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Flüssigsprengstoff: Höllenstoff in Flaschen

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Die in Großbritannien festgenommenen Terroristen wollten Flugzeuge offenbar mit Flüssigsprengstoff zum Absturz bringen. Die Fanatiker wollten sich eine Lücke in den Sicherheitssystemen zunutze machen: Explosive Flüssigkeiten sind mit heutiger Technik nur schwer zu erfassen.

Das Internet hat die meisten Grenzen des Informationsaustausches aufgehoben, und damit sind auch Anleitungen zum Bombenbau leichter zugänglich denn je. Das macht sich schon weit abseits des Terrorismus bemerkbar: In deutschen Bastelkellern etwa stößt die Polizei immer öfter auf potentiell hochexplosive Substanzen, in Einzelfällen horteten Freunde großformatiger Böller tonnenweise Chemikalien.

Flaschen-Abfall am O'Hare-Flughafen von Chicago nach Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen: Angst vor Anschlägen
AP

Flaschen-Abfall am O'Hare-Flughafen von Chicago nach Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen: Angst vor Anschlägen

Das Problem der Ermittler: Als Bomben-Zutaten reichen Reinigungsmittel, Kunstdünger oder Chemikalien wie Ammoniak und Formaldehyd - Substanzen, die an sich harmlos und entsprechend leicht zu beschaffen sind. Doch mit den überall im Internet verfügbaren Anleitungen kann man sie ohne besondere Chemiekenntnisse zu hochbrisanten Sprengstoffen wie etwa Hexogen oder TATP vermischen.

TATP, kurz für Tri-Aceton-Triperoxid, soll bereits bei den Bombenanschlägen von London vor einem Jahr eingesetzt worden sein, bei denen 52 Menschen starben. Welche Sprengstoffe die jetzt festgenommenen Terroristen bei ihren Anschlägen auf Flugzeuge benutzen wollten, ist bisher nicht genau bekannt. In Berichten unterschiedlicher Medien ist lediglich von Flüssigkeiten die Rede.

"Man kann Zutaten von Flüssigsprengstoffen getrennt in Getränkeflaschen transportieren, so dass sie zunächst harmlos sind", sagte ein Sprengstoffexperte des Pfinztaler Fraunhofer-Instituts für Chemische Technologie zu SPIEGEL ONLINE. "Prinzipiell ist es dann möglich, die Chemikalien vor Ort zu einem Explosivstoff zu vermischen." Dies sei ein aus dem Bergbau bekanntes Verfahren: Da man gefährliche Substanzen nicht gern unter Tage hin- und hertransportiere, werde der Höllenstoff erst vor Ort zubereitet und dann mit einer Sprengkapsel gezündet.

Eine Sprengkapsel sei jedoch nicht unbedingt notwendig. Die Zündung könne auch mit einer kleinen Menge eines zusätzlichen Sprengstoffs erfolgen, vorzugsweise mit einem reib- und schlagempfindlichen wie etwa Nitroglyzerin oder eben TATP.

Flüssigkeiten ängstigen Experten

Ob es aber möglich wäre, die Sprengstoff-Synthese auf der Toilette eines Flugzeugs durchzuführen, halten Experten zumindest für fraglich. Zwar benötige man für die Synthese etwa von TATP im Prinzip nur Aceton und Wasserstoffperoxid - zwei Chemikalien, die es in jeder Apotheke gibt. "Man kann sie aber nicht einfach zusammengießen, und plötzlich hat man einen Sprengstoff", sagt Michael Krausa vom Pfinztaler Fraunhofer-Institut. "Ich wüsste nicht, mit welchen Flüssigkeiten so etwas überhaupt möglich wäre."

Dass Behörden und Sicherheitsfachleute dennoch darüber nachdenken, Flugpassagieren die Mitnahme von Flüssigkeiten gänzlich zu verbieten, liegt daran, dass auch fertig gemischte Flüssigsprengstoffe der Luftfahrt gefährlich werden könnten. Denn die Kontrollen an den Airports sind vor allem auf optische Systeme ausgelegt, die das Gepäck mit Röntgenstrahlen durchleuchten. "Dabei wird die Dichte der Materialien untersucht", erklärt Krausa. Da feste Sprengstoffe in einem bestimmten Dichtebereich lägen, könnten sie auf diese Weise erkannt werden.

Mit einer Flüssigkeit in einer Getränkeflasche können Röntgengeräte jedoch wenig anfangen. Hier kommen andere Techniken zum Einsatz. So werden an manchen Flughäfen Gepäckteile wie etwa Laptops abgewischt und die Rückstände auf Sprengstoffspuren geprüft. Auch Luftschleusen, in denen die Umgebungsluft auf verräterische Moleküle untersucht wird, gibt es bereits.

Bomben-Zutaten in Alltagsprodukten

Doch auch sie können keine lückenlose Sicherheit gewährleisten. Denn einige potentielle Sprengstoffzutaten werden auch zu harmlosen Zwecken eingesetzt. Nitroglyzerin etwa befindet sich in Medikamenten gegen Angina Pectoris oder Herzinsuffizienz, Aceton in Nagellackentferner. Hochempfindliche Sensoren können solche Substanzen zwar in kleinsten Konzentrationen aufspüren. "Aber man will an Flughäfen auch nicht ständig Fehlalarme haben oder viel Zeit in die Kontrolle einzelner Passagiere stecken", sagt Krausa. Insgesamt hinke die Technik zum Aufspüren von gasförmigen Sprengstoffspuren der optischen Sicherheitstechnik weit hinterher.

Der Experte sieht noch ein weiteres Problem: "Man wird es nie schaffen, alle denkbaren Sprengstoffe aufzuspüren." Denn dank des Internets tauchen immer öfter sogenannte Selbstlaborate auf - Sprengstoffe, die Tüftler aus handelsüblichen Substanzen mischen und die Sicherheitsexperten bisher unbekannt sind.

Als bedrohliches Beispiel kann wiederum TATP dienen. Anfangs war es äußerst schwierig, das Teufelszeug aufzuspüren. Denn im Unterschied zu den meisten üblichen Sprengstoffen enthält TATP keine Nitroverbindungen, sondern besteht nur aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff. "Neue Sprengstoffe kann man nur entdecken, wenn sie einschlägig bekannte Inhaltsstoffe besitzen", so Krausa. Auch Spürhunde könnten überfordert sein, wenn sie einen Sprengstoff finden sollen, an dem sie nie zuvor geschnüffelt haben. "Deshalb sind die Selbstlaborate höchst problematisch", sagt Krausa.

Experten befürchten darüber hinaus, dass ein Terrorist, der zugleich ein gut ausgebildeter Chemiker ist, äußerst sauber arbeiten könnte - so sauber, dass an Gepäck und Kleidung so gut wie keine Sprengstoffspuren kleben und aus der Flüssigsprengstoff-Flasche nichts entweicht. In einem solchen Fall könnte auch der beste Spürhund nichts riechen.

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