum, die Erde und das Leben tatsächlich so entstanden sind wie im Alten Testament beschrieben. Allerdings existieren im Kreationismus verschiedene Strömungen. Weniger radikale Vertreter glauben, dass das Buch Mose nur eine ungefähre Darstellung der Geschehnisse enthalte und nicht wörtlich zu nehmen sei - oder dass die im Alten Testament genannten sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Die Anhänger des Junge-Erde-Kreationismus" " hingegen glauben, dass Gott die Erde und das Leben tatsächlich in sechsmal 24 Stunden erschaffen habe - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.
Intelligent Design
Fundamentalismus im Tarnkleid: Vertreter des Intelligent Design , einer pseudowissenschaftlichen Variante des Kreationismus, sprechen nicht von Gott, sondern von einer übernatürlichen Intelligenz hinter allen Dingen. Der Kreationismus wurde von seinen Anhängern in den USA vor allem aus juristischen Gründen in Intelligent Design umbenannt, da US-Gerichte mehrfach religiöse Lehren an staatlichen Schulen untersagt hatten. Unter dem neuen Etikett preisen Anhänger ihren Glauben als gleichwertige Theorie neben der Evolutionslehre. Dabei machen sie sich zunutze, dass der Begriff "Theorie" in der Umgangssprache eher die Bedeutung einer bloßen Vermutung hat. In der Wissenschaft aber verlangt eine Theorie nach Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Weltweite Verbreitung der Religion
Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet - wenn auch nicht so weit, wie manche Kreationisten gern behaupten. Im August 2006 haben US-Forscher im Fachblatt "Science" Umfragen der vergangenen 20 Jahre in den USA, Japan und 32 europäischen Staaten untersucht. Das Ergebnis: In Island, Dänemark, Schweden, Frankreich und Japan glauben jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung an eine göttliche Schöpfung. Deutschland lag auf Platz zehn mit einer Evolutionsakzeptanz von etwas über 70 Prozent. 22 Prozent glaubten an eine göttliche Schöpfung, der Rest war unsicher. Die USA landeten auf dem vorletzten Platz - vor der Türkei. Nur 40 Prozent glauben in den USA an die Evolutionstheorie, 39 Prozent an die biblische Schöpfung - mit einer Tendenz zugunsten der Religion.

Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.

Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramtsstudienanfänger an der Evolution zweifelt.
Atheismus
Als Atheismus versteht man die Ablehnung Gottes, einer göttlichen Weltordnung oder auch nur des geltenden Gottesbegriffs. Atheismus ist jedoch nicht unbedingt gleichzusetzen mit Unglauben und zu unterscheiden vom Agnostizismus , der die Frage der Existenz Gottes offen lässt.
Einer der weltweit führenden Neuen Atheisten ist Richard Dawkins .

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Darwins Evolutionslehre: Wie die Natur das Leben lenkt


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